Barbara v. Meibom: Großgruppenaufstellung Fühlen in Deutschland


Posted on April 21st, by mike.kauschke in Blog. No Comments

Barbara von Meibom

Großgruppenaufstellung Fühlen in Deutschland

Erfahrungen und Einordnungen

Integrale Konferenz Mut zum Fühlen 2017 in Berlin

Barbara v. Meibom / Berlin

(Eine gekürzte Version dieses Textes ist erschienen in evolve 18)

Vorbemerkung

Für viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Konferenz war die Großgruppenaufstellung zum Thema Fühlen in Deutschland eine tiefgreifende Erfahrung. Deswegen hat sich das Konferenzteam entschieden, Rückmeldungen und Berichte während und nach der Aufstellung in einer Dokumentation zusammenzuführen und sie den Teilnehmern und Teilnehmerinnen zur Verfügung zu stellen (bestellen)[1].

Wir wissen aus vielfältigen Erfahrungen, dass Aufstellungen nicht nur Impulse aus dem Raum des individuellen sondern auch des kollektiven Unbewussten aufgreifen können. Solche Impulse wirken über die subjektiven und individuellen Befindlichkeiten und Erfahrungen hinaus auch im Kollektiv. In welchem Maß dies der Fall ist, lässt sich letztlich nicht feststellen. Doch eines ist gewiss: Wenn Menschen in einem Aufstellungsprozess heilende Begegnungen und Erfahrungen machen dürfen, dann können wir deren Wirksamkeit, wo immer sie sich auch manifestieren mögen, in aller Dankbarkeit annehmen. Aussagen und Schlussfolgerungen über das kollektive Feld stehen hingegen immer unter einem Vorbehalt.

Die folgenden Ausführungen schreibe ich als Mitglied im Aufstellungsteam, das aus Bence Ganti (Leitung), Peter Kémeny und mir bestand. Ich konzentriere mich auf einige inhaltliche Schwerpunkte, die aus meiner Sicht deutlich über die individuelle Ebene hinausgehen und Informationen über das kollektive Feld liefern. Für deren Lektüre dienen die vorangehenden Bemerkungen als Lesehilfe.

Meine Ausführungen gliedern sich in zwei Teile:

Im ersten Teil formuliere ich sieben Thesen zu zentralen Aspekten der Aufstellung. Als Grundlage hierfür dienen Rückmeldungen von KonferenzteilnehmerInnen und RepräsentantInnen, Fotomaterial, Beobachtungen und mein Versuch zur Einordnung all dessen in übergreifende Zusammenhänge.

Im zweiten Teil skizziere ich die Integrale Theorie des Bewusstseins von Roberto Assagioli, die sogenannt Psychosynthese, in der er zwischen einer personalen und einer transpersonalen Psychosynthese unterscheidet. Dieser zweite Teil soll Interessierten als Grundlage dienen für eine detailliertere Einordnung des Geschehenen.

Grundsätzlich gilt für mich folgende Überlegung:

Gemäß dem Konzept der Psychosynthese eröffnet jeder Prozess der Bewusstwerdung, bei dem es gelingt, beängstigende, verdrängte oder abgespaltene Persönlichkeitsanteile oder solche des Kollektivs zu erkennen, zu akzeptieren und in eine Kooperation mit ausbalancierenden Kräften zu bringen, einen Weg der Heilung, der eine personale und/oder  transpersonale Psychosynthese unterstützen kann.

Sieben Thesen zu Highlights der Aufstellung

Die folgenden Thesen orientieren sich an besonderen emotionalen Verdichtungen und Dynamiken in der Aufstellung. Sie werden anschließend in aller Kürze anhand der feed-backs erläutert. Im Text sind die Namen der RepräsentantInnen sowie deren Zitate jeweils kursiv gesetzt.

These 1: Missbrauch der Väter/Männer

Wo Väter/Männer von Kräften wie Hass, Wut, Rechthaberei und Krieg vereinnahmt werden, zeigt sich die dunkle Seite des männlichen Prinzips und Männer werden missbraucht. Wenn solcher Missbrauch geschieht, werden Männer zu Tätern und das männliche Prinzip zur Täterenergie; Männer werden schuldhaft. Unerlöste Scham blockiert Gefühle. Der Weg der (Gefühls)Heilung von Männern im deutschen Kollektiv führt über die Annahme des Traumas sowie über eine Öffnung für Empathie und Verbundenheit mit der weiblichen Energie. Dies bahnt den Weg zurück zur Verbundenheit zwischen Männern, Frauen und Kindern und für einen verantwortlichen Umgang mit dem Leben.

In der Aufstellung kam es kurz nach Beginn zu einer lang andauernden emotionalen Entladung, an der die Repräsentanten von Vätern, Hass, Wut, Rechthaberei, Macht und Krieg beteiligt waren.

„Die Väter werden vom Kriegslärm angezogen und umarmen mit der Macht und dem Hass den eingeschlossenen schreienden Krieg. Schon bald wird diese Umarmung den Vätern zu intensiv und sie wollen sich losreißen. Doch sie werden vom Hass und der Macht nicht losgelassen. Mit eiserner Faust sind sie gepackt und gehalten. Hass und Macht lassen die Väter nicht entkommen. Verzweiflung kommt auf und die Väter wollen nur noch eines – von da weg.“ (Väter)

„Der Krieg, die Macht, der Hass und die Väter rangen, tobten und schrien, andere Repräsentanten wie die Erde konnten nicht mehr aufhören zu weinen. Es war unglaublich intensiv.“ (Das Kind).

„Dem Trauma ist, als würden die Väter es in den Schwitzkasten nehmen oder zu Boden treten wollen.“(Trauma)

„Die Väter können den Blick auf die verschiedenen Opfer nicht aushalten. Auch der Scham können sie nicht begegnen. Da erblicken sie eine am Boden zwischen den Beinen der Personen Herumkriechende. Dieser müssen sie zwanghaft folgen, ohne zu wissen, wer oder was das ist. Mit Erschrecken erkennen die Väter, dass dies das Trauma war. Aber sie verstehen nicht, was das Trauma ihnen zu sagen hätte, oder was dieses mit ihnen zu tun haben könnte.“ (Väter)

Väter, Hass, Krieg, Macht ringen miteinander

Nach einer Phase von blindem Aktivismus setzt beim Repräsentanten der Väter eine totale körperliche Erstarrung ein, die sich erst durch die Begegnung mit der Empathie löst. Es beginnt ein heilender Prozess, an dem Begegnungen mit dem Trauma, (interessanterweise nicht im Bericht des Repräsentanten der Väter erwähnt, BvM), mit der Scham, der deutschen Kultur, den NS-Opfern, der männlichen und weiblichen Energie sowie den Kindern beteiligt sind:

„Das Trauma geht zum Schluss zu den Vätern, die auf dem Rücken am Boden liegen und kniet sich dazu, hält später beide Füße der Väter, bis die Väter aufstehen.“ (Trauma).

„Die weibliche Energie erkennt und erfasst die Väter und die männliche Energie stützt den Rücken der Väter, bis die Väter die weibliche Energie umarmen können. Neue Kraft kommt auf und die Bereitschaft zu weiteren Begegnungen. Jetzt folgt die beschämende Begegnung mit der Scham. Endlich können die Väter sie sehen und umarmen. Dies löst die letzten Blockaden und bringt die Bereitschaft und Fähigkeit alles anzuschauen. Jetzt gelingt die Begegnung mit den NS-Opfern. Tränen der Versöhnung bewirken Aufrichtung. Danach können die Väter endlich auch die Kinder sehen und erkennen.“(Väter)

Es kommt schließlich zu einer heilenden „tiefen Berührung“ (Beobachter)mit Müttern und Kindern. So schreibt die Repräsentantin der Mütter am Ende ihres tiefgreifenden emotionalen Prozesses:

„Mein Staunen gilt der Wahrheit der Erneuerung von Liebe, gelebter, die möglich ist, die da ist…Frieden ist möglich! Am Ende: Verständnis, Lebendigkeit, Fülle, Kontakt, Dankbarkeit. Ankommen, Dasein, Tanken im Femininen. NS-Opfer (jüdische) tiefes Niederknien, Bitte, Gebet um Vergebung, Segen für das Kind, so liebevoll !!! Gefunden werden, finde Schutz, Halt, Liebe geben an das Kind.“ (Mütter)

Tiefe Berührung als Mütter, Väter und Kinder zusammen bei mir stehen!!“ (Welt).

These 2: Gefühlskälte

Gefühlskälte, „gefrorene Wärme“, so die Worte der Repräsentantin, ist nicht zuletzt eine Reaktion auf abgespaltene traumatische Gefühle von Schmerz, Schuld und Scham. Mut zum Fühlen, das Anliegen von Konferenz und Aufstellung, kann sich entfalten, wenn die blockierende Gefühlskälte durch eine posttraumatischen Heilung ‚aufgetaut‘ wird. Dies verlangt nicht nur Bereitschaft von innen, sondern auch Unterstützung von außen durch jene, gegenüber denen man sich vielleicht schuldig fühlt, durch Nahestehende ebenso wie durch das Kollektiv.

Gefühlskälte und Väter

„In der Aufstellung war ich zunächst sehr allein, keiner wollte in Kontakt mit mir gehen, ganz besonders nicht die NS Opfer. Ich buhlte um Kontakt, suchte nach Figuren, an die ich mich anhängen könnte. Der Hass schien mir zu taugen, aber auch er wollte nichts von mir wissen. Ich wollte unbedingt erkannt werden und erlöst werden, denn ich fühlte ja, dass ich nicht wirklich kalt sein müsste, dass ich eigentlich eine gefrorene Wärme war. Aber niemand erkannte das, ich stieß alle ab und war verzweifelt.

Schließlich ergab ich mich in mein Schicksal, und dann kam der Moment, wo ich bemerkte, dass ich mich verändert hatte, ich hatte die Kälte nicht mehr und die Gefühle lagen frei, sich wärmend aber ungeschützt. Auch das bemerkte niemand. Ich war nicht mehr dieselbe wie vorher, ich wusste das und wollte, dass die andren das auch wahrnehmen würden und mich in ihren Kreis einschließen.

Erst in dem Moment, als die NS Opfer mir den Finger reichten und ich mich bei ihm einhakte, kam die totale Verwandlung. Ein Schauer lief durch meinen physischen Körper wie ein Blitz. Ich lief noch eine Weile herum, aber sank ziemlich schnell zur Erde, erschöpft, ausruhen wollend. Jemand kam, nahm mich in den Arm wie ein Baby, die Berührung und das Schwingen hat mich vollständig von der Notwendigkeit, gefühlskalt zu sein, befreit.“ (Gefühlskälte)

These 3: Befreiung der männlichen Energie/Yang

Jede Energie hat eine lichtvolle und eine dunkle Seite, so auch das männliche Prinzip. Die lichtvolle lebensfördernde Seite des männlichen Prinzips steckt derzeit in einer tiefgreifenden Krise, die sich als Missbrauch von Männern (und Frauen) durch destruktive Kräfte zeigt. Dieser Missbrauch wird durch eine grundlegende Halt- und Orientierungslosigkeit bezüglich der Rolle des männlichen Prinzips im größeren Kontext des Lebens möglich. Der Verlust der Einbettung (die Dekontextualisierung) der männlichen Energie durch die fehlende bzw. fehlleitende Rolle des Vaters kreiert den Nährboden für viele Pathologien der Moderne.

Dabei spielt das Gefühl der Angst, das mit Schuld- und Schamgefühlen einhergeht, eine zentrale Rolle. Angst kann blockieren, kann aber auch als Tor zur Wandlung wirken. Wird die Angst angenommen und eine Begegnung mit vielfältigen lichtvollen Kräften innen wie außen gewagt, dann kann das yang-Prinzip erneut seine kraftvolle dem Leben dienende Rolle einnehmen.

„Mit Beginn der Arbeit begann ich zunächst rückwärts zu gehen, mich zu drehen. Eine suchende Bewegung. Haltlos. Rastlos. Ich weiß nicht mehr, ob durch eine Begegnung ausgelöst oder einfach durch den Prozess/Musik stieg ein ungeheurer emotionaler Schmerz auf, verbunden mit einer immens niederdrückenden, körperlichen Erfahrung.

Ich lief immer langsamer, abgestützt mit den Händen auf Oberschenkel und Knien lange immer weiter im Kreis. Dabei stand ich kaum im Kontakt mit irgendjemandem. Hatte wenig Verbindung mit dem, was geschah. Keinen Augenkontakt, war zeitweilig mit geschlossenen Augen unterwegs. Der emotionale Schmerz, mit dem Geschmack der Trauer, der Schuld und vor allem tiefer Verzweiflung, wurde immer stärker und drückte mich weiter nieder. Bis ich auf die Knie ging. Dabei war stets eine starke innere Kraft vorhanden, die mich weiter trieb. Niemals aufgeben. Egal, was passiert. Ich schleppte mich zeitweise kriechend vorwärts. Liegenbleiben war keine Option. Ich hatte Bilder von Kriegsgefangenen, Vertriebenen und gequälten Menschen, die sich am Rande ihrer Kraft dahinschleppen. Es fühlte sich überwältigend und hoffnungslos an. So ging es eine ganze Weile. Nach mehreren Wellen von Schmerz und Verzweiflung kam ich wieder auf die Beine.“ (Yang)

Wandlung geschieht hier durch die wiederholte Begegnung mit der Angst. Sie führt zu einer veränderten Selbstwahrnehmung, zu einer Kraft, die den Repräsentanten des männlichen Prinzips Yang auch zur Begegnung mit schwierigsten Gefühlen befähigt:

„Irgendwann kam es zu einem sehr intensiven Kontakt mit der Angst. Sehr nah, fast intim standen wir voreinander. Ich hielt sie, wie eine Geliebte am Kopf fest. Es schien wie eine intime Vereinigung. Nach Rückmeldung von Beobachtern sah es wie Sex aus.

Danach oder im Zuge dessen kam es zu einer grundlegenden Wandlung meines Zustands und meines Erlebens. Bis zu diesem Augenblick schien Vieles reaktiv, aus vergangenem Schmerz etc. gespeist. Nun konnte ich antworten, aktiver nach meiner Rolle suchen. Mein Blick ging mehr in die Runde und auf das, was wirklich um mich geschah. Mein Gang und mein Körpergefühl waren anders. Aufrecht, kraftvoll. Da. Eine der ersten Begegnungen danach war mit dem Hass.  Ich stand mit erhobenen Armen aufrecht vor ihm. In mir die Stimme, komm, komm zu mir. Ich nehme dich. Ganz. Da war keine Angst, kein Widerstand.

Es folgte eine Reihe intensiver emotionaler Begegnungen u.a. mit den Vätern, der deutschen Kultur und [deutschen] Seele. Dabei waren immer mehrere Rollen involviert. Ich erlebte mich dort zunehmend in einer stützenden und unterstützenden Rolle. Ich war da, konnte halten, Energie geben. Mindestens ein Mal ging ich vor der Schuld zu Boden und lag ihr zu Füßen. Eine längere Sequenz fand am Boden liegend und mit der Erde statt. Hier ging es um Verzeihen, die Erde um Verzeihung bitten…Mein Abschluss Wort war: Dienen.“  (Yang)

These 4: Heilungsauftrag

Nach Jahren, in denen die Heilung der Frau und des weiblichen Prinzips als individuell und kollektiv vordringlich angesehen wurden, zeigt diese Aufstellung (wie auch andere Aufstellungserfahrungen), in welchem Ausmaß Männer und das männliche Prinzip durch Macht, Krieg, Hass und Wut missbraucht werden und Heilung brauchen. Das lebensfördernde männliche Prinzip lebt in Männern wie in Frauen, sowohl in seinem Schattenaspekt, wie in seiner lichtvollen Seite. Wenn letztere entdeckt, gewürdigt, gelebt wird, werden individuelle und kollektive Heilungsweg erschlossen – im Einzelnen, zwischen Menschen, im Kollektiv. Zugleich ist diese Heilung eine wichtige Voraussetzung für ein anderes Miteinander der Geschlechter.

Eine Beobachterin schreibt:

„Dass am Schluss das Maskuline so eine Bedeutung fand, war für mich beachtlich und empfand ich so wichtig nach dem Macht-Missbrauch.“ (Beobachterin)

 „Die Wut braucht die Spiritualität, die Liebe und die Verbundenheit und Freiheit, um in ihre Kraft zu kommen. Sie will integriert sein.“ (Wut)

„Heilung geschieht durch Freiwerden der positiv männlichen Yang Kraft von Macht, Hass, Rechthaberei, Krieg“ (feed-back-Runde)

„Am Ende lagen alle großen Täterenergien am Boden“ (Beobachter).

„Es geht um Achtung statt Ächtung: Wir ehren das männliche Prinzip und erkennen es als befreit von Missbrauch“. (feed-back-Runde)

Die Aufstellung endete mit einem großen Kreis und darin zwei Kreisen, der eine um den Repräsentanten der Väter und der andere um den Repräsentanten der männlichen Energie/Yang. Beide Kreise waren das Ergebnis intensiver heilender Begegnungen zwischen den unterschiedlichsten Kräften.

These 4: Deutsche Kultur

Das, was man als Deutsche Kultur bezeichnen kann, ist zutiefst geprägt von Schuld-, Scham- und Verlusterfahrungen. Es ist ein Schmerz, der durch die schuldhafte Zerstörung einer inspirierenden Synthese mit der jüdischen Kultur und durch das Vergehen an der eigenen Kultur geschehen ist. Im Annehmen der Schuld, im Respekt vor den lichtvollen Seiten der eigenen kulturellen Wurzeln und in der Würdigung der wechselseitigen deutsch-jüdischen Inspiration kann Heilung geschehen.

In der Aufstellung kam es zu einer unerhört schmerzhaften Entladung beim Repräsentanten der Deutschen Kultur. Ihren Höhepunkt hatte sie in der Begegnung mit den jüdischen NS-Opfern. Im Rückblick gab der Repräsentant seinem ungeheuren Schmerz die Worte: „90% von mir sind jüdisch“ (Deutsche Kultur). Sein Schmerz galt aber auch dem Vergehen an der eigenen Kultur. Zahlreiche Repräsentanten wirkten an der Heilung mit und unterstützten eine neue Verbundenheit zwischen Deutscher Seele und Deutscher Kultur.

„Will zur Deutschen Seele, in ihrer Nähe sein. Fühle mich stark, alt, 1000 Jahre. Romanik – Gotik … Dürer, Holbein, Gutenberg, Goethe, Klassizismus. Bei der Seele ist die Scham und sie klebt an mir. Ich weine etwas, will sie nicht haben…

Dann kommen einige Rollen von rechts um die Ecke, links außen sind die NS Opfer /Juden … mir wird komisch und als sie näher kommen, steigt in mir etwas auf …dann steht sie vor mir, die innere Bewegung löst sich in Weinen, Schluchzen, Schmerzen auf, als sie vor mir steht. Ich liege in ihren Armen und bin überwältigt, der Schmerz ist groß. Sätze kommen: ‚Ich wollte es nicht. NEIN !!! Es tut mir so leid. Wie konnte es nur geschehen??‘…Es ist sehr schmerzhaft. Die Juden [Opfer] gehen weg, ich weine weiter, VERLUST !!!!“ (Deutsche Kultur)

„Mich hat am stärksten berührt, als die deutsche Kultur bitterlich zu weinen anfing.“ (Beobachterin)

Eine Begegnung mit dem Repräsentanten von Respekt tut der Deutschen Kultur gut. Die Begegnung mit der Gefühlskälte hingegen wird abgewehrt:

 „Sitze auf dem Boden, dann liegt die Gefühlskälte vor mir auf dem Bauch. Ich weiche zurück, ich will keinen Kontakt mit ihr. Die deutsche Romantik ist auch Teil von mir!!!“ (Deutsche Kultur)

Erst in der erneuten Begegnung mit Opfern, dieses Mal den nicht-jüdischen NS-Opfern und dem Wunsch nach Versöhnung beginnt heilende Bewegung.

„Ich komme wieder hoch, jemand nimmt mich mit und dann stehen die anderen NS Opfer vor mir …wieder Weinen. Schmerzen und der Satz ‚Es tut mir so leid!!!‘ Doch hinter dem Schmerz spüre ich auch Wohlwollen, Beruhigung. Die Opfer trösten mich. Jemand sagt „Du bist so schön“. ich kann es nicht so recht glauben.“ (Deutsche Kultur)

„Das letzte Bild: ich liege in den Armen der Opfer, die Seele ist da? Gefühl von Versöhnung, Verzeihung ist da. Bin ruhiger.“ (Deutsche Kultur)

These 6: „Ossis“ und „Wessis“

Viele Menschen aus den neuen Bundesländern erlebten und erleben durch die Art der Wiedervereinigung eine tiefgreifende Verletzung. Solange diese nicht von Menschen aus den alten Bundesländern (Wessis) wahrgenommen wird, beeinträchtigen Gefühle von Demütigung und Wut die Herausbildung einer konstruktiven gesamtdeutschen Identität. Wertschätzung für das, was die neuen Bundesländer in das Gemeinsame einbringen, ist eine Voraussetzung dafür, dass die Wunde zwischen Ost- und Westdeutschland heilt und Deutschland seine Verantwortung integral wahrnehmen kann. In diesem Prozess ist es wichtig, dass die Menschen aus den neuen Bundesländern sich auf ihre eigenen Stärken besinnen

Das ausgeprägte Gefühl, nicht gesehen, nicht geachtet zu werden, bestimmte bis kurz vor dem Ende das Erleben der Repräsentantin der Ostdeutschen.

„Zum Start der Aufstellung waren die Gefühle eher depressiv, distanziert und suchend.

Schnell entstand aber das Bedürfnis, mich verbinden zu wollen mit der deutschen Seele, der deutschen Kultur und den Wessis. Alle drei waren aber so schwer im Prozess, dass sie mich gar nicht wahrgenommen haben…

Dem folgten sehr massive Gefühle von Abgeschnitten sein, nicht dazu gehören, großer Schmerz, große Verletzung, die mich in einen Zustand brachten, der fast an Agonie grenzte, nur noch starrend, stark in der Opferrolle, zu keinem Handeln fähig. Langsam glitt dieser Zustand hinüber in Wut und zunehmend große Empörung, die irgendwann in ihrer Mischung so extrem wurde, dass ich ihr nur noch laut schreiend und auf den Boden schlagend Ausdruck verleihen konnte. Der stärkste Satz der dort in meinen Gedanken empört geschrien wurde war: WIR SIND KEIN WITZ! Wir sind Teil der deutschen Kultur und Seele!“ (Ossi)

„Wir brauchen Zugehörigkeit“ (Ossi)

Wiederholt bemüht sich die Repräsentantin der Ostdeutschen um Kontakt mit der Repräsentantin der Westdeutschen. Noch zutiefst verärgert, kommt es plötzlich zu einer Wende:

„Und obwohl ich noch mit einem entschiedenen Gefühl von: wir haben was zu klären mit Blickkontakt auf die Wessis zulief, war ab dem ersten Moment der Berührung eine mächtige Welle von Versöhnung, Verschmelzung aber auch Überfälligkeit dieses Schrittes zu fühlen. In der Umarmung wurden unsere Körper geschüttelt von heftigen Tränen und Schluchzen, die für mich nicht unsere eigenen waren, sondern die Tränen von Generationen.

In dieser Intensität habe ich dieses Gefühl nur ein einziges Mal in meinem Leben erlebt….in der Nacht des Mauerfalls, ich als 23jährige Medizinstudentin in Ostberlin direkt an der Mauer lebend. Als ich am frühen Morgen in einem High, in großer Glückseligkeit und in Partystimmung nach Westberlin gelaufen bin und die ersten Schritte in den Todesstreifen setzte, wurde ich plötzlich von einer so intensiven Heulwelle erfasst und durchgeschüttelt, wie ich es mir hätte niemals ausdenken können. Die Weinkrämpfe nahmen mir fast die Luft. Und obwohl ich in diesem Alter keine Ahnung von keiner Art Bewusstseinsarbeit hatte, war ganz schnell glasklar, dass ich gerade die Tränen Anderer weine. Dass es kollektive Tränen sind, die ich da weine und „es“ durch mich hindurchweint – die Tränen von Getrennten, Zurückgebliebenen, Geflohenen, von Sehnsucht, Leid und Generationen.

Als die Intensität dieser Erfahrung etwas nachließ, registrierte ich erst, wie viele Rollen sich zu uns gesellt hatten. Ich weiß nur noch, dass es warme, lichtvolle Rollen waren. Mir fällt aber nur noch der respektvolle Umgang (Respekt) ein und ich glaube, auch die Verbundenheit. Alle anderen krieg ich nicht mehr zusammen. Irgendwann standen wir eng umschlungen Stirn an Stirn und in Liebe und ich hatte das große Bedürfnis, den Wessis tief in die Augen zu schauen. In mir rief es bestimmt fünfzig Mal: schau mich an, bitte schau mich an! Aber sie schaute nicht, was nichts an meiner Liebe und Verbundenheit und meinem Mitfühlen änderte. Es war das liebevolle Sehen des Fakts, dass sie noch nicht so weit ist, ganz egal, was mein Wunsch und Bedürfnis war.

So hätte es bleiben können, aber die Ossis waren noch nicht fertig. In einer gefühlten Ewigkeit und ganz vorsichtig und langsam musste ich mich selbst von den Wessis trennen, die mich gern festgehalten hätten. (Wie mir die Wessifrau später erzählte, ein schmerzhafter Prozess für sie) Aber ich musste nochmal zurück in die Eigenständigkeit und mich meiner selbst besinnen.

Dann folgte einer der drei schönsten Augenblicke, als die Deutsche Kultur und die Deutsche Seele mich gleichzeitig in ihre Arme schlossen. Diese Verbindung und Anerkennung fühlte sich sehr sehr heilsam an, zwischendrin mal wie ein verlorenes Kind, dass endlich ein liebendes Zuhause findet und nach dem erlebten Ausgeschlossen sein selbst sein Herz öffnen kann. Die meiste Zeit aber nur in einem ankommenden schluchzenden JA und endlich. Endlich werde ich gesehen, darf ich ganz selbstverständlich, geliebter Teil der Kultur und Seele sein.

Ich habe keine Ahnung mehr, was genau danach geschah. Aber irgendwann stand ich gemeinsam mit den Wessis im Bonding mit der Freiheit und der Macht. Das war sehr stark. So stark, dass ich mir ein wenig Platz verschaffen musste, weil ich das Gefühl hatte zu wachsen, zu wachsen und zu wachsen und mich immer gerader und aufgerichteter hinstellen musste.“ (Ossi)

These 7: Fazit und Ausblick

Destruktive Gefühle wie Wut, Rechthaberei und Krieg und Hass können im Sinne der Psychosynthese als Ausdruck von Teilpersönlichkeiten verstanden werden. Teilpersönlichkeiten sind Energien, die aus dem Raum des Unbewussten her agieren und unkontrolliert die Führung übernehmen. Hinter jeder Teilpersönlichkeit steht jedoch eine genuine Gabe der Persönlichkeit, die sich in destruktive Überlebensstrategien pervertiert hat, weil die eigentliche Gabe nicht gelebt werden konnte/durfte. Heilung im Sinne der Psychosynthese geschieht daher in fünf Schritten. Die ersten vier sind: Erkennen, dass diese destruktive Seite gelebt wird, verstehen, dass und wie sie die Persönlichkeit beherrscht, akzeptieren was ist ohne zu bewerten (der schwierigste Schritt) und eine Kooperation mit anderen lichtvollen Persönlichkeitsanteilen suchen und herstellen, um die in der Teilpersönlichkeit verborgenen Gaben angstfrei annehmen und leben zu können. Gelingt dies, so findet die Persönlichkeit Zugang zur konstruktiven lichtvollen Seite ihrer Gaben und neue Synthesen – personal und transpersonal – werden möglich. Einige der Rückmeldungen verdeutlichen diese Dynamiken von destruktiven Teilpersönlichkeiten, Prozessen des Erkennens und von ausbalancierenden Kräften.

Rechthaberei gehört zum Krieg und war eng verbunden mit Krieg und Hass“ (Rechthaberei)

„Anfangs hat das Yang einen Führergruß bei der Führung ausgelöst“ (Führung)

Krieg und Frieden sind ein Paar, das zusammen gehört. Die Spiritualität hat die Kraft, es zu neutralisieren. Nur die Männer hatten die Kraft, mich von der Macht zu trennen. Zum Schluss war tiefer Frieden in mir und ich habe die Antwort bekommen, was der Weg zu meinem inneren und äußeren Frieden ist. Krieg kann nur mit Hass und Besserwissen [Rechthaberei] leben. (Krieg)

„Hass ist verbogene und traumatisierte LIEBE, Hass funktioniert nur, wenn ich nicht hingeschaut habe“ (Hass)

Gefühlskälte ist gefrorene Wärme.“ (Gefühlskälte)

In der Aufstellung wurde sichtbar, in welchem Ausmaß Väter/Männer in den Dienst – angstbesetzter – Gefühle wie Wut, Hass, Rechthaberei genommen werden und wie sich diese Energien in Krieg und dem Anspruch auf Macht (eine an sich neutrale Energie) entladen. Anders formuliert: Hass, Wut, Macht, Rechthaberei (das Gleiche gilt für Gier) können die männliche Energie (Yang) und Männer (z.T. auch Frauen) benutzen, um sich der Macht zu bemächtigen und diese in destruktiver Weise gegen sich und andere auszuagieren.

Solche Prozesse haben tiefe Spuren im kollektiven Unbewussten in Deutschland (und in Österreich) hinterlassen. Sie sind in der Aufstellung sichtbar geworden. In vielfältigen Begegnungen unterschiedlicher RepräsentantInnen und ihrer Energien sind dabei individuelle Heilungsprozesse möglich geworden. So konnte ein erweitertes Bewusstsein für die eigene und die kollektive Situation entstehen. Dies hat wiederum heilende Wirkungen für das Kollektiv, da alles mit allem verbunden ist.

Eine lebensfördernde Transformation destruktiver Teilpersönlichkeiten und ihrer Energien ist Voraussetzung für einen konstruktiven Umgang von Männern und Frauen mit ihrer männlichen Energie und mit ihrer Macht. Transformation setzt voraus, dass Männer und Frauen lernen, das maskuline Prinzip vom Missbrauch durch destruktive Persönlichkeitsanteile zu befreien, indem die eigenen lichtvollen Persönlichkeitsanteile angenommen werden.

Einordnung mit Hilfe des Bewusstseinsmodells der Psychosynthese (Roberto Assagioli)

Eine Einordnung der obigen Prozesse wird erleichtert durch die Psychosynthese, die auf den Italiener Roberto Assagioli (1878-1974), einen Schüler Freuds und Kollege C.G. Jungs zurückgeht. Er entwickelt mit dem sogenannten Ei-Modell ein integrales[2] Modell des Bewusstseins. Als Vertreter einer transpersonalen, d.h. die Dimension des Spirituellen einbeziehenden Psychologie und Psychotherapie, unterschied er zwischen bewusstem Selbst oder Ich einerseits, dem Höheren bzw. transpersonalen Selbst andererseits, sowie zwischen den Ebenen des tieferen, mittleren, höheren und kollektiven Unbewussten.

Abb.1: Das Ei-Modell des Bewusstseins von Roberto Assagioli, 71994, 22

Feld des Bewusstseins; tieferes, mittleres und höheres Unbewusstes

Das relativ kleine Feld des Bewusstseins prägt mein Ich-Bewusstsein und bildet im Wesentlichen die Grundlage meiner Welt- und Selbstwahrnehmung. Inhalte des mittleren Unbewussten werden relativ leicht zugänglich, wenn die Aufmerksamkeit entsprechend fokussiert wird. Im tieferen Unbewussten finden sich Vitalkräfte der Persönlichkeit, die unbewusst blieben, weil die Lebensumstände sie nicht ans Licht gebracht haben, oder als „gefährlich“ erlebt, verdrängt oder abgespalten wurden. Die Psyche „ummantelt“ diese Potenziale und entwickelt Überlebensstrategien, mit denen diese Kräfte – unbewusst – ausagiert werden. Assagioli nennt diese unbewussten Dynamiken Teilpersönlichkeiten, die aus dem Unbewussten heraus agieren und denen der Mensch mehr oder weniger ausgeliefert ist, solange die dahinter liegenden Emotionen/Gaben/Potenziale nicht integriert wurden. Im Beispiel: Wer seine Macht unterdrücken musste, wird unter Umständen die Ohnmachtsdynamik einer Teilpersönlichkeit ausleben. Erst wenn wir uns den Teilpersönlichkeiten in einer Haltung der Akzeptanz zuwenden, also in der eigenen Wahrheit ankommen, können wir die Überlebensstrategie loslassen und uns der dahinterliegenden Gabe bzw. dem Potenzial zuwenden.

Auch im höheren Unbewussten finden sich Aspekte der Persönlichkeit, die noch nie entdeckt oder abgespalten wurden und darum als unbewusste Teilpersönlichkeiten agieren. Doch hier verortet Assagioli Gaben, die die höchsten Ideale und dem Leben zugewandten Anlagen eines Menschen repräsentieren. Dazu gehören Mitgefühl, Begeisterungsfähigkeit, Einsatzfreude, Achtsamkeit, Respekt, Wertschätzung, Mut, Furchtlosigkeit, Hilfs- und Opferbereitschaft, Gleichmut. So kann z.B. die Gabe der Empathie sich in die  Teilpersönlichkeit einer Zynikerin wandeln, der Begeisterte zum Verstummten, der Menschenfreund zum Menschenverächter.

Das kollektive Unbewusste

Das kollektive Unbewusste umfasst bei Assagioli mehr als nur die Archetypen von C.G. Jung. Hier finden sich auch die kulturell verankerten Erfahrungen und Glaubenssätze des jeweiligen Umfelds und Milieus. Sie teilen sich unbewusst mit und modellieren die Menschen- und Weltbilder. Wie wirksam sie sind, wird oft erst im Kontakt mit anderen Vorstellungen und Glaubenssätzen erfahren – bei  Auslandsreisen, Begegnung mit anderen Kulturen, Milieuwechseln, Lebenskrisen. Solche Erfahrungen fordern dazu auf, das Bewusstsein zu erweitern. Das kollektive Unbewusste in Deutschland ist z.B. entscheidend geprägt durch die Erfahrungen des „Tausendjährigen Reiches“ und des Holocaust (Meibom, Barbara v., 2013). Wer Mut zum Fühlen entwickeln will, ist damit individuell und kollektiv konfrontiert.

Das Transpersonale oder Höhere Selbst

Assagioli ging von der Existenz eines Höheren Selbst als der zentralen steuernden Instanz im Menschen aus. Dies macht den transpersonalen Kern seiner Theorie und Therapie aus. Solange wir dessen Existenz leugnen, identifizieren wir uns mit dem Ich oder bewussten Selbst. Wir meinen, selbst das Stück unseres Lebens zu schreiben. Der „transpersonale Wille“ (Assagioli), d.h. der Wille, der über unser personales Selbst hinausweist, hilft, die Ich-Selbst-Achse zu entwickeln und ein Bewusstsein zu stärken: „Ich bin ein Zentrum reiner Selbst-Bewusstheit. Ich bin ein Zentrum des Willens, fähig, alle meine psychischen  Prozesse und meinen physischen Körper zu beherrschen, sie in bestimmte Richtungen zu lenken und zu gebrauchen.[3] Damit steht Assagioli in der Tradition der Geistes- und Bewusstseinsschulung, die darauf abzielt, Emotionen wie Hass, Neid, Gier, Eifersucht, Zorn zu transformieren und damit die dem Menschen innewohnenden Liebesfähigkeit freizulegen.

Aufstellung Mut zum Fühlen in Deutschland im Licht der Psychosynthese

Wenden wir dieses Modell auf die Ereignisse der Aufstellung an, so bot sich hier für die Teilnehmenden die Chance, mit unbewussten Teilpersönlichkeiten und mit Kräften des kollektiven Unbewussten in der Form von Repräsentanten in Kontakt zu kommen und mit diesen zu interagieren. Die Teilnehmenden (aber wie die Rückmeldungen zeigen, auch die Beobachtenden am Rande der Aufstellung) sahen sich dabei vielfach mit beängstigenden und unbewussten Kräften der eigenen Psyche und des Kollektivs konfrontiert, zu denen sie sich in Beziehung setzen konnten/mussten.

Gemäß dem Konzept der Psychosynthese eröffnet jeder Prozess der Bewusstwerdung, bei dem es gelingt, beängstigende, verdrängte oder abgespaltene Persönlichkeitsanteile oder solche des Kollektivs zu erkennen, zu akzeptieren und in eine Kooperation mit ausbalancierenden Kräften zu bringen, einen Weg der Heilung, der zuerst eine personale und danach eine transpersonale Psychosynthese unterstützen kann.

Die Aufstellung wurde von Bence Ganti nach dem von ihm entwickelten Flow-Prinzip geleitet, bei dem sich die RepräsentantInnen frei, ohne Worte im Raum bewegen. Sie werden dabei begleitet von Musik und Klängen, die den Prozess unterstützen. Dabei kam es zu intensiven Interaktionen, bei denen die einzelnen RepräsentantInnen in immer neuen Begegnungen sich und den / die anderen erlebten und dabei intensive emotionale Prozesse durchmachten. Diese intensiven Interaktionen der RepräsentantInnen sind im Sinne der Psycho-synthese Heilungswege der jeweiligen Psyche. Die Beteiligten kommen nicht nur mit eigenen (oft beängstigenden) Persönlichkeitsanteilen und mit Kräften des kollektiven Unbewussten in Kontakt, sondern sie haben auch die Chance, mit ausbalancierenden und stützenden Repräsentanten/Kräften in Interaktion zu treten. Die Psyche kommt im Vollzug dieser Begegnungen zu einer heilenden, wenn nicht gar transformatorischen Erweiterung des eigenen Selbst- und Fremdbildes – eine Erfahrung, die anschließend von zahlreichen TeilnehmerInnen der Aufstellung formuliert wurde. Hier ein Beispiel:

„Am meisten hat mich die Väter-Rolle und das Maskuline berührt. Ich musste ganz stark weinen, obwohl ich außen stand. Das war viel Schmerz und Scham. Es war aber auch berührend, dass die beiden sehr viel Hilfe bekommen haben. Von Männern und noch mehr von Frauen. Da spürte ich sehr viel Sehnsucht von Frauen nach Versöhnung und Verbundenheit, außerdem Liebe und Vergebung. Ich spürte Schmerz der Väter, ihre Einsamkeit und Verlorenheit.“ (Beobachter)

Da eine enge Wechselbeziehung zwischen allen Bewusstseinsebenen existiert, wirken derartige (transformatorischen) Prozesse auf alle Ebenen zurück. Das gilt auch für die Ebene des kollektiven Unbewussten.

Literatur:

Alberti, Bettina: Seelische Trümmer, München: Kösel 2010

Assagioli, Roberto: Die Schulung des Willens, Paderborn: Junfermann 7. Auflg. 1994

Assagioli, Roberto: Handbuch der Psychosynthese, Rümlang (CH): Nawo 4. Auflg. 2004

Meibom, Barbara v.: Deutschlands Chance. Mit dem Schatten versöhnen, Berlin: Europa 2013

Meibom, Barbara v.: Wertschätzung. Wege zum Frieden mit der inneren und äußeren Natur, München: Kösel (2006), Kindle eBook 2014

[1] Dabei ist zwischen drei Arten von  anonymisierten feed-backs zu unterscheiden:

  1. Feed-backs während der Aufstellung. Sie wurden zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten gesammelt:
  2. a) Ein Wort: Nach der Flow-Experience und noch vor dem Vergebungsritual waren die Repräsentanten der Rollen gebeten, mit einem Wort ihre Befindlichkeit laut in der Runde mitzuteilen. b) Erfahrungen: Nach Vergebungsritual, Heilungsprozess und Ruhen in der Stille waren alle – RepräsentantInnen ebenso wie BeobachterInnen – gebeten, ihre wichtigsten Erfahrungen auf Zetteln niederzuschreiben sowie kurz schriftlich mitzuteilen, durch welche Prozesse sie gegangen sind.
  3. Berichte nach der Aufstellung: Diese Berichte verschiedener (nicht aller) Repräsentanten wurden im Anschluss an die Aufstellung geschrieben und an das Konferenzteam geschickt.
  4. Beobachtungen von TeilnehmerInnen in einer Feed-back-Runde zwei Tage nach der Aufstellung.

[2] Der Begriff des Integralen wird heute von Wilberianern exklusiv für dessen Integrale Theorie verwendet. Gleichwohl war Jean Gebser als Ersterr eine explizite Theorie der Integralen Bewusstseinsstruktur formuliert. Dasselbe gilt aus meiner Sicht für  Roberto Assagioli.

[3] Assagioli: 4.2004, 153

Prof. Dr. Barbara von Meibom ist Politikwissenschaftlerin, Kommunikationsberaterin und Autorin des Buches »Deutschlands Chance. Mit dem Schatten versöhnen«.

www.communio-fuehrungskunst.de

Dieser Text entstand auf der Basis einer Dokumentation von Rückmeldungen der Teilnehmenden und meiner Arbeit als Mitglied im Aufstellungsteam, das aus Bence Ganti (Leitung), Peter Kémeny und Barbara von Meibom bestand.

Eine vollständige Dokumentation der Aussagen der RepräsentantInnen kann angefragt werden bei: raymond.fismer@integralesforum.org





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