Editorial 04 / 2014

In der Geschichte der Menschheit war es zumeist die Rolle von Führenden, eine Gemeinschaft durch Herausforderungen zu führen. Die Art und Weise, wie sie das taten, bestimmte zu einem großen Teil die Werte und Konventionen einer Gesellschaft. An Herausforderungen mangelt es uns heute nun wirklich nicht. Wenn man beginnt, sie aufzuzählen, scheint kein Ende in Sicht: kriegerische Auseinadersetzungen in der Ukraine, der Aufstieg des Islamischen Staates, Ebola, Klimawandel, Wirtschaftskrisen. Aber nicht nur auf politischer Ebene scheint die Komplexität, durch die wir unser Leben navigieren, größer denn je zu sein. Für jeden von uns sind die Herausforderungen und Erwartungen in Familie, Arbeit, Lebensgestaltung, Sinnfindung oder politischer Meinungsbildung gestiegen.

Man kann sagen, dass immer dort, wo Menschen zusammenarbeiten oder zusammenleben, Führung zum Thema wird. Wie treffen wir Entscheidungen? Wie wird Macht verteilt? Wie gestalten wir die Beziehungen miteinander? In unserer kulturellen Atmosphäre ist spürbar, dass die alten Antworten auf diese Fragen an ihre Grenzen kommen. Hierarchische Strukturen oder der einsame Führende, der den Überblick behält, scheinen obsolet. Unsere Welt scheint zu komplex für solche Strategien. Was nun?

Dieser Frage wollen wir uns in dieser Ausgabe von evolve widmen. Es ist nicht einfach, dem nachzugehen, weil wir durch Erziehung und Lebenserfahrung althergebrachte Formen der Führung (inklusive der egalitären Verneinung jeglicher Führung) verinnerlicht haben. Frederic Laloux schreibt in seinem Buch „Reinventing Organizations“, dass jeder Übergang auf eine neue Stufe dann möglich wird, „wenn wir in der Lage sind, einen höheren Blickpunkt zu erreichen, von dem wir die Welt aus einer weiteren Perspektive sehen können. Wie ein Fisch, der zum ersten Mal das Wasser sehen kann, wenn er über die Wasseroberfläche springt, setzt das Erreichen einer neuen Perspektive voraus, dass wir uns von etwas trennen, von dem wir vorher umgeben waren.“ Nicht umsonst fanden also die „fliegenden Goldfische“ ihren Weg auf unser Cover.

Welche Möglichkeiten für eine neue Führungskultur zeigen sich, wenn wir versuchen, uns aus alten Vorstellungen zu lösen? Dies genau war die Leitidee dieser Ausgabe und wir haben Menschen zusammengebracht, die in je eigener Weise an einer Neudefinition von Leadership arbeiten. Frederic Laloux ist dafür ein gutes Beispiel: In einer erfolgreichen Beraterkarriere in der Wirtschaft kam er an den Punkt, wo er die „Seele“ in seiner Arbeit – und den Unternehmen, die er beriet – vermisste. Seine Suche brachte ihn zu Pionieren, die Organisationen – Non-Profits, Schulen, Krankenhäuser, Firmen – nach neuen Prinzipien führen. Seine Überlegungen sind deshalb so überzeugend, weil er nicht nur eine neue Leadership-Theorie formuliert, sondern Beispiele der Umsetzung untersucht. Alle Pioniere, die Laloux befragte, folgen in je eigener Weise einem Netzwerkgedanken in der Führung. Hierarchische Strukturen werden durch selbstorganisierte Teams ersetzt, Eigenverantwortung, Teamgeist und eine Beziehung zum Sinn der Organisation stehen im Zentrum. Dieser Fokus auf eine Führung aus einem lebendigen intersubjektiven Zusammenhang zeigt sich auch bei anderen Visionären wie dem Berater Peter Merry, der im Interview beschreibt, wie wir uns neue Wahrnehmungsräume in der Arbeit mit komplexen Gruppenprozessen erschließen können.

Barrett Brown hat sich neuen Qualitäten der Führung in einer Studie genähert, bei der er Führende untersuchte, die in einem entwicklungspsychologischen Test als weit entwickelt eingestuft wurden. Bei der Beobachtung, wie sie führen, bemerkte er, dass diese Führenden in einem ständigen „Dialog mit dem System“ stehen. Sie sehen also eine Organisation nicht nur als „Maschine“, die man bedienen kann, sondern als Lebewesen, mit dem wir in einen Dialog treten können.

Dem Zusammenhang von Geschlechteridentität und Leadership geht Elizabeth Debold in ihrem Beitrag nach und wirft darin auch einen überraschenden Blick auf die aktuellen politischen Krisen: Ist die allgemeine Führungskrise auch eine Krise der Männlichkeit?
Wie immer haben wir in unserem Schwerpunkt versucht, ein breites Spektrum von Impulsen zusammenzubringen. Aber im Laufe der Arbeit an dieser Ausgabe wurde eines besonders klar: Führung geht uns alle an. Für uns im Westen sind die Zeiten der autoritären Führer vorbei, aber ebenso die Zeiten, in denen wir Führung als Konzept kategorisch ablehnen. Um inmitten der Komplexität, die uns heute umgibt, unseren Weg in die Zukunft zu finden, sind wir alle gefragt, um Führung miteinander neu zu verstehen und zu gestalten. Und diese dialogischen Prozesse selbst sind vielleicht die Morgendämmerung einer Kultur jenseits von Kontrolle und Konsens.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen und sind gespannt auf Ihre Reaktionen.
Und noch ein Wort in eigener Sache: Weihnachten ist nicht mehr weit und ein Geschenk-Abo von evolve vielleicht genau das passende Geschenk.

Herzlichst

Mike Kauschke
Leitender Redakteur


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