Editorial 13/2017

Dieses Editorial schreibe ich unter dem Eindruck des Terroranschlags auf den Weihnachtsmarkt in Berlin. Während der gewaltsame Hass das Herz dieser bunten Stadt traf, arbeiteten wir an den letzten Korrekturen für diese Ausgabe, die Sie nun, einige Wochen später, in den Händen halten. Viel wird seitdem geredet und diskutiert worden sein, wie wir auf die Gewalt antworten sollten. Was mich am Tag nach dem Anschlag in all der Trauer und Ohnmacht bewegt hat, war, dass das Wort Liebe immer öfter zu hören war: ausgesprochen von Radio- und Fernsehkommentatoren, Politikern, Freunden und Bekannten in den sozialen Medien sowie den Menschen, die sich am Breitscheidplatz in Berlin und an vielen Orten der Republik zum Gedenken versammelten – auch, um gegen diejenigen ein Zeichen zu setzen, die diese schreckliche Tat für ihren politischen Hass instrumentalisieren wollten.

Wir spüren, im Angesicht solch einer Gewalt oder dem Schecken von Aleppo, der zuvor die Schlagzeilen bestimmte, sind wir aufgerufen, uns auf den Grund unseres Lebens zu besinnen. Uns wird die Frage gestellt, was eigentlich der Kern unserer Existenz ist, wenn alles andere wegfällt. Viele Menschen, von Philosophen und Mystikern durch die Jahrtausende, bis zu uns heute, haben dafür ein Wort als Antwort: Liebe.

Deshalb entschlossen wir uns in der Redaktion, uns diesem Gefühl, das so viel mehr als ein Gefühl ist, zu nähern, es zu umkreisen, zu berühren, ihm in uns nachzuspüren, und manchmal vielleicht gar wirklich zu ihm vorzudringen, darin zu sein. Und wir wollten verstehen, welche Bedeutung diese ewige, zeitlose Wort gerade heute hat, in einer Zeit, wo Tendenzen der Trennung und Spaltung im Widerspruch stehen zu einer Welt, die immer vernetzter, globaler, verbundener, komplexer und auch bewusster wird. »Liebe in den Zeiten von Trump« haben wir es genannt, und natürlich steht der Name des US-Präsidenten hier exemplarisch für nationalistische und populistische Bewegungen, die unser Gemeinwesen bedrohen und eine separierte Welt herbeisehnen, die es hoffentlich nie wieder geben wird.

In seinem Leitartikel beschreibt evolve-Herausgeber Thomas Steininger die vielen Bedrohungen, denen unsere Fähigkeit zu lieben heute ausgesetzt ist. Und wie in einer Kultivierung dieser radikalen Kraft der Verbundenheit eine Kultur der Offenheit entstehen kann, aus der neue Antworten auf die Krisen unserer Zeit erwachsen können. Was uns dabei Zuversicht geben kann, ist ein Blick in die Geschichte unserer Evolution, in der sich gegen alle Widerstände auch immer wieder die Kraft der Liebe Ausdruck verschafft hat, wie es der Sozialphilosoph Maik Hosang in seinem Artikel ausführt. Und er wagt auch einen Blick in die Zukunft der Liebe, die für ihn in einer ko-kreativen Entfaltung eigenständiger und gleichzeitig verbundener Menschen liegt. Diese Vision klingt auch durch die evolutionäre Liebe, wie sie die Religionswissenschaftlerin Ursula King in ihrem Beitrag aufgreift.

Aus der tiefen Erfahrung einer dem Leben innewohnenden dynamischen Einheit schöpften ebenfalls die Sternstunden der Spiritualität, wie sie der Franziskanerpater Richard Rohr in Bezug auf die Dreifaltigkeit der christlichen Religion erfahrbar macht. Für ihn ist Gott selbst nur als Beziehung erlebbar. Diese tiefe mystische Erfahrung bewegt auch den Sufi-Lehrer Pir Zia Inayat Khan, der die sufistische Herzensmystik für unsere heutige Zeit fruchtbar macht. Besonders gefreut haben wir uns über die Interviews mit dem mongolischen Dichter Galsan Tschinag und dem grönländischen Schamanen Angaangaq, die uns eine Liebe nahebringen, die tief in die Erfahrung der Natur eingebettet ist.

Gestaltet wurde diese Ausgabe von unserer Art Direktorin Renata Keller in Zusammenarbeit mit der Dichterin und Zeichnerin Laura Didyk, mit der uns eine lange Freundschaft verbindet. Die Zartheit ihrer Zeichnungen, die selbst ein Ausdruck der Auseinandersetzung mit der Sehnsucht nach Liebe sind, schien uns für dieses Thema der passende visuelle Ausdruck.

Wir als evolve-Team haben in den letzten Wochen viel Liebe erfahren. Von Ihnen. Auf unseren Aufruf zur finanziellen Unterstützung des Magazins haben wir ein unglaublich bestärkendes Echo erhalten. Es war immer wieder berührend, diese E-Mails zu lesen oder bei einem unserer mittlerweile 15 evolve-Salons und bei Konferenzen im Gespräch zu merken, wie viel Ihnen unser Magazin bedeutet. Auch finanziell haben wir wichtige Schritte getan, brauchen aber noch weitere Unterstützung (mehr dazu auf Seite 7). Ganz herzlichen Dank für diese und für Ihre weitere Unterstützung!

Dies ist nun die erste evolve des neuen Jahres und wir wünschen uns für uns alle ein Jahr, in dem die Liebe, die Kraft radikaler Verbundenheit, ihre Wirkung entfaltet. In uns und in der Welt. Trotz allem.

Herzlichst
Mike Kauschke


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