Editorial 14/2017

Als ich vor einigen Tagen beim evolve-Salon in München war, um gemeinsam über das Thema unserer letzten Ausgabe »Liebe in Zeiten von Trump« zu sprechen, kamen wir im Laufe des Gesprächs ganz natürlich – und vielleicht auch zwangsläufig – auf Bildung. Wenn wir darüber sprechen, was es bedeutet, in uns selbst, in anderen Menschen und unseren Beziehungen die Quellen freizulegen, aus denen sich Qualitäten wie Empathie, Kreativität, Verbundenheit, Verantwortlichkeit, Freude und letztlich Liebe in einzigartiger, freier Weise entfalten können, dann spüren wir schnell, dass es hier auch um ein neues Verständnis von Bildung geht. Um eine Bildung, die sich nicht auf konventionelle Einrichtungen wie Kitas, Schulen und Universitäten beschränkt, sondern neue Räume des Wachsens für uns alle schafft. Ja, wie kann unsere Kultur zu solch einem Raum werden, zu einem Ort, an dem Lernen das ermöglicht, was Kultur lebendig sein lässt: sich ständig von innen her zu erneuern, zu entwickeln, weitere Horizonte zu erschließen? Dieses Verständnis von Bildung richtet den Blick einerseits auf uns selbst: Wie sehr ist jeder von uns bereit, zu lernen? Und nicht nur mehr Wissen zu sammeln, sondern auch mehr zu sein, mehr Farben des Wunders Leben in sich zu bilden und zum Ausdruck zu bringen. Und gleichzeitig rücken unsere Beziehungen bis hin zu unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit in den Blick: Wie können wir zu einer Atmosphäre beitragen, in der Bildung nicht unter dem Diktat von Ökonomie und Leistung steht, sondern den Menschen meint – und zwar in der Tiefe und als das individuelle Wesen mit eigenen Fähigkeiten und Potenzialen, das er ist? Und wie kann aus diesem werteoffenen Verständnis des Menschen eine Beziehungs- und Dialogkultur wachsen, die das in jeder Situation mögliche Lernen mitleben lässt?

Diese Öffnung des Blickes auf die Bildung ist uns in dieser Ausgabe ein großes Anliegen. Unser Herausgeber Thomas Steininger beschreibt die Weitung des Bildungshorizontes beispielhaft anhand seiner eigenen Erfahrung. Er fragt: Wie kann sich auf dem Bildungsweg, der unser Leben ist, unser Herz immer weiter öffnen? Und wie können wir immer wieder unsere Sicherheiten loslassen und uns in Neuland wagen?

Für Jost Schieren, Waldorfpädagoge an der Alanus Universität, liegt diese Horizonterweiterung in einer unmittelbaren Begegnung mit dem Leben, weil in diesem tiefen Miteinander nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch ein sinnhaftes Eingebundensein in einen größeren Zusammenhang erfahrbar wird. In unserem Interview beschreibt er eine integrierende Sicht, die dieses Eingebundensein mit der Freiheit des sich einzigartig entfaltenden Menschen zusammenführt. Wie wir wieder – oder besser neu – Verbundenheit lernen können, untersucht Elizabeth Debold in ihrem Artikel. Sie kennen sie als eine engagierte Vermittlerin neuer Perspektiven auf Genderthemen; in dieser Ausgabe schreibt sie aus ihrer reichen Erfahrung als Entwicklungspsychologin darüber, wie wichtig es ist, die Unterschiede in der Entwicklung unseres Bewusstseins zu verstehen. Diese Unterschiedlichkeit muss nicht zu Trennung führen. Unsere Aufgabe ist es vielmehr, das Verbindende zu lernen, und in diesem Sinne mehr von der Wirklichkeit zu umarmen. Von dieser Fähigkeit zur Verbundenheit hängt ihrer Meinung nach auch die Zukunft unserer offenen Gesellschaft ab.

Wie die Gestaltung der schulischen Bildung dieser Zukunft gerecht werden kann, erläutern Sonja Student und Silke Weiß in unserem Interview. Beide sind Aktivistinnen im Bildungswesen und zeigen ganz praktisch auf, wie sich jeder von uns für eine Transformation des Bildungssystems einsetzen kann, bis hin zu der Vision einer lernenden Gesellschaft. Wie sich der globale Blick auf die Bildung erweitern könnte beschreibt Manish Jain in seinem Beitrag. Er arbeitete bei Unicef und anderen globalen Organisationen und beobachtet eine Monokultur der Bildung, die er McEducation nennt. Anhand von Erfahrungen und eines Schulexperimentes in Indien wirft er einen Blick auf die Vielfalt der bildenden Erfahrungen, die uns zugänglich sind. Was Bildung in einem spirituellen Kontext heißen kann und vor welche Herausforder- ungen wir in unserer seelischen Entwicklung gestellt werden, erklärt Thomas Hübl aus seiner Erfahrung als spiritueller Lehrer.

Diese Ausgabe konnte unsere Art Direktorin Renata Keller mit den Bildern der holländischen Künstlerin Claudia Volders gestalten. Claudia Volders sieht die Rolle der Kunst unter anderem darin, Energieräume für das Verbindende zu schaffen – Räume, in denen Neues entstehen kann. Als Künstlerin ist es ihr deshalb auch ein Anliegen, den schöpferischen Aspekt in die Bildung einzubringen, so vermittelt sie beispielsweise künstlerische Impulse an Kinder und Jugendliche. Wir hoffen, dass die Gestaltungen mit ihren Arbeiten auch in dieser Ausgabe solche Räume schaffen können, in denen die Texte, die wir zusammengestellt haben, zu ihrer vollen Ausdrucksform finden.

Diese Ausgabe ist nicht nur ein Magazin über Bildung, es ist, so hoffen wir, ein bildendes Magazin. In der Tat sehen wir unsere Arbeit an evolve auch als Bildungsauftrag – an uns selbst, mit Ihnen als LeserInnen und als Impuls in unsere Kultur. Und wir bedanken uns ganz herzlich, dass Sie, liebe Leserin und lieber Leser, es uns mit Ihrem Engagement im Förderkreis und Ihren großzügigen Spenden auch ermöglichen, weiter im Sinne dieser Bildung zu arbeiten und so die Welt mit zu formen, die wir in unseren besten Momenten erahnen können und zu erhoffen wagen.

Herzlichst
Mike Kauschke


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