EINHEIT VON INNEN

Raimer Jochims "Regenzeit"

Raimer Jochims „Regenzeit“

Europa eine Seele geben

Wolfgang Aurose

Was kann die Grundlage einer zukunftsfähigen Europas sein? Eine vor allem bürokratisch und wirtschaftlich vollzogene Einheit scheint heute nicht mehr zu tragen. Aber wie können wir tiefere Quellen für die Zukunft Europas finden? 

Der Glaube an ein vereintes Europa hat heute in fast allen Mitgliedsstaaten der EU spürbar abgenommen. In den meisten dieser Länder finden erneut populistische und nationalistische Parteien und Bewegungen Anklang, und Großbritannien erwägt sogar als erstes Land, sich gänzlich aus der Mitgliedschaft zu verabschieden. Tatsächlich machte spätestens die Flüchtlings- und Migrantenfrage die neuen und alten Grenzen der hochgesteckten Unionsziele für alle deutlich.

Vielleicht aber ist all dies notwendig, um die Beteiligten auf einen bisher bestehenden, buchstäblichen Kernmangel des transnationalen Projektes aufmerksam zu machen. Entgegen den Erwartungen der vor allem rational argumentierenden EU-Befürworter sehen wir heute, dass eine tiefergehende europäische Einigung nicht automatisch aus einem Bündel pragmatischer Vereinbarungen entsteht, und seien sie noch so vorteilhaft. Ungehinderte Reisemöglichkeit, freier Handelsaustausch, länderübergreifendes Arbeits- und Aufenthaltsrecht und geteilte Währung allein erweisen sich als Schönwetter-Qualitäten. Um neuen Herausforderungen gewachsen zu sein, scheint der Vereinigungsprozess auch eine innere, eine seelisch zu nennende Arbeit und Entwicklung der Beteiligten zu erfordern. Dieses Engagement wird jedoch nur geleistet werden, wenn die Europäer in einem vereinten Europa auch ihre persönlichen Entwicklungsziele verwirklicht sehen. Die innere Bedeutung eines vereinten Europas muss für sie zumindest im Ansatz erfahren werden können. Mit anderen Worten: Nur wenn das historisch erstmalige Gebäude einer kontinentalen Nationengemeinschaft seine essenzielle Wirklichkeit, seine Seele, zeigt, können wir uns im Tiefsten mit ihm verbinden und identifizieren.

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Seelische Lernfelder

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Doch was meint seelische Wirklichkeit an dieser Stelle? Der Ausdruck hat hier weder eine traditionelle religiöse Bedeutung, noch wird er im Sinne einer rein psychologischen Befindlichkeit gebraucht. Er entspricht stattdessen einem heute zunehmenden, postsäkularen Denken, das hinter biologischer und kultureller Entstehungsgeschichte eine tieferliegende Evolution des Bewusstseins sieht. Menschen und Gemeinschaften verkörpern in dieser Sichtweise jeweils einzigartige und sich zugleich entwickelnde Bewusstseins- oder Erfahrungsfelder. Man könnte sie als «seelische Lernfelder» bezeichnen, um ihre jeweilige Unverwechselbarkeit wie auch ihre untergründige Verbundenheit mit einem subjektiv erfahrbaren, alle vereinenden und allem zugrunde liegenden Informations-Feld zum Ausdruck zu bringen.

Die kollektiven Erfahrungsfelder kann man mit der spezifischen Identität von jedem von uns vergleichen. Jeder von uns gibt sich mit 20 Jahren anders und sieht anders aus als mit 40 oder mit 60. Und dennoch ist – zumindest für Freunde und Familienmitglieder, die uns unser ganzes Leben lang kennen – in der Regel unser kontinuierliches seelisches Profil unverwechselbar erkennbar. Es ist eine Identität, die im Letzten kaum erklärbar ist, die im Tiefsten ein Mysterium bleibt. Sie lässt sich auch bei Nationen beobachten, wobei die Kulturfolge den wechselnden Ausdruck einer zugrunde liegenden, kollektiv-seelischen Persönlichkeit darstellt. Das lutherische Spätmittelalter, die Romantik, das Wilhelminische Zeitalter, das Nazi-Reich und das heutige Deutschland, jede dieser und vieler weiterer Epochen bildet eine der vielen verschiedenen Erscheinungsweisen deutscher Kultur – und alle sind sie Ausdrucksformen einer sich durchgehend entwickelnden, deutschen Identität.
Weder gemeinsame Abstammung und Volkskultur, nicht einmal mehr unbedingt eine einzige Sprache stehen in dieser neuen Sicht im Mittelpunkt. Nationen sind zwar wie Familien Schicksalsgemeinschaften, aber im Unterschied zu diesen geht es bei ihnen weniger um «Blutsbindungen». Man kann Nationen aus eigener Kraft beitreten oder aus ihnen austreten. Wer sich heute beispielsweise dazu entschließt, als Deutscher zu leben, braucht dazu keine blonden Haare mehr, er muß nicht Schiller gelesen und wie seine Ahnen im Gesangsverein «Am Brunnen vor dem Tore» gesungen haben. 


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Schicksalsgemeinschaft für die Zukunft

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Was er oder sie jedoch verstehen oder zu verstehen lernen sollte, sind die spezifischen seelischen Prägungen und Erfahrungen des deutschen Feldes. Es sind zum Teil bitter errungene Werte und Erfahrungen, die den Kern des heutigen Deutsch-Seins bilden. Das Wort «Verfassungspatriotismus» greift dafür nicht tief genug. Wenn man es im oben genannten Sinne charakterisieren wollte, dann wäre Deutschland, so wie jedes Land, vor allem eine seelische Wertegemeinschaft, eine Schicksalsgemeinschaft.

Wenn man dieser Sicht folgt, besteht kein Zweifel daran, dass auch ein vereintes Europa eine seelische Identität entwickeln und zur Schicksalsgemeinschaft werden kann. Von Europa als einer solchen spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel oft. Und auch nüchterne Denker wie Henrik Enderlein, Professor für politische Ökonomie und stellvertretender Dekan an der Hertie School of Governance in Berlin, sagt: «Ich glaube nicht daran, dass man durch Druck oder harte Sanktionsmechanismen die Mitgliedsländer besser dazu bekommt, sich konstruktiv am europäischen Projekt zu beteiligen. Unter den Euro-Mitgliedsländern muss das Gefühl geschaffen werden, Teil einer Schicksalsgemeinschaft zu sein. » 
Seelisches Bewusstsein lässt sich zwar nicht einfach erschaffen, doch kann man ihm zumindest die Chance zum Wachstum einräumen. Schicksal meint hier weniger eine vorbestimmende Vergangenheit, sondern vor allem eine gemeinsam gewollte Zukunft. Es ist der jeweils einzigartige Weg des seelischen Feldes in uns und in Gemeinschaften.

Die historischen Voraussetzungen für das Gelingen des europäischen Projektes sind jedenfalls nach wie vor vorhanden. Die europäischen Nationen hatten es sich nach dem 2. Weltkrieg zur Aufgabe gestellt, über sich selbst hinauszuwachsen – um einen schönen deutschen Ausdruck zu gebrauchen, der eine evolutionäre Ahnung mit sich zu tragen scheint. Die EU – bzw. ihre Vorläuferorganisation – wurde nach dem Krieg eben nicht nur aus sicherheitspolitischen und ökonomischen Interessen und Ansprüchen allein heraus gegründet. Die Union lässt sich auch als politisch gewordener Ausdruck des in langen schöpferischen Innovationszeiten wie in ebenso langen, bitteren Kriegen errungenen Reichtums an kontinentalen Erkenntnissen und Erfahrungen betrachten. In ihrer Gesamtheit führen diese Erfahrungen heute zu einem reifen, entwicklungsorientierten und liberalen europäischen Selbstverständnis. Das lässt sich zumindest für den Kern der meisten Mitgliedsstaaten behaupten, trotz mancher «illiberaler» Parteien und neo-nationalistischer Restaurationsbewegungen.

Neue (und alte) Mitglieder der Union, gleich ob sie historisch gesehen jemals Teil des «christlichen und aufgeklärten Abendlandes“ waren, ob sie strategisch gelegen sind oder wie immer ihre ökonomische Lage gelagert ist, werden und sollten sich also auch mit dieser seelischen oder essenziellen Wertegemeinschaft verwandt oder von ihr angezogen fühlen. Diese Affinität kann u. a. erkennbar werden an der Bereitschaft zur Schattenarbeit, d. h. etwa der Verantwortungsübernahme für die eigene Vergangenheit, dem Willen zur Integration von ethnischen und kulturellen Minderheiten (wie heute auch einer angemessenen Zahl von Flüchtlingen aus anderen Kulturen) und einem friedlichen Verhältnis zu den Nachbarländern und der Welt. Es sind dies Gradmesser, an denen sich potenzielle, aber auch gegenwärtige Mitglieder messen lassen müssen.


Und das führt uns zur Schattenseite der inner-europäischen Einigung. Wie beim Einzelnen haben auch die sich entwickelnden, kollektiven Seelenfelder ihre Schattenaspekte, sie bilden in ihrer Gesamtheit sozusagen nationale Egoismen. Sie sind es, die heute noch weitgehend die Schlagzeilen bestimmen und die uns an der Zukunft eines vereinten Europa zweifeln lassen. Beispiele für nicht geleistete Schattenarbeit wären etwa der geleugnete Genozid an den Armeniern durch die Türkei, die Diskriminierung der Roma in Rumänien oder auch die weltweiten Waffenverkäufe Deutschlands. Die Frage ist also, ob die europäische Idee nicht an dieser unzureichend geleisteten, inneren Arbeit scheitern wird?

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In der Erde verwurzelt, zum Himmel hin wachsend

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Die Evolution des Bewusstseins darf nicht im religiös-mythischen Sinne als festgelegte Bestimmung gedacht werden. Wie in der biologischen Evolutionsvorstellung entwickeln sich die Arten und Stufen nicht wie ein Baum, sondern eher als mäandrierender Busch. Gemeinsam haben Baum und Busch jedoch, dass sie zwar tief in der Erde wurzeln, doch nach oben hin, dem «Himmel» zugewandt wachsen. Es sprechen viele Anzeichen dafür, dass das menschliche Bewusstsein immer komplexer wird und immer mehr Neues, d. h. Fremdes zu integrieren lernt. Nationen sind so gesehen Lehrstätten der Integration, und ein transnationales Europa ist der evolutions-logisch nächste Schritt auf dem Weg zu einer vielgestaltigen und vereinten Weltgemeinschaft.

aurose_1854Wie allerdings wohl jeder erfahren musste, verläuft unser Leben zuweilen zwei Schritte vor und einen Schritt zurück. Nicht anders gilt es sich die Entwicklung von kollektiven Feldern vorzustellen. Ob also die EU in ihrer jetzigen Form bereits den endgültigen Durchbruch schafft, ist noch unentschieden. Aber die Entwicklung zu einem vereinten Europa wird in den kommenden Jahren weitergehen – falls die ganze Welt nicht zuvor noch einen ungeheuren Schritt rückwärts macht.


Doch in jedem Fall kann die Vision nur Wirklichkeit annehmen, wenn genügend Einzelne sich mit ihrem eigenen, erwachenden Seelenbewusstsein mit dem entstehenden Seelenfeld des vereinten Kontinents in Bezug setzen. Sie tun das zum Beispiel, indem sie sich der Prägungen durch «ihr“ Land bewusst werden. Jedes Land hat seine spezifischen Qualitäten, die seinen Beitrag im Kreis der Nationen ausmachen. Jedes Land hat aber auch seine ebenso spezifischen Schatten, die seine Nachbarn belasten. Wenn wir diese uns prägenden Anteile in uns finden, heilen und integrieren, wird sich diese innere Arbeit gleichsam als homöopathische Information in das Feld unseres Landes einbringen.

Für manchen mag dies sicher ideell klingen – doch es ist seelische Wirklichkeit und schafft vielleicht die nachhaltigste Voraussetzung und Reife für den Zusammenschluss der Länder. Es ist ein ko-evolutionärer Weg, der dem Einzelnen ebenso wie der jeweiligen Gemeinschaft in ihrer Entwicklung helfen kann. 


Ein Europa der Vereinten Nationen stellt deshalb sehr viel mehr dar als das abgehobene Ziel einiger Idealisten. Es beinhaltet für jeden einzelnen Europäer das Potenzial für einen notwendigen und befreienden Zwischenschritt auf dem Weg zu einem umfassenderen Weltbewusstsein.
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Video zum Thema:
Kurzinterview mit Wolfgang Aurose über sein Buch „Die Seele der Nationen“
www.bit.ly/1iohYtN


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