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Nachhaltiger Aktivismus: evolve LIVE! in München

Von innen nach außen und wieder zurück

Peri Schmelzer

Am 10. Oktober gab es wieder ein echtes Live-Event des evolve-Magazins. In den Räumen des Oekom-Verlags in München trafen wir uns, um mit Timo Luthmann über nachhaltigen Aktivismus zu sprechen. Timo ist seit den 1990er-Jahren aktiv im Klimaschutz und hat im Laufe seiner Arbeit sehen müssen, dass Aktivisten beim Einsatz für Ziele, die sie in ihrem Inneren als richtig erkannt haben, oft an die Grenzen ihrer äußeren Kraft kommen. Und er hat erkannt, dass innere Kräfte diesem Kraftverlust, der sich z. B. als Depression oder Burnout manifestieren kann, entgegenwirken. Daher ist es ihm ein Anliegen, inneren Wandel und Engagement zu verbinden und Menschen dabei zu unterstützen, individuelle und kollektive Strategien für ihr Engagement zu entwickeln.

Dass diese Verbindung von innerer Arbeit und Entwicklung und äußerem Engagement wohl die meisten Teilnehmer des Events neugierig gemacht hat, kam schon in der Vorstellungsrunde zum Ausdruck. Wie geht das zusammen: Spiritualität (Haltung: Wenn ich mich innerlich wandle und entwickle, wirkt das nach außen, auf die Welt) – und Aktivismus (Haltung: Es ist unsere Aufgabe, sich für die Welt, für das Leben einzusetzen)? Ist die Trennung überhaupt noch zeitgemäß?

Im Laufe des Gesprächs kamen wir zu einem Ergebnis, das sehr schön mit der Zeichnung eines Baumes dargestellt wurde – so ein Baum besteht nicht nur aus einer großen Krone mit vielen Früchten, sondern auch aus starken Wurzeln, die ihm Halt geben. Will sagen: „Wie oben, so unten – wie innen, so außen“. Es braucht beides, und ohne das eine hat das andere keinen Sinn.

Konkret beschäftigt haben wir uns an diesem Tag mit zwei Fragen. Am Vormittag mit dieser:

Welche Kraftquellen finden wir in uns und im Miteinander in der Arbeit für einen sozialen-ökologischen Wandel?

Ganz klar war, dass Angst uns eng macht, im Denken und Fühlen, aber auch auf Zellebene. Dann können Informationen im System nicht mehr fließen und unsere Aktivitäten verlieren an Kraft. Wagen wir es dagegen, uns einander – was auch heißen kann: dem Gegen-Über – ohne Angst, also „nackt“ zu zeigen, kann eine wirkliche Begegnung stattfinden. Wir sehen, was tatsächlich zur Verfügung steht und können damit arbeiten.  

Wichtig ist das Gefühl, eine „Heimat“ zu haben. Das gilt sowohl im Außen: Ich bin Teil einer Gruppe von Menschen, die das gleiche Ziel haben wie ich, als auch im Innen: Ich habe eine Heimat in mir, etwas, das mich trägt und mir Kraft gibt.

Es braucht zudem eine Vision dessen, was wir verwirklichen möchten. Also die Vorstellung von dem Ziel, dem wir unsere Kraft schenken. Wir können auch Kraft schöpfen aus dem, was sich im Dialog als eine Emergenz zeigt – das bedeutet, der Raum öffnet sich für etwas, das wir noch nicht kennen, für etwas, das es bisher noch nicht gibt. Wenn wir das gemeinsam erfahren können, erwächst uns daraus Kraft.

Und auch ein klares „Nein“ zu äußern, wenn wir mit etwas nicht einverstanden sind, kann uns spüren lassen, dass wir nicht ohnmächtig sind, dass wir über persönliche Macht verfügen.

Die zweite Frage am Nachmittag lautete:

Wie gehen wir produktiv mit Widersprüchen um und finden in unterschiedlichen Situationen die richtige Haltung?

Vermutlich tut kein Mensch, egal an welcher Stelle im „System“ er steht, willentlich „Böses“ – jeder ist, ausgehend von seiner Perspektive, davon überzeugt, dass sein Handeln und seine Entscheidungen gut und richtig sind. Wenn ich mir in einer Konfrontation dessen bewusst bliebe, kann sich die Spannung reduzieren.

Auch bei Widersprüchen ist es wichtig, dass wir uns als Menschen zeigen, nicht nur als Vertreter einer Meinung. Dass ich also mich selbst weder instrumentalisiere, noch mich instrumentalisieren lasse. Dann kann auch bei unterschiedlichen Standpunkten Begegnung und anstelle von Konfrontation Kommunikation stattfinden.

Aber Dialogbereitschaft und Verständnis haben Grenzen. Sind diese erreicht, gilt es, Widerspruch auszuhalten. Kommt die Konfrontation zu unerwartet, kann es vorkommen, dass man selbst oder der andere in eine Art „Schockstarre“ verfällt. Dann ist es hilfreich, das Ganze aus einer Metaperspektive zu betrachten: Die Situation, in der wir uns gerade befinden, ist verursacht durch das System, in dem wir uns befinden. Sie ist nicht die „Schuld“ des anderen. So kann ich meinen Standpunkt weiterhin vertreten und gleichzeitig die Situation tragen.

So weit, so gut.

Die Schlussrunde: Es war schon erstaunlich, wie die Beschäftigung mit dem Thema „Aktivismus“ in den Teilnehmern, in uns gewirkt hat. Eigentlich alle haben wir nach den wenigen Stunden unseren Standpunkt verändert – hin zu einem größeren Verständnis und einer höheren Wertschätzung.

Innen und außen lassen sich nicht trennen, gehören zusammen. Aktivismus hat viele Gesichter und jeder von uns wirkt im Großen Ganzen an seinem Platz und nach seinen Fähigkeiten – geführt vom „Citta“, kreativ aus dem Herzgeist.

Wir waren uns am Ende einig: Dieser Tag war ein Geschenk von uns allen an uns alle.

Noch ein persönlicher Nachtrag: Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich mache immer wieder die Beobachtung, dass ich ganz besonders nach einem Treffen oder Gespräch seine Wirkung spüren kann, auf dem Heimweg oder der Heimfahrt, oft sogar noch am nächsten Tag. Auch die Kraft, die durch unser Miteinander entstanden ist, hat mich noch eine ganze Zeit lang weitergetragen. Also: Merci vielmals J.