Der Zauber des Geldes – Wege aus der Vereinnahmung durch die ökonomische Vernunft


Die Erfindung des Geldes hat unsere Geschichte tief geprägt. Geld ist auch zu einer Bewusstseinsform geworden. Können wir die Welt noch ohne die Brille des Geldes sehen? Eine aufgeklärte Bewusstseinskultur hat die Chance, diesen Bann des Geldes zu brechen, um jenseits des rechnenden Verstandes der Welt neu zu begegnen.

Thomas Steininger

Wie würde sie aussehen – eine Welt ohne Geld? Versuchen Sie – für einen Augenblick – sich unsere globale Welt ganz ohne Geld vorzustellen. Wahrscheinlich würde das auch Ihnen sehr schwerfallen. Allein so ein Versuch bringt unsere Vorstellung von Welt ins Wanken. Geld ist das vielleicht wichtigste Bindemittel unserer globalen Welt. Das Gedankenexperiment gelingt meist erst dann, wenn wir die große Welt vergessen. In einer kleinen Welt, in der jede jeden kennt, in der jede/r eingebunden ist in ein unmittelbares Miteinander zwischen Menschen und auch mit der umgebenden Natur, wird es denkbar, ohne Geld zu sein. Es ist eine romantische Welt. Und ja, es ist auch die Welt, aus der wir ursprünglich kamen. Das Land ist einfach Land. Es hatte noch keinen Geldwert. Die Menschen lebten, gehalten von gemeinsamen Ritualen, Tabus und den Versammlungen des Clans. Es war außerdem auch eine Welt voll radikaler Abhängigkeiten, denen man nicht entkommen konnte. Und es war eine Welt, in der wir nicht mehr leben.

Die Erfindung des Geldes war einer der großen Meilensteine der Geschichte. Diese Erfindung veränderte uns. Die Fähigkeit, abstrakt zu denken, die Fähigkeit, zu rechnen, das verdanken wir auch dem Geld. Diese Fähigkeit erlaubte uns, in immer größeren, komplexeren Zusammenhängen zu leben. Aber damit wurde Geld auch zu einer hypnotischen Kraft. Die revolutionäre Kraft dieser Erfindung verführte uns immer mehr, unsere Gesellschaft durch die Brille des Geldes zu sehen. Geld hat auch seine eigene Logik, in gewissem Maße sein eigenes Leben. Zins und Zinseszins sind hier nur das offensichtliche Beispiel.
Wie bewusst sind wir uns dieser Vereinnahmung durch das Geld? Wie bewusst sind wir uns, was diese Institution mit uns macht? Mit uns allen? Aufklärung ist immer eine Form der Bewusstwerdung. Wenn wir diese Bewusstseinskraft des Geldes tiefer betrachten, entstehen neue gemeinsame Möglichkeiten, wie wir mit Geld menschlich leben können.
 

Das Wunder des Geldes

 
Die enorme Kraft des Geldes auf unser Bewusstsein verwundert nicht, wenn man bedenkt, wie radikal seine Erfindung die Welt verändert hat. Vor dem Geld lebten wir gemeinsam in unserem Familien-Clan und vielleicht gemeinsam mit einigen umliegenden Clans, mit denen man je nachdem gute Tauschbeziehungen oder blutige Kriegszüge pflegte. Mit den Vorläufern des Geldes kam die Stadt und mit ihr die ersten großen Reiche. Schon die ersten Städte in Mesopotamien bedienten sich der Schuldverschreibungen, um eine komplexere und größere Wirtschaft betreiben zu können. (Nebenbei erfanden sie damit auch die Schrift.) Das eigentliche Geld in seiner Form als Münze erlaubte dann einen noch weiteren Schritt. Auf einmal konnten Wagemutige über das Mittelmeer, durch die Sahara oder entlang der Seidenstraße mit immer weiter entfernten Kulturen Handel betreiben. In China verwendete man zum ersten Mal um 1000 v. u. Z. kleine Messer und Gabeln aus Bronze zum Tausch. Und König Phaidon von Argis ließ im 8. Jahrhundert v. u. Z. die erste griechische Silbermünze prägen. Gleichzeitig führte Phaidon die ersten Maße für Flüssigkeiten und Gewichte ein. Das universelle Tauschmittel Geld änderte auch unsere Beziehung zu den Göttern. Standen früher lokale Naturgötter im Mittelpunkt der Religion, so entwickelten sich in dieser Achsenzeit von China bis in den Mittelmeerraum neue, universelle Vorstellungen des Heiligen. Aber nicht nur die Religion, auch das Denken änderte sich. Mit den neuen Möglichkeiten des Rechnens und des Handels entstand ein ganz neuer Geist. Karl-Heinz Brodbeck beschreibt in seinem Buch »Die Herrschaft des Geldes«, wie sich unsere Vorstellung von Denken und Vernunft in dieser Zeit vom griechischen »Logos«, das sich auf Sprache und Verständigung bezieht, zum römischen »Ratio« wandelte. Ratio ist nicht nur ein anderes Wort. Es bezieht sich auf etwas anderes – auf die kaufmännische Rechenfähigkeit. Bei den frühen griechischen Philosophen stand die Fähigkeit zur Verständigung im Mittelpunkt der Vernunft. Jetzt verschob sich unsere Vorstellung von Vernunft auf die Fähigkeit, gut zu rechnen. Mit diesem neuen Denken bauten die Römer nicht nur Handelsbeziehungen aus. Sie bauten auch Straßen, Brücken, Aquädukte, ihre Armee und die Verwaltung eines großen Reichs.
Einige Jahrhunderte später schrieb 1202 Leonardo Fibonacci, der Begründer der europäischen, neuzeitlichen Mathematik, in Pisa sein berühmtes Mathematikbuch »Liber abaci«. Die Rechenbeispiele in seinem Liber abaci sind fast alles kaufmännische Probleme, wie das Umrechnen von Gewichten und Münzen. Es ist also nicht übertrieben zu sagen, der Umgang mit dem Geld hat uns das Rechnen gelehrt. Das Geld wurde so zur Keimzelle der Mathematik und damit auch der modernen Wissenschaft.
 

Im Bann des Geldes

 
So eine Erfolgsgeschichte entfaltet natürlich auch eine geistige Kraft. Das Geld wurde zum Architekten der Welt und schlug auf diese Weise unser Denken in seinen eigenen Bann. Was ist Wohlstand? Unser anerkannter Maßstab für Wohlstand ist das Bruttonationaleinkommen. Diese Geldperspektive auf den Wohlstand schlägt manchmal solche Kapriolen, dass unsere Gesellschaft so gesehen »reicher« wird, wenn es mehr Autounfälle oder mehr Naturkatastrophen gibt. Die Reparaturkosten und die Heilungskosten solcher Schicksalsschläge »beleben die Wirtschaft«. Auch im Allgemeinen werden Umweltprobleme oft erst dann gesellschaftlich relevant, wenn sie »zu Buche schlagen«.

Ja, Geld definiert die Welt und wir haben uns daraus eine Kultur gemacht. Las Vegas zum Beispiel ist ein Tempel dieser Kultur. Seit Einführung des Geldes gab es immer ein Näheverhältnis zwischen Tempel und Geld. Die antiken Heiligtümer, wie der Artemistempel zu Ephesos oder der Parthenon von Athen und auch die ägyptischen Tempel, waren immer auch Hüter des Schatzes. Doch heute hat sich die Rolle offensichtlich verkehrt. Heute sind Banken zu Tempeln geworden. Man kann es nicht von der Hand weisen, dass Geld in unserer Kultur eine göttliche Aura bekommen hat. Wir sehen sie selbst in unseren Kindercomics: Wenn Dagobert Duck in seinem Geldspeicher in die Goldmünzen eintaucht wie in einen Swimmingpool, hat das durchaus auch etwas von einem kultischen Bad. Worin besteht eigentlich Dagobert Ducks Glücksgefühl, in einen Haufen harter Metallstücke zu springen? Und wie kommt es, dass wir sogar mit ihm mitempfinden können? Es ist der Zauber des Geldes, seine Kraft scheinbar der Zauberstab zu unserem Glück. Doch, ist er das? Wir wissen, das ist, wenn überhaupt, nur eine halbe Wahrheit.

.
Lesen Sie den kompletten Text in der evolve Ausgabe 23 / 2019