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DAS HAUS DER GUTEN GEISTER

Eine Rezension von Andrea Klaßen

„So träum ich mir eine Gesellschaft, dass man aufeinander zugeht und sich gegenseitig zuhört“. Der hervorragende Dokumentarfilm DAS HAUS DER GUTEN GEISTER von Marcus Richardt und Lilian Rosa entführt seine Zuschauer*innen in die Utopie einer Gesellschaft, wie sie sich der Intendant Jossi Wieler erträumt.

Der Film begleitet die Entstehung der Oper Pique Dame von Tschaikowski an der Staatsoper während der zehn Wochen Proben bis zur Premiere am 11.Juni 2017. Die sozial-kritische Inszenierung verortet das romantische Drama nach Puschkins Erzählung von 1834 in ein heruntergekommenes Sankt Petersburg von heute. Die sinnlich wie intellektuell ansprechende Dokumentation gewährt spannende Einblicke hinter die Kulissen. In unaufgeregtem und leisen Stil werden die komplexen Arbeitsprozesse der unterschiedlichen Gewerke, vom Sprachcoach Dmitry Kunyaev, den Chorproben bis zum Kostüm- und Bühnenbild von Vera Viebrock  beleuchtet.

Besonders beeindruckt die Drehbühne, auf die eine Art postsowjetische Hinterhof-Tristesse gebaut wurde. Da blättert der Putz, da bröckelt das Mauerwerk. Bei genauem Hinsehen bemerkt man irritierende Details wie außen angebrachte Heizkörper: Die Welt ist verdreht, wie im Kopf von German, dem manisch Liebenden, der ins Verderben rennt und Lisa mitreißt, die wie er von einem besseren Leben träumt.

Gezeigt wird aber nicht nur das traditionsreiche Handwerk, sondern auch die einzigartige Arbeitsweise der Oper Stuttgart, die die komplexe Kunst des Musiktheaters als integratives Gemeinschaftskunstwerk betrachtet. Dazu gehört auch die enge Teamarbeit des Intendanten und Regisseurs Jossi Wieler und dem Co-Regisseur Sergio Morabito. Zum besonderen Arbeitsethos Wielers gehört es, ein Bewusstsein für die gesellschaftliche Verantwortung der Kunst zu vermitteln. Durch den starken Ensemblegeist am Stuttgarter Theater entfaltet sich schließlich das Gesamtwerk in einem gemeinsamen Dialog auf Augenhöhe zwischen allen Mitwirkenden. Oper versteht er nicht als abgeschlossenen elitären Elfenbeinturm, sondern als ein offenes Haus, das für die Freiheit der Kunst kämpft und sich stets im Austausch mit der Außenwelt befindet. Dazu gehört auch die Nachwuchsförderung. Eine intensive Betreuung aller Künstler*innen im Alltag ermöglicht ihnen, sich im Schutzraum des Hauses kontinuierlich weiterentwickeln zu können. Die Oper hat nie die Praxis betrieben, internationale Stars zu engagieren, sondern hat  immer eigene Künstler*innen gewählt. Das sagt natürlich viel aus über den Geist des Hauses. Dieser Geist ist zu einem besonderen Vorbild geworden  für andere Häuser, die nun auch wieder mehr Wert auf den Ensemblegeist legen.

Der Film lässt sich Zeit. Dadurch gelingt es, eine Atmosphäre zu schaffen, die die Zuschauer*innen eintauchen lässt in die Magie eines ganz eigenen Universums. 

Schließlich blickt das Filmteam über den Tellerrand der Entstehung und Aufführung von Pique Dame hinaus und verbindet geschickt zwei Produktionen miteinander.

Es werden einige beeindruckende Ausschnitte der Inszenierung Hänsel und Gretel gezeigt. Hänsel und Gretel werden von zwei Kindern aus Ruanda gespielt, einem der ärmsten Länder der Welt. Jossi Wieler erklärt in einem Interview die politische Situation des russische Regisseurs Kirill Serebrennikov, der die Regie bei der Neuinszenierung von Hänsel und Gretel übernehmen sollte. Er konnte sein Engagement aufgrund seiner Verhaftung jedoch nicht antreten. Weil er ein unbequemer Fragensteller ist, so Jossi Wieler, hat man ihn aus dem Verkehr gezogen. Weil sich Serebrennikov seine Unabhängigkeit bewahrt hat, ist er den Behörden in Moskau ein Dorn im Auge. Kulturinstitutionen in Russland sollen alle gleichgeschaltet und verbliebene Spielräume  vernichtet werden. Im Umfeld von Serebrennikov wurden weitere Personen festgenommen. Der Prozess gegen ihn und seine Mitarbeiter wird als Wendepunkt in der postsowjetischen Geschichte Russlands angesehen.

Schließlich ist aus der Produktion von Hänsel und Gretel eine Aktion geworden, die vor der Gefährdung der Freiheit der Kunst warnt und die die Befreiung des Regisseurs aus dem Hausarrest fordert.

Großzügiger Weise überließ Serebrennikov der Oper Stuttgart für ihre szenische Einrichtung des Abends das Material seines in Ruanda und Stuttgart gedrehten Hänsel und Gretel-Films, das Teil seines szenischen Gesamtkonzeptes ist. Nach seiner Freilassung will die Oper Stuttgart Serebrennikov die Realisierung der Aufführung ermöglichen.

Insgesamt erhielt die Staatsoper Stuttgart sieben Mal die Auszeichnung Opernhaus des Jahres – so oft, wie kein anderes Opernhaus der Welt.

Mit Pique Dame endet die Spielzeit Wielers. Der besondere Geist des Hauses, davon ist er überzeugt, wird alles überdauern.

Ein sehr empfehlenswerter Film, nicht nur für OpernbesucherInnen!

Andrea Klaßen ist Kunsthistorikerin M.A. und schrieb ihre Magisterarbeit 1991 über die Entstehung der abstrakten Kunst. Sie arbeitet als Feldenkrais-Lehrerin und Dozentin an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn. www.movingmatters.de