Bilder im Kopf: Die Kunst von Edgar Froese – Ein Interview mit Bianca Froese-Acquaye


Posted on November 2nd, by mike.kauschke in Blog. No Comments

Edgar Froese und Bianca Froese-Acquaye

Bilder im Kopf

Ein Interview mit Bianca Froese-Acquaye

Die aktuelle Ausgabe von evolve haben wir mit Arbeiten des Musikers und Grafikkünstlers Edgar Froese gestaltet. Er wurde als Gründer und kreativer Kopf der Band Tangerine Dream bekannt, die als Pioniere der elektronischen Musik gelten. Edgar Froese verstarb 2015. Wir sprachen mit seiner Frau, der Malerin und Bandmanagerin von Tangerine Dream Bianca Froese-Acquaye, über seine Kunst.

evolve: Edgar Froese ist vor allem als Musiker und Gründer von Tangerine Dream bekannt. Daneben hat er auch grafische Kunst gestaltet. Wie war sein Kunstverständnis in dieser Verbindung verschiedener Ausdrucksformen?

Bianca Froese-Acquaye: Für Edgar war es ganz natürlich, die verschiedenen Kunstgenres wie visuelle Kunst und Musik miteinander zu verbinden. Ursprünglich hatte er Bildhauerei und Grafik an der Berliner Akademie der Künste studiert. Er merkte irgendwann, dass er seine Vorstellung von dem, was er ausdrücken möchte, in diesen Medien nicht so gut umsetzen konnte. Deshalb vertiefte er sich mehr und mehr in die Musik, lernte Instrumente und spürte, dass er sich mit Musik wesentlich besser ausdrücken konnte.

Mit Tangerine Deam machte er reine Instrumentalmusik, die dem Hörer sehr viel Spielraum für eigene Visionen, für eigene Kreativität, für eigene Bilder lässt. Auch sagen viele Fans, dass diese Musik Bilder im Kopf erzeugt. Und hier ist wieder eine Verbindung zur visuellen Kunst, die beim Hören dieser Musik in den Köpfen des Publikums entsteht. Nicht umsonst haben in den 80er-Jahren auch Hollywood-Regisseure für ihre Filme auf diese Musik zurückgegriffen.

e: Wie kam es dazu, dass Edgar Froese auch visuelle Arbeiten gestaltet hat?

BFA: Edgar und ich haben uns 2000 kennengelernt, und ich bin Malerin. Edgar hatte mir den Auftrag gegeben, eine Bilderserie über »Die göttliche Komödie« zu malen und komponierte parallel dazu die Musik. Mich malen zu sehen, beflügelte ihn so, dass er auch wieder gestalterisch arbeiten wollte. Er nutzte dafür Photoshop. Mit der Software konnte er sowieso umgehen, denn wenn man mit Musiksoftware arbeitet, muss man immer am Puls der Zeit sein.

Anfang der 2000er stellten wir zum Beispiel in unserer eigenen Galerie in Berlin-Schöneberg, in der Urania in Wien oder im Theater Brandenburg aus. Dort wurde auch Edgars Dante-Komposition uraufgeführt und gleichzeitig gab es im Foyer des Theaters eine Ausstellung.

e: Weißt du, wie er an seine visuellen Werke heranging? War es ein Thema, das er dann umsetzen wollte oder eher ein offener Prozess?

BFA: In Bezug zur Musik und zur Grafik sagte er immer zu mir, er sei wie ein »Durchlauferhitzer«. Er war ein sehr intuitiver Mensch und hatte plötzlich Eingaben und Einfälle, die er dann umsetzte. Es verging kein Tag, an dem er nicht komponierte. Selbst wenn wir im Urlaub waren, hatte er sein kleines Keyboard dabei. Wenn er einen Einfall hatte, nahm er es sofort auf. So war es auch mit seinen Grafiken. Er hatte eine unglaubliche Quelle an Kreativität in sich; er war im Flow. Und wenn es mal nicht floss, dann griff er zu einem kleinen »Trick« und nahm sich ein Buch von Picasso. Er besaß einen tollen Fotoband über Picasso, als dieser einen Sommer lang auf seinem Grundstück in Südfrankreich von einem amerikanischen Fotografen fotografiert worden war. Picasso bei der Arbeit zu sehen, das hat ihn inspiriert; das war sein »Komplementärflash«, so hat er es immer bezeichnet. Diese Intensität Picassos und wie er aus jedem Ding, das er anfasste, ein Kunstwerk machte, inspirierte ihn dermaßen, dass er schon zehn Minuten später wieder in sein Studio ging und plötzlich floss es wieder.

Edgar lernte Dali auch persönlich kennen, als er 1967 mit seiner Band in dessen Garten spielte. Dali lud da alle 14 Tage Künstler und Schauspieler zu sogenannten »Weekend Happenings« ein. Edgar kam über den Kontakt zu einem ehemaligen Kommilitonen, der Dalis einziger Schüler war, dorthin. Damals hießen Tangerine Dream noch »The Ones« und sie machten so eine Art Krautrock, damals eine ganz neue, verrückte Musik. Dali war begeistert und rief: »Oh, I love this rotten religious music!« Bei einem Spaziergangang durch den Olivenhain erzählte Dali Edgar von seinen Träumen, denn Dali verarbeitete hauptsächlich seine Träume in den Bildern und beschäftigte sich sehr mit dem Unterbewusstsein. Ich denke manchmal, dass Edgar auch dadurch inspiriert wurde, seiner Band den Namen Tangerine Dream zu geben. Edgar war also immer schon von der Kunst sehr inspiriert und durchdrungen, konnte sich aber letztendlich in der Musik am besten ausdrücken, vielleicht weil sie etwas ätherischer ist.

e: Was wollte er mit seiner Kunst ausdrücken?

BFA: Edgar war schon immer ein Sucher, das zog sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Leben. Er war philosophisch und spirituell sehr interessiert und bewandert. Er interessierte sich für die Weltreligionen, für das Ur-Christentum, den Buddhismus, Hinduismus, das Sufitum. Er las sehr viel und war wirklich eine wandelnde Bibliothek. Und er meditierte auch auf seine Art: Unseren großen Garten hatte er im Zen-Stil angelegt und seine Meditation war die Gartenarbeit. Das war dann etwas ganz Irdisches, der Umgang mit Erde, das hat ihn geerdet.

Edgar war im Grunde genommen alles gleichzeitig: Philosoph, Musiker, Grafiker. Und dieses innere Suchen floss natürlich immer in seine Arbeiten, in seine Musik und seine Grafiken mit ein. Seine Musik enthielt auch Botschaften und sie gab und gibt den Fans noch heute sehr viel Hoffnung, weil darin etwas sehr Positives mitschwingt. Das ist das Feedback, das wir von den Fans bekommen. Wir erhalten zum Beispiel viele Briefe aus Krankenhäusern, in denen die Menschen schreiben, dass ihnen die Musik Kraft gibt.

Und ich denke, zum Ende seines Lebens ist er dem Ziel seiner Suche auch sehr nahegekommen. Er war ein sehr weiser Mann, das sage ich jetzt nicht nur, weil ich seine Frau war.

e: Während seiner Lebenszeit hat sich der Aufstieg des Digitalen ereignet, von den ersten Synthesizern bis zur digitalen Welt, in der wir heute leben. Wie empfand er diese Entwicklung?

BFA: Er war dem sehr positiv aufgeschlossen, weil es für ihn ein perfektes Medium war. Edgar war so ein Feuer-Typ, sehr schnell im Denken, und die digitalen Medien waren für ihn das perfekte Umsetzungsmittel, weil sie auch schnell waren. In den 80er- und 90er-Jahren, wo alles noch unendlich langsam war, und auch die Speicherkapazitäten noch längst nicht ausreichten, ist er manchmal bald wahnsinnig geworden. Oft sind Dinge abgestürzt, weil die Technik noch in den Kinderschuhen steckte. Er war technisch immer auf dem neuesten Stand und freute sich, dass die Geräte schneller wurden und eine größere Speicherkapazität zur Verfügung stand. Und dann die MP3- und Wave-Dateien und die ganzen digitalen Schnittstellen, wodurch viele Geräte miteinander kompatibel waren.

Tangerine Dream waren ja Pioniere der elektronischen Musik, die zum ersten Mal Synthesizer benutzt und diese Synthesizer auch mitentwickelt haben. Die Industrie wandte sich in den 70er-Jahren oft an Tangerine Dream, damit sie Klänge mitentwickeln. Noch heute gibt es Synthesizer, in denen es bestimmte Klänge gibt, die sich »Tangerine Dream« oder »Edgar Froese« nennen. Die Band hat also auch die technischen Voraussetzungen für diese Art der Musik mitentwickelt.

Aber für Edgar ging es nicht vorrangig um die Technik. Fans haben immer wieder gefragt, welche Technik und Synthesizer er benutzt. Das konnte er nicht verstehen und sagte: »Mensch, warum sind die immer nur an der Technik interessiert?« Denn er war der Meinung, dass nicht die Technik die Komposition macht, sondern es immer der Mensch ist, der damit arbeitet, und damit das Bewusstsein, das in dem Menschen wirkt. Die Technik fördert nicht die Entwicklung des Bewusstseins, aber jemand mit einem fortgeschrittenen Bewusstsein kann durch bewussten Umgang mit den digitalen Medien eventuell auch noch ein größeres Bewusstsein erlangen. Er kann sich sehr viele Informationen holen und diese mit einem gewissen Unterscheidungsvermögen selektieren. Aber Menschen, die sehr unbewusst mit digitalen Medien umgehen, können sich dann doch sehr leicht darin verlieren, bis hin zur Sucht. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass wir abhängig werden, wenn wir mehrere hundert Mal am Tag auf unser Handy schauen. Im Englischen gibt es dafür schon den Begriff »Fomo« – »Fear of missing out«: Die Angst, etwas zu verpassen, wenn man nicht aufs Handy schaut. Und wie gesagt, Menschen, die sich nicht auf den Weg zur Selbsterkenntnis machen, können sich sehr leicht darin verlieren. Edgar kannte diese Gefahren, aber auch die Vorteile.

e: Es scheint, dass er diese technischen Entwicklungen sehr bewusst reflektierte und einen Weg fand, damit umzugehen. Das Gärtnern zum Beispiel ist ja dann auch etwas sehr Bodenständiges. Es scheint auch, dass er bei allen elektronischen Möglichkeiten, die sich auch in dieser Musikform aufgetan haben, doch das schöpferische Bewusstsein des Menschen im Vordergrund sah.

BFA: Ja, das stand bei ihm absolut im Vordergrund. Er hoffte auch, durch seine Musik andere Menschen mitnehmen zu können. Er hat sich mit spirituellen Themen auseinandergesetzt und interessanterweise schrieben dann auch oft viele Fans darüber. Wir hatten dazu ganze Diskussionsrunden in unseren Foren. Er nahm sie auch ein Stück weit mit in ihrem Bewusstseinsprozess. Denn es gibt ja so ganz treue Fans, die uns schon seit 30, 40 Jahren begleiten.

Edgar machte auch viel Konzeptmusik, in der er sich immer bestimmten Themen widmete, zum Beispiel gibt es die »Sonic Poems«-Serie, in der er »Das Schloss« von Kafka, »Der Engel vom westlichen Fenster« von Gustav Meyrink, »Finnegans Wake« von James Joyce und »Die Insel der Feen« von Edgar Allan Poe vertonte. Und natürlich »Die Göttliche Komödie« von Dante Alighieri – das war eigentlich sein Hauptwerk. Dabei arbeitete er mit einem Orchester. Ich weiß noch, wie er Tränen in den Augen hatte, als er dann zum ersten Mal seine Komposition, gespielt vom Orchester hörte. Bei diesem Klang des 70-köpfigen Orchesters bekamen wir beide Gänsehaut, das war ein großartiger Moment.

e: War dieses Mitnehmen eine bewusste Absicht von Edgar, um durch die Musik bei den Hörern ein bestimmtes Bewusstsein anklingen zu lassen?

BFA: Ja, ich denke schon, das verstand er als seine Aufgabe. Aber er konnte auch nicht anders, weil er selbst so intensiv nach dem Sinn des Lebens forschte und anderen Menschen Halt geben wollte.

In unseren Foren wird bis heute ganz lebendig diskutiert, weil wir ja mit der Band weitermachen. Noch kurz vor Edgars Tod haben wir in Australien gespielt und seine neue musikalische Vision zum ersten Mal umgesetzt. Edgar war sehr an Quantenphysik interessiert und sein neues Konzept war, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Quantenphysik in Musik umzusetzen. Dieses neue Konzept war ein »Back to the Roots«. Wir hatten eine Zeit lang auch akustische Instrumente, wie Percussion und Saxophon, verbannten diese aber dann und gingen wieder rein zur Elektronik zurück, nur Synthesizer und E-Violine. Dieses Konzept haben wir nach seinem Tod weiterverfolgt und Edgar hatte auch schon einige Stücke komponiert, die die Musiker ergänzten, und so entstand das Album »Quantum Gate«. Mit dieser Platte haben wir viele Fans zurückgewonnen, weil viele nach seinem Tod skeptisch waren, ob es mit der Band weitergehen kann. Aber wir konnten sie überzeugen und sie sind dankbar, dass sie weiterhin Tangerine Dream hören können. Im August waren wir auf einer großen Festivaltournee in Amsterdam, Ungarn, Oslo, Helsinki, Göteborg, Italien und jetzt im Oktober sind wir auf Malta und im November in Berlin.

e: So bleibt Edgar Froeses Vermächtnis lebendig.

BFA: Nachdem ich Edgar 2000 kennengelernt hatte, betraute er mich recht bald mit dem Bandmanagement. Er wusste wohl intuitiv, dass ich sein Vermächtnis gut verwalten werde. Ich bin sehr glücklich darüber und möchte in den nächsten zwei Jahren eine internationale Wanderausstellung ins Leben rufen, damit auch die junge Generation erfährt, wer oder was Tangerine Dream war.

Musikalisch führt vor allem Thorsten Quäschning das Vermächtnis weiter. Er hat zwölf Jahre lang eng mit Edgar zusammengearbeitet und auch die musikalische Leitung übernommen. Und daneben besteht die Band aus der Violinistin Hoshiko Yamane und dem Keyboarder Ulrich Schnauss.

Letztes Jahr habe ich auf unserem Label Edgars Autobiographie veröffentlicht, die bei seinem Tod kurz vor der Fertigstellung stand. Ich brachte die vorhandenen Manuskripte in eine chronologische Ordnung, lektorierte das Buch umfassend und im September 2017, zum 50. Jubiläum von Tangerine Dream, kam es unter dem Titel »Force Majeure« – Höhere Gewalt – heraus.

Vielleicht abschließend noch eine Anekdote, die ich gern teilen möchte: Jean-Michel Jarre ist im August 70 Jahre alt geworden. Edgar hatte kurz vor seinem Tod die Gelegenheit, mit ihm gemeinsam ein Stück zu komponieren; es heißt »Zero Gravity«. Anlässlich seines Geburtstages wurde Jarre vom »Spiegel« interviewt und gefragt, ob er auch an Aliens und das Leben im All glaube. Jarre bejahte das und sprach dann auch kurz über Edgar. Er meinte, dass Edgar für ihn ein Alien war, weil sein Talent nicht von dieser Welt war. Wobei seiner Meinung nach ein interessanter Künstler immer eine Art Alien ist, weil er außerhalb der Norm denkt.

 

 





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