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Gelebte Spiritualität

Über das Buch “Der Geschmack der Unendlichkeit – Spiritualität im Alltag” von Rüdiger Sünner

Wolfgang-Andreas Schultz

„Kannst Du mal erklären, was Spiritualität eigentlich ist?“  Eine solche Frage wird schon manchen in Verlegenheit gebracht haben, und statt es mit Definitionen und Theorien zu versuchen, geht Rüdiger Sünner den Weg, zu erzählen, wie Spiritualität im Alltag gelebt wird. Daraus ist ein sehr persönliches Buch geworden, das nicht den Anspruch erhebt, auf alle Fragen eine Antwort zu wissen, aber viele Menschen bei der Suche nach dem eigenen spirituellen Weg wird begleiten und unterstützen können.

Also keine Metaphysik, auch kleine Esoterik! Sondern im Alltäglichen das Wunderbare zu entdecken, Staunen und Dankbarkeit zu lernen, über die sinnliche Wahrnehmung zum Übersinnlichen zu finden, ohne dass dieses sich in bestimmten Gottesbildern konkretisieren müsste, darum geht es Sünner.

Eine zentrale Rolle spielt die Natur als Raum für die Erfahrung, dass in allem Körperlichen etwas Nicht-Körperliches verborgen ist, dass überall unter der materiellen Oberfläche ein Tiefenraum des Seelischen liegt, alles eine Innenseite hat – darin berührt sich Sünner mit der Weisheit indigener Kulturen in Ergänzung des extrem einseitigen Blickes der westlichen Wissenschaften.

Gelegentlich schlägt Sünner Wahrnehmungsübungen vor und kommt in dem Kapitel „Das Lied der Stille“ auf Meditationstechniken zu sprechen, auf Wege des Zen und der Anthroposophie, auf Meditationsübungen beim Wandern, auf das Leerwerden und die Erfahrung des „Etwas denkt in mir“, letztlich auf das Gefühl des Geführtwerdens, des Angeschlossenseins an etwas Größeres.

Wir erfahren auch viel über Sünners Lebensweg, über seine aufwühlende Begegnung mit dem Phänomen „Unendlichkeit“ als Fünfzehnjähriger im Kubricks Film „2001“, und über seine Liebe zur Musik, der er ein ganzes Kapitel „Musik und Transzendenz“ widmet. Ist der Hörsinn der spirituellste? Ist in Musik die Trennung von Subjekt und Objekt aufgehoben, die unsere visuelle Sichtweise so stark prägt?

Wie sehr die Natur mit ihren ewigen Metamorphosen, dem Werden und Vergehen Bezugsrahmen ist, zeigt sich daran, wie wenig ihm an Spekulationen darüber liegt, was nach dem Tod kommt. Er zeigt Skepsis gegenüber zu weit gehenden Folgerungen aus Nahtoderfahrungen, gegenüber Ideen von der Unsterblichkeit der Seele und der Reinkarnation oder den „Schauungen“  eines Rudolf Steiners. Mag sein, dass da manch einer etwas enttäuscht ist, aber ist das wirklich so wichtig zu wissen? Geht es nicht vielmehr um das Leben hier und jetzt, um das Geheimnis der Regeneration, um die Bereitschaft zur Verwandlung, nicht um das Festhalten am eigenen Ich?

 So sympathisch das Buch in seiner Abneigung gegen zu viel Theorie und Metaphysik ist, so hilfreich wäre allerdings gelegentlich doch ein wenig mehr an Erklärungen, so etwa über die Bedeutung des Ichs, weil es da – zwischen Anthroposophie und Zen, zwischen indigenen und westlichen Kulturen – extrem gegensätzliche Positionen gibt mit der Gefahr großer Missverständnisse, ja mit der Gefahr eines Missbrauchs von Spiritualität durch kollektivistische Ideologien.

Der Titel des Buches spielt auf ein Zitat des Theologen Friedrich Schleiermacher an, einem Zeitgenossen der Romantiker: „Religion ist Sinn und Geschmack für das Unendliche.“ Vielleicht sollte man „Religion“ durch „Spiritualität“ ersetzen, denn wie weit Sünner sich von der christlichen Religion entfernt, zeigt das vorletzte Kapitel „Die Weisheit der Großen Göttin“, in dem es um die Bilder der Mutter Natur geht. Das Problem liegt allerdings in dem Christentum, wie es die Kirchen vertreten, mit seinem schwierigen Verhältnis zur Natur. Möchte uns uns das Buch zu einer neuen Form der Naturreligion führen? Die Natur als göttliche Manifestation anzuerkennen wäre der entscheidende Schritt zu einem neuen Verhältnis zu ihr …

Sünner beschließt das Buch mit dem Kapitel „Das Gold der Dankbarkeit“. Dem sollten wir uns anschließen in Dankbarkeit für dieses wunderbare Buch.