Generationen-Zank oder -Zauber: Vom achtsamen Dialog zum reifen Miteinander – Teil 1

Zwischen zwei Heiligenfeld-Kongressen

Teil 1: Wie war’s denn so im Prähistorium?

Von Katharina Daniels und Viola Karczewski

Was das Alter von der Jugend hält und umgekehrt – das ist ein menschheitsgeschichtliches Phänomen. Besonders aber unser Zeitalter provoziert ein Aufeinanderprallen der Generationen: Bedingt durch eine, so historisch erstmalige, Dynamik der technischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Eine Verständigung, mehr noch, ein tiefes Reflektieren unseres Miteinanders, in der Zeitspanne, die uns hier gemeinsam gegeben ist, gewinnt heute an Dringlichkeit. Wir betrachten in unserer fünfteiligen Serie “Generationen-Zank oder -Zauber” aus verschiedenen Blickwinkeln.

“Wenn ich die junge Generation anschaue, verzweifle ich an der Zukunft der Zivilisation”. Die Tirade stammt aus dem Jahr 2019 – oder? Es könnte eine Klage sein über die angeblich so pflichtvergessene, nur auf Freizeitgenuss versessene Gen.Y, über Hipster und anglifizierte urbane Milieus: “Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.” Wer war’s? Ein reaktionärer Geist aus einer Konzernzentrale oder aus einer, auf Brauchtum und Heimat pochenden Partei? Alles fehl geraten: Aristoteles empörte sich derart schon vor der christlichen Zeitrechnung. Und er konnte auf eine wahrlich lange Historie bauen: So blies der noch einmal 200 Jahre ältere Sokrates ins selbe Horn: “Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren, schwätzt statt zu arbeiten.” Das Jugend-Bashing reicht, dokumentiert, bis zu den Sumerern zurück, die auf Tontafeln ritzten, dass die Jugend auf Umsturz sinne, keine Lernbereitschaft zeige und ablehnend sei gegenüber übernommenen Werten (s. Blog: “Bildungswissenschaftler.de”): Eigenartig, dass die Menschheit bei derart düsteren Aussichten noch existiert.

Staubt er noch immer? Der Muff von 100 Jahren?

Die Vorbehalte sind wechselseitiger Natur. Wohl menschheitsgeschichtlich verwurzelt, neigt Jugend eher zur Rebellion, will verkrustetes, tradiertes Selbstverständnis aufbrechen. Die Fridays for Future sind in jedem Sinne das jüngste Beispiel von jugendlichem Aufbegehren. Sie stehen, hier im Sinne des auf Missstände oder nicht Getanes verweisend, durchaus in der Tradition der sog. 68er: “Unter den Talaren der Muff von 100 Jahren” skandierten erboste Studenten 1967, mit dem Ziel, das bleierne Schweigen der Nachkriegszeit zu den nationalsozialistischen Verbrechen zu brechen. Ob Vergangenheitsaufarbeitung oder Druck für die Umwelt: Beide Bewegungen sehen oder sahen die “Alten”, die Eltern- und Großelterngeneration als die Verursacher des Übels – und zeigen in der Empörung oft wenig Sinn für Differenzierung. Gerade in Social-Media-Disputen finden sich nicht selten Einlassungen junger Menschen, die sich in ihrem Umweltbewusstsein, oder in ihren Ideen einer menschengerechteren Wirtschaft, etwa agilen Arbeitsformen und einer sinnerfüllten Arbeit, von den “Alten” nicht verstanden fühlen. Mehr noch, stempeln die jungen Empörten ihre “Vorfahren”, hier die Babyboomer, überlappend auch noch die Gen. X, generell als “Bürohengste” ab. Als Verkörperer von Unbeweglichkeit, Starrsinn und Sicherheitshörigkeit, als Verhinderer von Innovationen und einer Stabübergabe an die junge Generation. Dies wiederum verärgert, ja verletzt so manchen Babyboomer, der, bisweilen noch in den Uferwellen der 68-Brandung plätschernd, sich für Frauenrechte stark gemacht, gegen Atomkraft protestiert und einen Lebensweg jenseits gesicherter Berufspfade eingeschlagen hat. “Warum reklamiert Ihr ein Gedankengut allein für Euch, dessen Samen wir gesät haben?” wehrt sich die, in ihrem Empfinden missachtete, ältere Generation.

So offen sprechen die Generationen in der Realität allerdings selten miteinander. Eher laufen die wechselseitigen Ressentiments untergründig ab: Oder haben Sie sich noch nie dabei ertappt, dass Sie, als junger Mensch, die Alten als “grottig” empfunden haben- und als Älterer (oder Ältere) die Jugend generell als vorlaut und unreif?

Teil 2 der Serie: Jung, alt, Altertum: Eine andere Sicht auf Generationen

Die Autorin Katharina Daniels, Jahrgang 1956, arbeitet als Kommunikationsberaterin für Unternehmen und als Publizistin. Die Autorin Viola Karczewski, Jahrgang 1988, ist Veränderungsbegleiterin für Transformationsprozesse, für Menschen im privaten Wandel und in Unternehmen. Beide entwickeln unter dem Dach der Verbundinitiative “authentisch anders. Kulturwandel in Unternehmen und Gesellschaft” ein Lern- und Erlebnis-Format für das Spannungsfeld “Generationen im Unternehmen”.

Hier lesen Sie mehr zur Zusammenarbeit der beiden Autorinnen