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Heimisch im Unerforschlichen – Peter Handke

Eine Würdigung

Benedikt Maria Trappen

„Nichts verständlicher, als endgültig aufzugeben, mit der Feststellung, in diesem Land, gelichtet von der Aufklärung, zusammengestutzt von der Vernunft, durchgeplant und vereinheitlicht von der Grammatik, sei kein Platz für einen Wald.“ (Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht)

„Wunderbares zu schaffen, zugleich neben sich selber zu stehen, und überdies nur ausnahmsweise verstanden zu werden, sogar von denen, die einem am nächsten waren: gewaltig.“ (S. 536).
Hätte er nicht selbst diese Zeilen, sozusagen als Schlüssel, oder um im Bild vom Spiel zu bleiben, als Pass, einer von vielen, seiner wiederum und in vielerlei Hinsicht märchenhaften Erzählung eingeschrieben, müsste, früher oder später, ein anderer so oder ähnlich über Peter Handke und sein Alterswerk schreiben. Doch was, außer dem immer wieder – kann das sein? – unglaublichen Alter des Autors, deutet auf ein Alterswerk?
Die vollendete Kunst zum Beispiel, sowohl das Erzählte, als auch Erzähler und Reflexion des Erzählens zu sein und auf diese Weise, Dreieinigkeit des Schreibens oder Tuns, nie allein zu sein: „Ich allein bin drei Wanderer, wenn nicht mehr, unter dem Himmel.“ (S. 284). Und schon sind wir mitten drin im Handke-Kosmos, beginnend mit „Die Hornissen“, ein Buch, das man, wie Handke selbst, von Zeit zu Zeit wiederlesen sollte, um das Anfängliche, das ebenso das Künftige wie das Gewesene und, in besonderem Sinn, das Gegenwärtige ist, immer wieder neu zu entdecken.
Und weiter? – Vom Alter mit seinen Gebrechlichkeiten, von Krankheit und Todesnähe ist nur vereinzelt, wenn auch eindringlich, die Rede. Von Abschieden mehr denn je. Wobei Abschiednehmen wiederum zuerst und mehr ein eigentümliches Phänomen des Tages- als des Lebensrhythmus ist. Ein Zeit-Phänomen, wie überhaupt der Zeit, als Haupt- und Tätigkeitswort, als in besonderer Weise wirklicher, stillender Stoff – wie auch die Musik – Handkes besondere Aufmerksamkeit gilt. Ereignisse zeitigen sich, begegnen dem Erzähler, fügen sich und werden in der Erzählung erst wirklich. Während die erlebnis- und ereignislosen Zwischenzeiten und Zwischenräume, das nicht Erzählwürdige, durchmessen und ausgeschritten werden muss, um im Nachbild immer wieder das Übersehene, nicht Wahrgenommene aufleuchten zu lassen.
„Gab es das denn noch?“ – „Sagte man noch so?“ Solchen Fragen begegnet der Leser immer wieder, in denen sich tatsächlich so etwas wie Altwerden anzeigt. Altwerden auch als Gewahrwerden einer anderen Welt, nicht zuletzt der fortschreitenden Technisierung, z.B. in Gestalt des Internet als allgegenwärtig verfügbarer Quelle der Information, auf die der Erzähler gelegentlich – ironisch? resigniert? – verweist. Die Information, die sachliche, ausführliche und genaue, braucht den Erzähler nicht mehr. Und doch: Handkes Beschreibung etwa einer Buchecker lässt aufleuchten, was die bloße, jederzeit und überall abrufbare Information nicht leisten kann: Aufscheinen lassen des Schönen als Folge oder vielmehr Leistung oder auch unbeabsichtigte Nebenwirkung der Achtsamkeit, des Aufmerkens, Hinschauens, Hinhörens, Schmeckens, Riechens, Tastens.
Handke war zeit seines Lebens so viel unterwegs, dass ihm jetzt die alltäglichste unscheinbarste Gegend zur Weltgegend werden kann, in deren Mitte das Erzählte, der Erzähler steht oder fährt oder geht. Wobei „Einfache Fahrt“ ins Innere des Landes wie der Seele, alles andere bedeutet als „einfach“, und dann doch wieder Einfachheit bedeutet. Aber auch: Einbahnstraße. Umkehr ausgeschlossen. Man muss beim Lesen des Untertitels den existentiellen Ernst erinnern, mit dem der junge Handke im wahrsten Sinne des Wortes mit seinem Erstlingswerk um sein Leben schrieb, seine Bestimmung, seine Berufung, die als solche ebenso fraglos sicher ist und war, wie deren Herkunft frag-würdig und rätselhaft, um das Recht, über sein Leben, seine Zeit selbst zu bestimmen: „Alle Zeit auf Erden hatte ich plötzlich. Alt wie ich war: Mehr Zeit denn je. Und das Buch des Lebens: Offen und dabei dingfest, die Seiten, besonders die unbeschriebenen, aufleuchtend im Wind der Welt, der Erde, der Hiesigkeit.“ (S.13)
„Das Letzte Epos“ erzählt einen Aufbruch, eine aventiure, wie nur Wolfram von Eschenbachs Schwester oder Bruder, ein naher Verwandter jedenfalls, dies unternehmen kann. Ein Aufbruch also jenseits der Ideologien, des vermeintlich sicheren Fern-Seh-Wissens um Gut und Böse, der scharf konturierten schwarz-weiß Kontraste. Die Geschichte, die reale, wird dabei immer wieder nur gestreift. Die Erzählzeit wie die erzählte Zeit ist oder wird zur „anderen Zeit“, die nicht zählbare „heilige Zeit“, in der das Erlebte märchenhaft wird, alles zur „rechten Zeit“ geschieht, am „rechten Ort“ begegnet und „unter der Geschichte“ der Mythos, die Wahrheit der Geschichte, sich bildet. Und hier berühren wir die andere Dimension, die tiefere, in der die Geschichte abgründig oder vielmehr ungründig wurzelt. Des Erzählers immer wieder anklingende Bindung oder Beziehung zum östlichen Europa, zum Balkan und zu Russland – die Obstdiebin ist gerade erst aus Sibirien zurückgekehrt – lässt ahnen, wie bedeutsam diese Thematik ist. Es geht und ging solcher Ein-Mann-Expedition ins Ungewisse um Entdeckung und Verwandlung, wenn auch „nur“ des Alltags. Und hier auch öffnet sich die Dimension des Heiligen, des Heiles und damit auch der Religion. Von Hoch-Mut getragen und geführt im Sinne des immer erneuten Aufschwungs der Herzen, von Träumen und Zeichen geleitet, verirrt sich diese Expedition absichtlich-unabsichtlich bis ins Weglose, im – sicheren? – Wissen seit langem, dass ihr „nichts geschehen kann“. Auf dieser abenteuerlichen Reise ist nichts das, was es scheint, werden Bilder, Sprachbilder und Gewissheiten immer wieder ent-täuscht, oft auch zum Guten oder Besseren, fügen sich Zufälle, verknüpfen sich Träume, Erinnerungen und Gegenwart, überraschend, wunderbar. „Richtung Offenheit“, „Richtung Freude“ könnte man das Grundsätzliche dieses Aufbruchs benennen, Aufbruch auch im Sinne von Aufbrechen, Zerbrechen gewohnter Muster und Strukturen.
Und – geheimnisvoll immer wieder, immer noch – leuchtet aus dem Sinnlichen, dem Hören, Sehen, Fühlen, Schmecken, Riechen, das Über-Sinnliche hervor, keiner zumindest westlichen Wissenschaft bislang zugänglich, das weithin und langhin Unerforschte und letztlich Unerforschliche, in dem es gilt heimisch zu werden. Handke ist Goethes „offenbarem Geheimnis“ sehr nahe. Und dies ist zugleich die Dimension des Heimlichen, der Heimlichkeiten, aber auch der Kraft und Macht. Macht der Seele und des Geistes freilich, einer anderswirklichen Macht, nicht der des Staates und der Politik und deren bürokratischer wie kriegerischer Gewalt. Macht, das Unwirkliche wirklich werden zu lassen, das Leblose lebendig zu machen. Macht der Auferstehung, die der Erzähler oder vielmehr die Obstdiebin, sein erzähltes Alter Ego, immer wieder – auch als Versuchung – erfährt. Kraft und Macht, dämonisch, wie sie uns im Werk von Georges Bernanos begegnen, einer sehr frühen nachhaltigen Leseerfahrung Handkes. Wir finden uns wieder in einer magischen Welt, in der symbolische Handlungen reale Wirkungen haben, auch über Raum und Zeit hinaus, und die Feier der Eucharistie Gemeinsamkeit, Gegenwärtigkeit und Freude stiftet. Eine Welt des Aberglaubens? Die Welt eines Zwangsneurotikers vielleicht, wenn nicht noch Schlimmeres, wie ein Psychoanalytiker diagnostizieren könnte? Ein Rückfall – Gott bewahre – hinter die Aufklärung sogar? – Keineswegs. Eine andere Welt, eine andere Wirklichkeit hinter oder neben der wissenschaftlich-technischen Weltsicht und über sie hinaus, ein Fortschreiten der Aufklärung eher – wie der Offenbarung – das zutiefst demütig und bescheiden macht vor dem letztlich unerforschlichen Geheimnis.
Warum aber sieht und erzählt sich der Erzähler in weiblicher Gestalt? – Weil er, um einmal das neben den „mystischen“ Traditionen wie Tantra, Kundalini, Sufismus vielleicht tauglichste wissenschaftliche Instrument zu verwenden, C.G. Jungs analytische Psychologie, nach dem „Schatten“ nun auch die „Anima“ integriert hat – das Bild des Weiblichen im Mann – und sich nun mit dem „alten Weisen“ auseinandersetzen muss, um das „Selbst“, das ganze große Leben, zu verwirklichen. Und woran erkennt man das? Daran z.B., dass er die gespreizten Beine einer schlafenden jungen Frau im Zug sieht als „nichts (…) als im tiefen Schlaf gleichwelchen Menschenkindes gespreizte Beine (S.108f.). Nicht, dass die Geschichte von Mann und Frau, die Polarität und Problematik des Männlichen und Weiblichen damit bereits endgültig gelöst wäre. Oder „gelöst“ nur in dem Sinne, in dem eine Verkrampfung sich löst, entspannt und Zugang gewährt zu dem, was mehr ist als das Physische: das Meta-Physische oder Über-Sinnliche, das keineswegs unsinnlich, sondern anders sinnlich ist. Eine körperliche Vereinigung ist mit der Öffnung dieser anderen Dimension nicht mehr nötig. „Was aber war das Besondere an diesem Bereich? Es war das ein Bereich, da sie, die Frau, und er, der Mann, ihre unterschiedlichen Körper los – von ihren gegenseitigen Leibern erlöst und zur gleichen Zeit ganz Körper, rein leibhaftig und nichts sonst als leibhaftig waren. Ihrer beider Körper hatten sich, indem sie einander begehrten, aufgeschwungen zugleich zu Wesen, zu nichts als einem, einem einzigen reinen Wesen, und dieses eine Wesen schwang nachtlang, ohne Ende, nicht enden wollend, hin und her, begehrte und erfüllte, erfüllte und begehrte. Ihr Bereich war einer jenseits der Zeit und der Orte, und auch jenseits von Mann und Frau, und verdankte seine Macht doch der leibhaften Tatsache, daß es da Mann und Frau waren, deren Körper, ohne ein Zutun, nachtlang ineinander übergingen, Zusatzleib, der dritte, die beiden anderen erübrigend. Wie tat das den zweien, wie tat das dem einen Wesen not. Unendliche Not. Unendliche Süße. Unendlich süße Not. Halleluja! Reiche Nacht, Schatznacht. Allein zwischen Mann und Frau war das möglich? Allein zwischen Mann und Frau!“ (S.435f.). Der Himmel ist auch die andere Erde. Und was Jakob Böhme der juviale Schein auf einem blankgescheuerten zinnernen Gefäß war, wird Handke der Anblick eines – was sonst? – Apfels im sonntäglichen Morgenlicht: „Auf der Brüstung der eine dort nachts abgelegte Apfel, mit dem Stengel nach oben, die Stengelmulde gefüllt bis obenhin mit Regenwasser. (…) Der Morgenglanz, sonntäglich, auf dem Apfelrund, als etwas noch Unerforschtes, dringend zu Erforschendes. Ah, all das noch zu Entdeckende, jenseits der angeblich weltbewegenden Entdeckungen.“ (S.438).

Handkes umfangreiches, ins Offene, zur Verwandlung aufrufendes freude- und friedenstiftendes Werk – schon die bloße Aufzählung der zahlreichen ansprechenden Titel ein Gedicht – zu dem nun auch das Letze Epos mit seinem langatmigen Rhythmus und entsprechend verschachteltem Satzbau gehört und für das ihm nicht nur der Literatur-, sondern auch der Friedensnobelpreis gebührt, erfordert ein gewisses Maß an Lesevermögen und Geduld ebenso wie es beides erzeugt, hervorbringt. „Kräftigendes und, warum nicht, kraftförderndes Lesen.“ (S.450). Denjenigen, die sich darauf einlassen, mit Leib und Seele, sich auf die Reise machen, die je eigene, und Mitspieler werden im Weltspiel, Zeitgenossen, Bruder- und Schwesterherzen, winkt Parzivals Gral noch immer: „Kein Suchen mehr. Kein Narren mehr. Alles war, was es war.“ (S.539). „Mehr Welt konnte nicht werden (…).“ (S.550).

Nachtrag
Wer sich unsicher ist, ob er in einem Handke-Text unterwegs ist, kann – verlässlich – Ausschau halten u.a. nach diesen Wörtern und Wendungen: Ruck, Rhythmus, episodisch, kleinwinzig, klein-klein, andersschön, grundanders, Blick über die Schulter, rückwärtsgehen, geblähte Nüstern, aufmerken, tun, gewahr werden, in die Hocke gehen, Umweg, Schwelle, Ernstfall, simili modo, pars pro toto, sursum corda, jäh, kurven, Menschenkind, Nachtregenwind, Lieblosigkeitsozean, Schauder, durchrieseln, unregelmäßiger Scheitel, Wirbel, Spatzen, zu meinen Häupten, namenlos, und wie.

Peter Handke: Die Obstdiebin, Frankfurt 2017, 559 S. ISBN-13: 978-3518427576, 34 €

Ein verkappter Philosoph? – Ein dichterisch Denkender auf dem Weg zum Märchenhaften, zum „anderen Alltag“

Die Journale der Jahre 2007 bis 2015 zeigen nicht nur, wie langfristig Handke an seinen Büchern arbeitet – “Die Obstdiebin”, die im November 2017 erschienen ist, war seit 2014 präsent – sondern auch, was für ein Leser Handke ist und was “lesen” für ihn bedeutet. Neben Goethe – immer wieder, immer noch Goethe – bleibt er der Grals-Suche in Wolfram von Eschenbachs “Parzifal” eingedenk, liest Jakob Böhme, Ibn Arabi, Al Ghasali, Spinoza, den Koran, Thoreau, Emerson, Doderer, Bernanos, Dostojewski, Stifter, und viele andere mehr, allesamt Spiegel, Begleiter, Wegbereiter. Handke ist unterwegs, buchstäblich, und er findet – erfindet – im Gehen eine “andere Welt”, eine “andere Zeit”. Immer wieder er-findet er Wörter für bislang Ungesehenes, Unerhörtes, präzisiert, unterscheidet, entdeckt die Schönheit und den Reichtum der deutschen Sprache und ihrer Sprach-Spiele. Dass auch Dylan immer wieder zitiert wird und ein YES-song ihm durch den Kopf geht, beweist die Kontinuität des Wirkens und Wollens dieses Poeten der Beat-Generation durch die Jahrzehnte ebenso wie der immer wieder zitierte “Gehende auf der Landstraße” aus seinen “Hornissen” samt Mutter, Onkel, Bruder und anderen Ungenannten mehr aus Stara Vas, dem Herkunft-Dorf. Handkes Projekt war und ist es, die Welt zu entdecken, und das gelingt – sporadisch – nur, wenn die schöpferische Kraft sich losreißt vom “Pfahl des Ich” – oder los-reist. Immer wieder entstehen dabei “Und-Texte”, “Fast-Gedichte” und Gedichte, Kommentare zu Musik, Bildern und Filmen, vor allem: Fragen. Für den postmodernen Leser am befremdlichsten und irritierendsten dürfte Handkes Religiosität erscheinen, als die er nicht nur sein tagtägliches Dasein versteht, sondern die er auch in der Teilhabe an der Liturgie lebt. Auch dies macht ihn heute zur Ausnahme. Wer seine Lebenszeit nicht vergeuden, wacher, heller, vollständiger, auch heiler werden möchte, wird diese Aufzeichnungen samt den früheren Journalen mit Freude und Gewinn lesen.

Peter Handke: Vor der Baumschattenwand nachts. Frankfurt 2018, 426 S., ISBN-13: 978-3518468838, 14 €