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Die Achtsamkeit der Zukunft – Reflexionen zum Kongress Heiligenfeld 2019

Die Achtsamkeit der Zukunft – Reflexionen zum Kongress Heiligenfeld 2019

Mike Kauschke

Achtsamkeit ist weithin im gesellschaftlichen Mainstream angekommen, in Unternehmen, im Gesundheitswesen, in Bildungseinrichtungen und im Alltag einer wachsenden Zahl von Menschen haben meditative Übungen einen festen Platz eingenommen. Und große Medien begleiten diesen Trend mit zunehmender Aufmerksamkeit, teils wohlwollend, teils kritisch. Angesichts dieser Popularität scheint es angemessen, innezuhalten, und dem Phänomen Achtsamkeit, wie es sich in den westlichen modernen und postmodernen Gesellschaften zu etablieren beginnt, tiefer nachzugehen.

Genau dies war das Anliegen der diesjährigen Heilgenfeld-Kongresses in Bad Kissingen. Dabei sind die Kliniken Heiligenfeld selbst ein Ort mit gesellschaftlicher Wirkung, der zur Legimitierung von Achtsamkeit beiträgt. Denn hier werden Menschen mit psychischen, psychosomatischen Erkrankungen, mit Burnout-Symptomatik oder in Rehabilitation auch mit Achtsamkeitsmethoden auf dem Weg der Heilung begleitet. Zudem wird in der Unternehmenskultur eine achtsame Arbeitsatmosphäre gelebt.

Auch die Kongresse Heiligenfeld haben in den letzten Jahren verschiedene Aspekte eines achtsameren Umgangs mit Mensch und Welt aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, mit Themen wie „Liebe“ oder „Wir“. Der diesjährige Kongress stellte nun die Achtsamkeit selbst in den Mittelpunkt. Damit standen die Organisatoren von Beginn an vor der Herausforderung, noch etwas Neues oder Zukunftsweisendes über solch ein etabliertes, viel besprochenes Thema zu sagen und in die Erfahrung der Teilnehmer zu bringen.

Dieser Herausforderung stellte sich Joachim Galuska, der Gründer der Heiligenfeld-Kliniken, in seinem Eröffnungsvortrag, der den Ton der ganzen Konferenz setzen sollte. Er fächerte Achtsamkeit in drei Formen achtsamen Gewahrseins oder Vergegenwärtigung auf: einer individuellen Achtsamkeit, einer sozialen Achtsamkeit und einer evolutionären Achtsamkeit.

Die individuelle Achtsamkeit umfasst für Galuska die ursprüngliche Herkunft des Begriffes aus der kontemplativen Tradition des Buddhismus, die er als Schüler der Theravada-Lehrerin Ayya Khema studiert hat. Hier ging er in seinen Ausführungen bis in die Tiefendimensionen buddhistischer Spiritualität, in der Achtsamkeit, wie wir sie gegenwärtig kennen, eigentlich die erste Stufe auf einem Weg fortschreitender meditativer Versenkung ist, die schließlich zum „Erwachen“ führt, der Verwirklichung der Nichtgetrenntheit des Lebens im eigenen Bewusstsein. Hier führte Galuska die Zuhörer*innen – mit der Vorwarnung, dass es jetzt komplex werden würde – in die Tiefen nondualer Philosophie. Dadurch konnte Galuska zeigen, dass diese „individuelle“ Achtsamkeit letztlich auf das Verwirklichen der Ganzheit des Seins im Gewahrsein des Menschen hinzielt und damit das Überschreiten der individuellen Getrenntheit bedeutet. Für Galuska eröffnet sich in solch einem nondualen Bewusstsein auch eine neuer Raum, in dem die therapeutische Begleitung eine tiefere Quelle finden kann, in dem die Heilungskraft der Verbundenheit zum Tragen kommt.

Aus solch einem Gespür für die Ganzheit wird auch eine soziale Achtsamkeit möglich, die Galuska als zweite Form von Achtsamkeit beschrieb. Hier verwies er auf die Möglichkeit, sich in Beziehungsräumen der darin wirkenden Verbundenheit und Lebendigkeit gewahr zu werden. Dieser Dimension, der wir in der aktuellen Ausgabe von evolve nachgehen, erklärte er auch aus seinen Erfahrungen beim Gestalten einer sozial achtsamen Unternehmenskultur in den Kliniken Heiligenfeld. Damit setzte er auch einen Grundton dafür, diese Konferenztage als ein Übungsfeld sozialer Achtsamkeit zu verstehen und zu erschließen. Aus dieser Vergegenwärtigung unseres In-Beziehung-seins als soziale Achtsamkeit entsteht für Galuska auch der Schritt in die dritte Form von Achtsamkeit, die er in seinem Vortrag anklingen ließ: die Vergegenwärtigung unseres Seins und Werdens als Evolution, als Lebensprozess. In dieser evolutionären Achtsamkeit werden wir uns dessen gewahr, dass wir ein Ausdruck, ein untrennbarer Teil des evolutionären Entfaltungsprozesses sind, ja, dass wir dieser Prozess sind, der sich durch uns seiner selbst bewusst wird – und durch uns diesen Prozess wiederum gestalten kann. Für Galuska ist dieser schöpferische Aspekt, gerade auch vor dem Hintergrund unserer gesellschaftlichen Herausforderungen besonders wichtig und er rief die Teilnehmenden in dieses Feld der schöpferischen Verantwortung hinein.

Ein Feld, in dem Galuska mit dem Aufbau der Kliniken, der Etablierung der Kongresse und vieler anderen Tätigkeiten seit vielen Jahren wirkt. Dieses Wirken fand zum Abschluss seines Vortrags eine bewegende Würdigung, als er sich aus der aktiven Arbeit als Geschäftsführer der Heiligenfeld Kliniken verabschiedete. Die drei Formen der Achtsamkeit waren somit auch eine Essenz aus dem jahrzehntelangen Einsatz für eine neue Bewusstseinskultur. Und diese drei Dimensionen gaben der gesamten Konferenz und den verschiedenen Beiträgen zum Thema Achtsamkeit einen Kontext und eine gewisse Ernsthaftigkeit: Achtsamkeit vor allem auch als eine Welt und Zukunft gestaltende Lebenshaltung zu verstehen, nicht als Rückzug oder Wellnessmethode oder Mittel zur Effizienzsteigerung von Mitarbeitern.

Am nächsten Morgen knüpfte Marion Küstenmacher an dem evolutionären Grundgedanken in Joachim Galuskas Präsentation an und nahm Achtsamkeit vor dem Hintergrund der integralen Theorie Ken Wilbers in den Blick. Insbesondere untersuchte sie, was ein achtsames Gewahrsein auf den verschiedenen Entwicklungsstufen des Bewusstseins, wie sie im integralen Modell postuliert werden, bedeuten kann. Hier wurde klar, wie sich Achtsamkeit im Laufe der Entwicklung des Menschen verwandelt – in dem, worauf sie sich richtet oder wessen sie sich gewahr wird. Eine Signatur dieser Entfaltung ist, dass immer mehr des Kosmos im eigenen Bewusstsein achtsam vergegenwärtigt werden kann. So könnte man sagen, dass sich der Horizont der Achtsamkeit immer mehr weitet. Küstenmacher konnte diesen Ausführungen durch ihre eigene Beheimatung in der christlichen Mystik in Rückbezügen auf diese spirituelle Tradition immer wieder eine klärende Tiefe geben.

Die Auffächerung des Begriffs Achtsamkeit, wie sie Galuska und Küstenmacher unternahmen, warfen auch Fragen auf: Wenn Achtsamkeit so verwandelbar ist, verliert dann der Begriff an Klarheit und Bestimmbarkeit? Womit bleibt begründbar, dass diese verschiedenen Formen des Gewahrseins als Achtsamkeit gelten können? Auch angesichts der Tatsache, dass wir uns damit aus dem Bedeutungskreis, den der Begriff in seinen buddhistischen und kontemplativen Ursprüngen hat, herausbegeben? Und wie sieht eine konkrete Lebenspraxis aus, die diesen Formen von Achtsamkeit Raum gibt? Oder sie gar in einer integralen Weise zusammenführen oder verbinden kann? Dies waren Fragen, die den nun folgenden Vorträgen und Workshops implizit mitgegeben wurden – auch im Sinne einer evolutionären Neuformulierung oder Erweiterung unseres Verständnisses von Achtsamkeit.

Die 1200 Teilnehmer konnten hierfür aus einer Fülle von Vorträgen und Workshops wählen, die sich mit Achtsamkeit im Kontext von Persönlichkeitsentwicklung, Partnerschaft, Unternehmertum, Bildung, intergenerationalen Beziehungen etc. beschäftigten. Hinzukamen verschiedene Dialogangebote, wie die „Wandelbar“, die von jungen Menschen auf dem Kongress eingerichtet wurde. Oder auch die künstlerischen Beiträge, von denen der musikalische Dialog zwischen dem Pianisten (und emeritierten Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie der Universitätsklinik Heidelberg) Rolf Verres, dem Musiktherapeuten und Musiker John Nölte-Sayed und dem Trompeter Markus Stockhausen viele Teilnehmer*innen in einen schöpferischen Bann zog.

Erstmals veranstalteten wir als evolve bei diesem Kongress evolve Cafés, die als Dialograum dienten, um diesen Fragen nachzugehen. An zwei Konferenztagen trafen sich etwa 20 Menschen, um in einem achtsamen Dialogprozess dieser zukunftsoffenen Bedeutung von Achtsamkeit nachzuspüren. Dabei zeigte sich, wie ein neues Hören und Sprechen aus der Lebendigkeit und Verbundenheit eines Bewusstseinsraumes zu einer schöpferischen achtsamen Praxis werden kann, die uns in der Gegenwärtigkeit neue Möglichkeiten bewusster Wahrnehmung und Ko-Kreation eröffnet.

Diesen Prozess beschrieb evolve-Redakteurin Nadja Rosmann in ihrem Vortrag, der dieser schöpferischen Achtsamkeit in bewussten Beziehungsräumen nachging. Dabei machte Sie in einer Übung die existenzielle Bewegung dieser Achtsamkeit spürbar: Sie leitete die Anwesenden an, zuerst sich in ihrem eigenen Gegenwärtigsein wahrzunehmen und zu spüren, und sich dann, auch körperlich, etwas nach vorn zu lehnen, um den Raum jenseits des Ichs oder im Raum des Größeren, des Beziehungsfeldes zu spüren. In gewissem Sinne als ein Hinauslehnen, ein Strecken, ein über die Kante der Trennung hinweggehen. Dahinter liegt die Erfahrung, dass wir in solch einer Öffnung gegenüber der Größe des Lebens die schöpferischen Potenziale, die in jedem Augenblick anwesend sind, wahrnehmen, bewusst machen und gestalten können. In einem Workshop, den Nadja Rosmann und ich anboten, wurde diese schöpferische Öffnung spürbar als gemeinsam in Neuland hineinleben und dem, was wir dort wahrnahmen, Stimme und Ausdruck zu geben, als eine Art Erkenntnisfluss des Lebens selbst.

Nadja Rosmann wies in ihrem Vortrag auf die Meditationsforschung von Tanja Singer hin, die die soziale Komponente der Achtsamkeit untersucht hat. Diese Forschung stellte Singer auch auf dem Kongress vor und konnte aufzeigen, dass Achtsamkeit allein, ohne die Dimension von Beziehung zu berücksichtigen, nicht zu einer Verbesserung der sozialen Fähigkeiten wie beispielsweise Mitgefühl führt.

Mit Bezug zum einleitenden Vortrag von Joachim Galuska zeigen diese Forschungen die Notwendigkeit, Achtsamkeit zu differenzieren und jeweils zu klären, was bestimmte Übungen entwickeln können: geht es um die individuelle Klärung des Bewusstseins im Sinne einer Vertiefung der Aufmerksamkeit und inneren Stille? Geht es um die Ausbildung sozialer Fähigkeiten und Wahrnehmungskraft? Oder die Offenheit für schöpferische Kräfte und deren Aufnahme und Ausgestaltung in einer ko-kreativen Lebendigkeit?

So zeigte sich Achtsamkeit bei diesem Kongress auch durch das vielfältige Feld der Referent*innen und Teilnehmer*innen als ein Zukunftsbegriff, der mit der Bildung einer Bewusstseinskultur aufs innigste verbunden ist. Der nächste Heiligenfeld-Kongress wird aufbauend auf diesem Neuverstehen von Achtsamkeit einen Begriff ins Zentrum stellen, der in der evolutionären Dimension von Achtsamkeit schon dieses Mal immer wieder anklang: Reife. Auch hier wird sich wieder ein kultureller Bewusstseinsraum öffnen, um tiefer zu verstehen, was ein reifer Mensch, ein reifes Leben bzw. eine reife Gesellschaft heute ausmachen kann oder gar muss. Die Heiligenfeld Kongresse haben hier eine wichtige Kultur und Bewusstsein gestaltende Funktion übernommen, diese tieferen Fragen unseres Menschseins zu stellen und einen Raum zu ihrer lebendigen Erforschung zu bieten.