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Integrale Politik in Ägypten

YallaVor einiger Zeit sprachen wir mit dem integralen Aktivisten Matthias Ruff über eine ungewöhnliche Politik-Initiative in Ägypten: „Yalla!“, ein Bildungsprogramm für junge gesellschaftspolitische Führungskräfte. In der ersten Ausgabe von evolve werden wir den Weg des Projekts weiter begleiten, Adrian Wagner, einer der Teilnehmer, wird seine Eindrücke von „Yalla! 2“ schildern.

Weil wir dieses Projekt so bemerkenswert finden, hier nochmals das Gespräch mit Matthias Ruff:

Du bist Initiator des Projekts Yalla! für junge Führungskräfte aus dem gesellschaftspolitischen Feld in Ägypten und Deutschland, in dem explizit ein integrales und evolutionäres Denken auf die komplexe Situation der gesellschaftlichen Umbrüche in Ägypten angewendet wurde. Wie kam es zu dem Projekt?

Ja, für mich ist Yalla! der stärkste „Reality-Check“ für ein integrales Denken, an dem ich bisher beteiligt war. Der erste Impuls für das Projekt kam von Katharina Petrisson, Referentin in der Abteilung für Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt. Sie betreut dort unter anderem „Transformationspartnerschaften“ im interkulturellen Bereich und fragte mich, ob ich im Rahmen eines Projekts für junge Nachwuchs-Führungskräfte aus Deutschland und Ägypten einen Spiral Dynamics-Workshop geben könnte. Sie wusste von meiner Arbeit mit integralen Ansätzen und so vertieften wir bei einem Gespräch und einer Auftragsklärung Gedanken über das Projekt, unter dem Blickwinkel, was den jungen Aktivisten wirklich helfen könnte. In der Folge erarbeitete ich ein Konzept, das angenommen wurde, und schlug die Humboldt Viadrina School of Governance in Berlin-Mitte als Partner des Projekts vor. Dort wurde zur gleichen Zeit ein Middle East Center eingerichtet, weshalb das Projekt dort auf besonders Interesse stieß.

Wer waren die Teilnehmer des Projekts?

Das Projekt wurde für junge Aktivisten von 18 bis 26 Jahren ausgeschrieben, jeweils 10 aus Ägypten und Deutschland. Sie kamen aus völlig verschiedenen Hintergründen, vom Mitglied der Jungen Union bis zum ökologisch orientierten Grünen. Da ist zum Beispiel Omar El Manfalouty der die ägyptische und deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und in Frankfurt am Main Jura studiert. Er ist Mitglied der SPD – er wurde vor Kurzem mit erst 20 Jahren zum zweiten Vorsitzenden seines Ortsvereins in Hessen gewählt. Oder Efronia, eine Bloggerin aus Alexandria, die dort während der Revolution an vorderster Front Netzwerkarbeit geleistet hat. Aber bei all der Verschiedenheit war schon bald ein einzigartiges und herzliches Wir-Gefühl in der Gruppe, das sich im Laufe des Projekts sehr vertieft hat.

Vor Beginn des Projekts haben wir die Teilnehmer nach ihren Bedürfnissen und Wünschen an dem Kurs befragt und es gab drei Antworten, die oft gegeben wurden: 1. Achtsame Beziehungsbildung (Connecting-Arbeit); 2. Das Erlernen von Erklärungsmodellen/Landkarten wie der Vier Quadranten und Spiral Dynamics und 3. die Anwendung dieser Theorien im kulturellen Umfeld Deutschlands und Ägyptens. Dies war die Grundlage, die das weitere Projekt getragen hat.

Es ist ja wirklich außergewöhnlich, das integrale Modell in solch einem Kontext zu vermitteln. Kannten die Teilnehmer diese Ansätze schon? Wie wurden sie aufgenommen?

Kaum jemand hatte bisher von diesen integralen Ideen gehört, aber sie wurden buchstäblich aufgesogen. Dabei gab es auch wirklich berührende Szenen: Tallal, der aus einer Familie kommt, die stark in der Tradition des Arabischen Sozialismus verwurzelt ist, hat sehr schnell verstanden, warum ein integrales Bewusstsein so wichtig ist, um politische und soziale Prozesse zu verstehen und zu lenken. Die Vermittlung dieser Theorien war auch für uns ein zutiefst kreativer Prozess, wir haben zum Beispiel die Entwicklungsspirale von Spiral Dynamics und die Vier Quadranten als ein Hochhaus mit Stockwerken beschrieben, bei dem jedes Stockwerk vier Zimmer (also vier Quadranten) hat. Dieses Bild ist im Workshop selbst entstanden und war für alle eine große Verständnishilfe. Etwas, das jemand wie Tallal dann auch seinen Arbeitskollegen und Freunden in den Cafés von Downtown Kairo erklärt hat.

Es ist spannend zu hören, dass diese Ansätze auf so offene Ohren trafen. Wie habt ihr dann im Weiteren damit gearbeitet, wie war das Projekt strukturiert?

Die Teilnehmer trafen sich zunächst im Oktober 2012 in Berlin, wo wir im Workshop die integralen Modelle vorstellten. Ich denke, es hat auch maßgeblich zum Erfolg des Projektes beigetragen, dass wir die Teilnehmer zunächst nach ihren Anliegen befragt haben. Ein Beispiel dafür ist Marianne, eine gut ausgebildete Ingenieurin, die während der Revolution sehr aktiv war, aber jetzt bemerkt, wie ihr als Frau wieder Steine in den Weg gelegt werden. Und wir haben dann mit Ihrem Anliegen unter Verwendung der integralen Tools gefragt, wie sie darauf reagieren kann und was die Hintergründe der Situation sind.

Zum Abschluss des Workshops in Berlin haben wir in einem Zukunftsprozess konkrete Projekte formuliert, an denen die Teilnehmer im Anschluss an den Workshop weiterarbeiteten. Themen waren hier zum Beispiel Frauenrechte, Minderheiten, integrale Politik, Ökologie, Politik und Islam. Das führte dann zum zweiten Treffen in Kairo Anfang dieses Jahres, wo die Teilnehmer das Gelernte in der Praxis anwenden konnten.

Die Teilnehmer gingen in verschiedene Organisationen und boten einen Analyse-Tag an, bei dem die Organisation unter integralen Blickwinkeln analysiert wurde. Dabei wurde gefragt, welche ungenutzten Potenziale und Hindernisse es dort gibt. Dann sprachen die Teilnehmer miteinander über diese Analyse und kamen mit verschiedenen Vorschlägen für Interventionen zurück, unter denen die entsprechende Organisation wählen konnte. An diesem zweiten Interventionstag wurde dann an einem dieser Vorschläge gemeinsam gearbeitet. Ein Team ging zum Beispiel in den wichtigsten akademischen Think-Tank Ägyptens, eine Gruppe zu einem ökologischen Projekt, das sich um die Müllsammler Kairos kümmert oder eine Gruppe beriet eine Schule für Demokratie.

Wie ist in dieser Anwendung der integralen Methoden der „Reality Check“ für dich ausgefallen? Wie konnten du, die Teilnehmer und die Organisationen in Kairo durch die integrale Perspektive profitieren?

Aus einer evolutionären Perspektive, in der Entwicklungspotenziale im Mittelpunkt stehen, kann man sagen, dass das Projekt voll aufgegangen ist. Es hat einfach funktioniert. Wir haben uns ja in diesem Projekt wirklich mit einer komplexen Realität verbunden. Und wir haben uns diese Komplexität nicht schön geredet oder zurecht gelegt. Denn man muss klar sehen: Ägypten steht auf der Kippe. Es herrscht eine kollapsartige Energie. Und für uns war die Frage, wie man aus einem integralen Bewusstsein auf jemanden reagiert, der sozusagen auf der Intensivstation liegt, so dass der Patient die Intensivstation auf eigenen Beinen verlassen kann. Und hier konnte unsere evolutionäre Perspektive sehr viel beitragen. Diese evolutionäre Sicht ist für mich „Anwendungswissen für das 21. Jahrhundert“. Und das bedeutet ganz praktisch und konkret für mich vor allem eines: Wie gehe ich mit Komplexität um? Und hier denke ich, dass die vier Quadranten und Spiral Dynamics eine unglaublich große Hilfe sind. Aus der Teilnehmerperspektive kann man sagen, dass die jungen Menschen tief gestärkt aus dem Projekt gekommen sind, mit einem tiefen Empowerment, sie waren voller Energie. Wir haben wirkliche Potenzialentfaltung erlebt. Mit Bezug auf die Organisationen in Ägypten war uns bewusst, dass das Projekt auch schief gehen kann, und es gibt so viele Beispiele für fehlgeschlagene interkulturelle Projekte in diesem Bereich. Aber ich wollte dafür sorgen, dass etwas Brillantes von innen in Ägypten selbst wachsen kann. Es sollte keine „alien intervention“ von außen, von Deutschland aus sein. Ich denke, durch ein klares und intelligentes Prozessdesign konnten wir das Projekt zu einem Erfolg machen.

Die Menschen in Ägypten konnten also mit eurem Input selbst etwas verstehen und gestalten und hatten nicht das Gefühl, das hier eine Art neuer Kolonialismus betrieben wird.

Ja, genau, denn wenn man in Kairo das Wort Entwicklung benutzt, dann drückt man einen roten Knopf, weil die ganze Kolonialgeschichte mitschwingt. Wenn man das nicht versteht, ist ein Scheitern vorprogrammiert. Wir haben gleich vom ersten Tag klar gemacht, dass wir die Menschen dort, mit denen wir zusammengearbeitet haben, als Experten, als Hochvermögende sehen. Wir haben einen Rahmen geboten, um soziale Prozesse wirksamer umzusetzen; ein praktisches Know-how für Transformationsprozesse. Ich denke, es ist heute an der Zeit, dass wir uns der Schatten des Kolonialismus stellen und uns auf Augenhöhe begegnen. Dann kann etwas entstehen, was Otto Scharmer als „Global Classroom“ bezeichnet – ein Import/Export von Innovation, eine echte Kooperation die große Freude macht und die Bildung von Kultur und Strukturen, die friedensstiftend sind.

Wie wurde das Projekt bei deinen Auftraggebern im Auswärtigen Amt aufgenommen? Hast du den Eindruck, dass sich dort ein Interesse an integralen Ideen regt?

In der FAZ ist ja ein sehr positiver Bericht über unser Projekt erschienen und dieser Beitrag wurde auch im Auswärtigen Amt sehr aufmerksam gelesen. Dort stellt sich natürlich die Frage, ob unser Ansatz seriös ist, und da ist natürlich solch ein Artikel sehr hilfreich. Und durch den Erfolg des Projektes sind wir nun dabei drei Nachfolgeprojekte mit dem Auswärtigen Amt zu erarbeiten, wir können also richtige Strukturarbeit leisten. Dazu werden wir auch ein Mentoren-Netzwerk mit den bisherigen Absolventen des Projekts aufbauen. Ein wichtiges Thema für die Zukunft wird das Verstehen und der Umgang mit Konflikten sein. Es gibt in Ägypten so viele virulente Konflikte, die Revolution kann daran scheitern, dass die Menschen mit den Konflikten nicht produktiv umgehen können.

Gerade für diese Konflikte ist ja eine integrale Perspektive eine große Hilfe, weil man sie in einem größeren Kontext von Entwicklung sehen kann. Ich denke, viele Menschen auch in der Politik merken, dass sie mit den alten Ansätzen nicht weiterkommen. Wenn sich die integrale Methodik hier beweisen kann, dann ist das ein unglaublich wichtiger Schritt.

Ja, und ich denke, die Zeit ist reif, um mit unseren Ideen und evolutionären und integralen Ansätzen wirklich rauszugehen und sich einzumischen und auch mit renommierten Instituten zusammenzuarbeiten. Wir müssen die entscheidenden gesellschaftlichen Fragen angehen und eben auch auf eine Situation wie Ägypten eine Antwort finden. Denn es steht ja wirklich sehr viel auf dem Spiel. Omar, einer der Teilnehmer, sagte in einer Diskussion, dass er jetzt erst die Größe des Revolutionsprozesses in Ägypten begreift, die er in einer Reihe mit der Französischen Revolution und dem amerikanischen Verfassungsprozess sieht. Wenn dieser Übergang gelingt, wird dies auf den gesamte Nahen Osten ausstrahlen und wirken.

 

Matthias Ruff ist Trainer für integrale Theorie und Praxis, Lehrer für Meditation & Yoga, Bildender Künstler und inhaltlicher Leiter des Projekts Yalla!, www.yalla-berlin-cairo.org, www.integralesforum-berlin.de