Jenseits der Mauern … beginnt das Gespräch – Gedanken über Ost und West und mögliche Räume der Begegnung

 

Mauerteile zum Bemalen in Berlin. Quelle: obs/visitBerlin/Björn Lisker

Jenseits der Mauern …

beginnt das Gespräch

Gedanken über Ost und West und mögliche Räume der Begegnung

Mike Kauschke

 

In den Tagen nach der Europawahl kam mir immer wieder das Brandenburg-Lied von Rainald Grebe in den Sinn. Diese inoffizielle (Anti)Hymne meines Heimatbundeslands hatte sich anscheinend wieder einmal bestätigt – aber wohl anders als gedacht oder zumindest mehrdeutig: „Es gibt Länder, in denen richtig was los ist … und es gibt Brandenburg …“

Richtig was los war in vielen Orten Deutschlands nach der Wahl, auch ich freute mich über die Zugewinne der Grünen und das europaweite Abschneiden der AfD unter den Befürchtungen. Aber in Brandenburg (und Sachsen) war etwas anderes los. In den nächsten Tagen erschien wieder einmal ein Artikel nach dem anderen, der dieses Phänomen zu verstehen versuchte, dass die AfD in beiden Bundesländern erstmals stärkste Kraft geworden war. Auch ich machte mir einmal mehr Gedanken darüber, was zu dieser Entwicklung geführt hat und was man „dagegen“ tun könne. Und das verbindet sich mit einigen Begegnungen, die ich in den letzten Wochen hatte und die mich neu über die Dynamik der Nachwendezeit bis heute nachdenken ließen.

Tod der Utopie

Die Frage, was in der Entwicklung des Ostens nach der Wende eigentlich passiert oder eben auch schiefgelaufen ist, zeigte sich mir in einem neuen Licht, als ich vor einigen Wochen einem Künstler begegnete, der in der DDR Mitglied einer bekannten Theatergruppe war und in diesem Rahmen auch im Widerstand gegen das System und an einer Utopie eines anderen gesellschaftlichen Entwurfs mitwirkte. Diese Kräfte hatten als Impulsgeber des „Neuen Forums“ erst als progressive Minderheit, später als Kraft hinter Massenprotesten die Wende möglich gemacht. Aber von der damaligen Utopie eines neuen gesellschaftlichen Gestaltungsversuches, der nicht einfach das westliche Modell übernimmt, konnte kaum etwas in die Nachwendezeit hineinwirken. Zum ersten Mal verstand ich die Erfahrung, nicht nur das System zu verlieren, in dem man großgeworden ist, sondern in der Folge auch die Utopie sterben zu sehen, die einem die Kraft gab, gegen dieses System anzugehen.

Dieser Künstler äußerte bei einer Konferenz die Beobachtung, dass die dort geäußerten Perspektiven und Erfahrungen aus einer westlichen Sichtweise kamen und der östliche Blick nicht auftauchte. Ich konnte diese Frage besser verstehen, als ich seine Biografie etwas mehr kennenlernte. Aber trotzdem war ich mir unsicher, ob es nach so vielen Jahren noch Sinn macht, von dieser Trennung der Sichtweisen auszugehen. Gleichzeitig scheint sie weiterhin zu wirken, wie auch die neuerlichen Wahlergebnisse zeigen.

Nach den Gesprächen mit dem Künstler, der etwas jünger ist als mein Vater, musste ich auch an dessen Biografie denken. Denn mein Vater würde, wenn er denn überhaupt wählen gehen würde, wohl die AfD wählen. Mit dem Künstler verbindet ihn eine empfundene fehlende Wertschätzung seines Lebenswerkes. Wahrscheinlich können wir uns alle kaum vorstellen, was es bedeutet, ein Leben lang hart gearbeitet und geträumt und geliebt zu haben – sei es als Künstler im Widerstand oder als einfacher Bauarbeiter, der seiner Familie ein gutes Leben ermöglichen will –, um dann das Gefühl zu bekommen, dass all das im falschen System passiert ist und deshalb gewissermaßen weniger wert.

Sicher sind die wenigsten im Westen bewusst mit solch einer Haltung auf den Osten zugegangen, obwohl ihre Prägung mit eigenen Vorstellungen über der DDR lange nachwirkten. Aber im Grunde ist es dieses Gefühl, dass viele Menschen im Osten in dem Eindruck lässt, in ihrem Leben „verloren“ zu haben. Mein Vater zum Beispiel verlor mit fünf Jahren seine Heimat in Schlesien, und dann durch die Wende seine zweite Heimat, die DDR. Die Diskussionen über die systemischen Mechanismen der DDR lassen leicht die Lebenswirklichkeiten der Menschen verblassen. Mein Vater zum Beispiel hatte sich mit dem DDR-System arrangiert und versuchte, seine eigenen Freiräume zu finden, in denen die sozialen Beziehungen in der Familie und mit Arbeitskollegen und Gartenfreunden im Mittelpunkt standen. Nach der Wende schmerzte ihn, wie diese Freundschaften durch Abbau der Betriebe und Arbeitslosigkeit, und durch eine zunehmende Vereinzelung verlorengingen. Auch meine Eltern kauften sich den neuen Fernseher und das neue Auto, nur um bald zu bemerken, dass dies kein Ersatz ist für ein soziales Netz der Zugehörigkeit. In dem Prozess dieses existenziellen Umbruches für so viele Menschen fehlte wohl auch die politische Achtsamkeit für diese sozialen Dynamiken.

Verlust der Heimat

Mir scheint, dass diese Heimatlosigkeit ein Grund dafür ist, dass heute eine Partei, die das Thema Heimat so in den Mittelpunkt rückt (und missbraucht) wie die AfD, in Ländern wie Brandenburg so viele Menschen erreichen kann.

Die Gefahr bei solchen Überlegungen ist wohl, dass man schnell in eine Opfererzählung gelangen kann, in der der Osten in feindlicher Übernahme überrollt wurde. Letztlich haben sich die Mehrheit der Ostdeutschen damals dafür entschieden, dem Westen „beizutreten“. Sie waren sich der Folgen wohl meist nicht voll bewusst. Und viele Menschen aus dem Osten haben auch die Chance ergriffen, und sich eine neue Biografie und ein neues Heimatgefühl gestaltet, egal ob sie geblieben sind oder gegangen. Das ist ja auch die andere Geschichte des Ostens an Orten wie Leipzig, die zu kulturellen Magneten wurden.

In meinem Gespräch mit dem besagten Künstler wurde mit klar, dass solch ein Gespräch über die Prägungen, die Wunden und Hoffnungen in Ost und West einen Zukunftshorizont braucht. Im Zwischenschritt wohl auch ein Anerkennen der jeweiligen Geschichte und der dazugehörigen Biografien. Aber dies alles vor dem Hintergrund einer kulturellen Möglichkeit, in der die Erfahrungen aus Ost und West wirksam sein können. Denn mir kam auch der Gedanke, dass solch ein Zusammenbruch und Aufbruch, wie ihn viele Menschen im Osten nach der Wende erlebt haben, eine wertvolle Ressource ist in einer Zeit, in der wir uns als Kultur neu erfinden müssen, angesichts von Klimawandel und sozialer Fragmentierung, in die uns ein destruktiv werdender Kapitalismus zu drängen scheint. Ganz zu schweigen von der Erfahrung, dass etwas, was man nicht für möglich gehalten hätte, in kurzer Zeit Wirklichkeit wird – so wie ich den Mauerfall damals erlebt habe.

Vor einiger Zeit postete einer meiner Jugendfreunde Fotos von einer Campingreise, den unsere damalige Clique kurz nach der Wende nach Sachsen unternahm. Da posierten wir auf schlechten Schwarzweißfotos mit unserem selbstgemachten Punk- und Grufti-Outfit vor unseren Trabis. Ein Outfit, das in den Jahren zuvor unser stiller Protest geworden war. Ich war damals 18 und wurde von der Wende völlig überrascht. Erst einige Jahre zuvor hatte ich langsam Zweifel an der Richtigkeit des DDR-Systems bekommen. Bis dahin hatte die ideologische Erziehung gut bei mir gefruchtet. Obwohl ich den Wohlstand und die Freiheit (und die Musik) des Westens beneidete, war ich doch davon überzeugt, dass die sozialistische Idee die bessere ist, weil sie die Menschen zusammenführt und nicht in Konkurrenz einander entfremdet. Als ich aber merkte, wie eng der Weg der Möglichkeiten in der Entfaltung des eigenen Wesens und Lebens in der DDR wurde, als mir um Beispiel klar wurde, dass mir eine erweiterte Schulbildung inklusive Studium verschlossen war, wurde dieses Bild brüchig. Aus dieser Resignation suchte ich nach einer anderen Welt in einer Musik, die diese Unzufriedenheit und auch Wut gegenüber dem Status quo zum Ausdruck brachte. In der DDR gab es für junge Menschen wie mich eine Radiosendung im staatlichen Jugendradio „DT 64“, die diese Underground-Musik aus dem Westen und Osten sendete. Jeden Samstag um 22 Uhr war „Parocktikum“ meine Kraftquelle. Ich fand mich wieder in den schrägen Sounds der Einstürzenden Neubauten und Co, die wie Ahnungen eines intensiveren, wilderen Lebens den Weg durch die Mauern fanden und den „Anderen Bands“ aus dem Osten wie Sandow und Feeling B (Der Film „Flüstern und Schreien“ gibt einen Einblick in die Undergroundszene der DDR).

Nach der Wende verloren diese Klänge ihre subversive Kraft und der Radiosender „DT 64“ wurde bald eingestellt. Ich lebte damals in Berlin und ging in der Aufbruchsstimmung auf, die die Stadt durchbebte. Ich wünschte mir, ähnlich wie besagter Künstler, dass wir in der DDR ein Experiment wagen und nicht einfach das System des Westens übernehmen würden. Merkte aber bald, dass die Verheißung eines schnellen Wohlstands zu groß war. Die Atmosphäre des Aufbruchs, die damals die Subkultur des Ostens und Westens verbunden hatte und die auch meine Jugendjahre belebte, verflog, als Deutschland das Projekt Wiedervereinigung anging. Für mich war das ein Zeitpunkt, wo ich mich auch aus dieser Enttäuschung heraus mehr und mehr dem inneren Aufbruch der Spiritualität zuwandte. Die Frage, wie diese gesellschaftliche Aufbruchsstimmung und die menschliche Verbundenheit und visionäre Kreativität, die dadurch entstehen, neu möglich werden kann, hat mich seitdem aber nie mehr losgelassen.

Ein tieferer Blick

Es wird also auch ein tieferer Blick auf die DDR nötig sein, der sie eben nicht nur als zerstörerische Diktatur offenlegt, die sie zweifellos war, sondern auch als Lebensort erinnert, an dem Menschen mit Kreativität und Menschlichkeit ihr Leben gestaltet haben. Dabei muss ich wieder an meinen Vater denken, der den Mangel in der DDR für seine Familie dadurch auszugleichen suchte, dass er wie viele andere auch Tauschgeschäfte machte. Wenn er für jemanden etwas Maurerarbeit erledige, bekam er dafür ein paar Hühner. Das würde man heute Sharing Economy nennen. In der Lebenswirklichkeit des Ostens war das tägliche Praxis, inklusive der Qualität von Beziehungen, die sich daraus bilden konnten.

Wie wichtig solch eine Wertschätzungskultur ist, wurde mir in einem anderen Gespräch deutlich, mit einer Schriftstellerin, die als Mitarbeiterin der Universität in Magdeburg die Wende und die Zeit danach erlebt hat, und sich auf das Erforschen von Biografien spezialisiert hatte. Nachdem mittlerweile die Dynamiken des DDR-Systems gut erforscht sind, ist es vielleicht Zeit, den Biografien und damit den Menschen einen verstärkten Raum der Aufmerksamkeit zu geben. Biografien, die voller Gefühle der Enttäuschung sind, die Kräfte wie die AfD auszunutzen wissen. Und aus denen sich auch die Gefühle der Angst vor dem Fremden schöpfen. Denn wenn ich nicht weiß, was eigentlich das Eigene ist und mich dessen nicht vergewissern kann, werde ich auf das Andere, Fremde, mit Angst reagieren.

Wie viele andere dachte ich nach den Wahlergebnissen gleich daran, wie man vielleicht Dialogforen anbieten könnte, oder irgendwie diese Kluft überwinden könnte, die scheinbar zu AfD-Wählern im Osten besteht. Aber dann hielt ich inne und erinnerte mich an die beiden erwähnten Gespräche und hatte den Eindruck, dass es vielleicht erst einmal eine Offensive des Zuhörens bräuchte. Es scheint manchmal selbst ein Teil der westlichen Lösungsorientierung zu sein, gleich zur Verständigung zu kommen. Aber vielleicht muss dafür zunächst ein Raum entstehen, um erstmal zuzuhören und Unterschiede sein lassen zu können, ohne sie zu harmonisieren. In den sozialen Medien wurde nach der Europawahl unter dem Hashtag #WirimOsten ein virtueller Raum initiiert, um den Menschen im Osten eine Stimme zu geben. Vielleicht wären auch Biografie-oder Erzähl-Cafés eine Möglichkeit, dass wir einander aus Ost und West mit unseren Geschichten hören. In solchen Räumen könnten dann vielleicht auch Geflüchtete ihre Geschichten erzählen. Bei meinem Vater habe ich immer wieder beobachtet, dass die unterschwellige Ablehnung gegenüber Ausländern nicht mehr haltbar ist, wenn er einen Menschen kennenlernt und seine Geschichte hört.

Ein tieferes Gespräch

Neben einer solchen Aufmerksamkeitsoffensive, die über reflexartige Artikelserien nach Wahlergebnissen hinausgeht, wäre wohl eine offensive Kulturbildung der ländlichen Räume nötig. In diesem Zusammenhang macht mir ein Projekt Hoffnung, an dem der integrale Change-Gestalter Matthias Ruf beteiligt ist und das in der Nähe meines Heimatortes entsteht. In dem ehemaligen Betonwerk Stolpe bei Angermünde soll ein Transformationslabor entstehen, in dem Kreative und Künstler mit den Menschen aus der Umgebung neue Lebenskraft in die Region bringen im Sinne einer nachhaltigen, kreativen und sozial verbundenen Lebensutopie. Dieser Ort will zu einem Modellprojekt für Orte werden, die in ländlichen Gebieten neue kulturelle Lebenskraft unterstützen können. Eine ähnliche Intention steht hinter dem Coconat, das ich bei der Arbeit an der evolve-Ausgabe zum Thema Stadt und Land kennenlernte. Hier ist in der Nähe des brandenburgischen Bad Belzig ein Workation-Zentrum entstanden, das neuen Lebenslinien zwischen junger urbaner und ländlicher Kultur schaffen möchte. Zu solchen Begegnungsinitiativen gehören auch das Zukunftszentrum Nieklitz in Mecklenburg-Vorpommern, das Haus Glaser in Dresden, das Lebensgut Pommritz bei Görlitz, die Initiative Raumpioniere Oberlausitz, das Projekt Poesie-Tankstelle von Uta Hauthal oder die Initiative Ost-West-Dialog von Barbara von Meibom, Dieter Kraft und anderen.

Solche Projekte haben auch deshalb Zukunftspotenzial, weil sie sich offensiv dem Thema zuwenden, das die AfD für sich beansprucht: Heimat, Zugehörigkeit, Verbundenheit mit einem Ort und dessen Geschichte. Für viele von uns, die sich global vernetzen, sind diese Themen scheinbar nicht mehr so wichtig. Aber die Folgen der Digitalisierung und ökologischen Krise zeigen auch, dass wir alle unsere Verwurzelung an dem Ort oder den Orten unseres Lebens neu überdenken müssen. Vor diesem Hintergrund entstehen dann vielleicht wirklich Dialogräume, in denen verschiedene Bezüge zu diesen Themen inklusive der gelebten Leben Gehör finden, um kulturell und sozial den Raum neu zu füllen, den rechte Gesinnungen ausnutzen wollen. Darin kann dann vielleicht auch aus den verschiedenen Erfahrungen in Ost und West und darüber hinaus ein Gespräch darüber entstehen, in welcher Zukunft, in welcher gesellschaftlichen Utopie, in welcher sozialen Heimat wir leben wollen.

Ein tieferes Verstehen

Vor einiger Zeit sprach ich mit einem evolve Leser, der uns in einer E-Mail dafür kritisiert hatte, dass wir zu einseitig über Populismus berichten und dabei nur den rechten Populismus erwähnen und in das allgemeine Aburteilen der AfD und ihrer Wähler einstimmen. Der Leser war in den Anfängen der AfD selbst Mitglied und sah die damals vor allem noch europakritische Bewegung als frischen Wind in der politischen Landschaft. Über diese Kritik war ich überrascht, weil wir bisher eher das Feedback bekommen hatten, dass wir als evolve zu sehr auf Dialog auch mit Menschen setzen, die den rechten Ideen der AfD anhängen. So wie wir es zum Beispiel in unserer Ausgabe „Liebe in Zeiten von Trump“ in einigen Beiträgen angesprochen haben. In unserem Gespräch kamen wir bei allen Unterschieden in unseren Sichtweisen darin zusammen, dass es einen tieferen verstehenden Blick dafür braucht, warum Menschen sich zu rechten oder nationalistischen Denken hingezogen fühlen. Und wir beide sahen in der integralen Perspektive, wie sie beispielsweise von Ken Wilber formuliert wird, eine mögliche Erweiterung der Sicht auf dieses Phänomen.

Die Kraft einer solchen Perspektive, die unter anderem die Entwicklung des Menschen und der Kulturen durch verschiedene Ebenen von Bewusstsein, Identität und Werten beschreibt, wurde mir wieder deutlich, als ich im Rahmen meiner Arbeit als freier Übersetzer einen Text von Richard Barrett übersetzte, der sich eingehend mit der Werteentwicklung beschäftigt hat. Im Grunde sieht eine integrale Sicht, dass Menschen auf bestimmten Bewusstseinsebenen bestimmte Werte und Bedürfnisse haben, die erfüllt sein müssen, um sich sicher und beachtet zu fühlen. Vor diesem Hintergrund wird das Bedürfnis, sich als Teil einer Nation und einer kulturellen Identität, eines Ortes und seiner Geschichte/Tradition zu fühlen als ein legitimes Bedürfnis verstanden. Aus solch einer Sicht kommen wir aus der Gegenüberstellung von globaler, liberaler Offenheit und lokaler, konservativer Zugehörigkeit hinaus und sehen, dass beides menschliche Bedürfnisse sind bzw. sein können. Aus dieser Perspektive kann sich ein Verständnisraum eröffnen, in dem wir dann die Frage stellen und erörtern können, was positive, konstruktive Formen der Erfüllung solcher Bedürfnisse sind. Das ist keine blinde Toleranz, denn natürlich braucht es auch Grenzen für das, was als Aussage oder Handlung toleriert wird. Es hilft nichts, wenn rassistische Botschaften einfach als Meinungsäußerung stehen gelassen werden. Hier braucht es von uns allen das Feingefühl und die innere Komplexität, um solchen Äußerungen und Handlungen klar entgegenzutreten und trotzdem zu verstehen, wie Menschen zu solchem Denken finden.

Eine tiefere Mitte

In diesem Sinne stehen wir als Gesellschaft vor der Herausforderung, eine lebendige Mitte, aus der eine offene Gesellschaft lebt und die glücklicherweise in Deutschland vorhanden ist, zu gestalten. Und jedes Gespräch, jede Begegnung – offline oder online – über Grenzen und Mauern hinweg, kann eine Möglichkeit dafür sein. In seinem Buch „Wer wir sein könnten“ ruft Robert Habeck zu einem „Wir des Gesprächs“ auf: Der Populismus, so schreibt er, teilt „die Gesellschaft in ‚Wir‘ und ‚Die‘. ‚Die Ostdeutschen‘ sagen Westdeutsche gern; ‚die Menschen da draußen‘ ist eine schlimme politische Phrase, die Politiker als eigene Kaste erscheinen lässt; ‚die Flüchtlinge‘ sagen die Eingeborenen; Jung gegen Alt; Stadt gegen Land; Hipster gegen Normalos – und alle vergessen, dass ‚die‘ ja zuhören und sich beim Hören ausgegrenzt fühlen. So unterschiedlich wir sind: Es gilt ein ‚Wir‘ zu formulieren. Keines, das in allem übereinstimmt, doch eines, das Übereinstimmung auf den Prinzipien von Gleichheit prinzipiell für möglich hält.“

In diesem Gespräch wird auch eine neu formulierte und gelebte spirituelle Lebenspraxis wertvoll sein, weil sie auf die gemeinsame Quelle unseres Menschseins verweist, die für uns alle eins ist. Diese existenzielle Beheimatung in der Tiefe des Lebens selbst wird eine nicht zu überschätzende Zukunftskompetenz sein. Gerade wenn wir über unsere Unterschiede sprechen, öffnet sich im Rückbezug zu dem, was uns im Innersten als Menschen verbindet, auch der Horizont einer gemeinsamen Zukunft. Einer Zukunft, in der unsere vielfältigen Erfahrungen zur bereichernden Vielstimmigkeit werden im mit-schöpferischen Prozess der Gestaltung eines gesellschaftlichen Organismus, in dem Offenheit und Zugehörigkeit wachsen und in dem wir Wertschätzung, Partizipation und Verantwortlichkeit leben und geben können.

 

Mike Kauschke ist leitender Redakteur des Magazins evolve. (redaktion@evolve-magazin.de)