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Das Unsichtbare sichtbar machen

Ein Interview mit dem Künstler Vitor Schietti

Die Ausgabe 33 von evolve konnten wir mit den Arbeiten des Fotokünstlers Vitor Schietti gestalten. Wir sprachen mit ihm über seine Kunst.

evolve: Wie bis du zur Fotografie gekommen, was hat dich dazu gebracht, so mit der Fotografie zu arbeiten, wie du es jetzt tust?

Vitor Schietti: Ich habe bereits in meiner Kindheit mit dem Malen und Zeichnen begonnen. Ich besuchte Malkurse, aber als ich etwa 15 Jahre alt war, bekam ich eine Polaroidkamera. Ich fühlte eine unmittelbare Verbindung zur Kamera und entdeckte die Möglichkeit, Schönheit auf eine unmittelbarere Art und Weise zu zeigen. Und meine Mutter, die mich dazu motivierte, mich künstlerisch zu betätigen, bezahlte mir einen Anfängerkurs in Fotografie. Als ich 2006 für ein Semester nach Montreal zog, um dort Französisch zu studieren, kaufte ich mir eine Digitalkamera, eine Canon Rebel XT. Mit dieser Kamera lernte ich sehr schnell viel dazu, sodass mir klar wurde, dass die Fotografie mein Ausdrucksmittel ist. Ich begann zu experimentieren, und eines Tages sah ich in einem Fotobuch ein Foto von Händen, die auf einer Schreibmaschine tippten, wobei die Hände verschwommen waren, sodass sie wie Geisterhände wirkten. Um diesen Effekt zu reproduzieren, begann ich mit Langzeitbelichtung zu experimentieren und etwas später auch mit Lichtmalerei.

e: Kannst du erklären, wie solche fotografischen Arbeiten mit Lichtmalerei entstehen?  

VS: Zunächst habe ich angefangen, Lichtmalerei in meinem Zimmer mit einer LED-Taschenlampe auszuprobieren und mich selbst in Pose zu setzen, als würde ich mit mir selbst sprechen – man bleibt die Hälfte der Belichtung auf der einen Seite und die andere Hälfte auf der anderen Seite des Bildes. Von da an dauerte es noch sieben Jahre bis zur Serie »Impermanent Sculptures«. Bis dahin hatte ich die Lichtmalerei für einige Aufträge in der Werbefotografie verwendet, aber sie erschien mir nicht wirklich eine interessante Technik für künstlerische Fotografie zu sein. Ich bewundere Fotografen wie Gregory Crewdson, der mit Modellen Szenarien aufbaut, die sehr präzise beleuchtet werden. Ich wollte in diese Richtung gehen, aber die Lichtmalerei gehörte eher in den spielerischen Bereich, bis ich für einen Kurs über Langzeitbelichtung, den ich unterrichtete, mehr mit der Lichtmalerei experimentierte. Ich habe die Serie »Impermanent Sculptures« geschaffen, indem ich für den Unterricht recherchierte und dabei Dinge lernte, die ich nicht einmal vorhersehen konnte.

Dabei verwendete ich eine Technik, die ich bis heute weiterführe. Die Kamera steht auf einem Stativ, und ich nutze einen Neutralgraufilter, um eine längere Belichtungszeit zu ermöglichen, auch wenn noch Tageslicht vorhanden ist. Ich arbeite mit funkensprühenden Fackeln, die das Licht erzeugen und die ich an einem Ort oder um einen Baum herumbewege. Dann kombiniere ich die verschiedenen Fotos zu einem einzigen Bild. Ich bearbeite kaum etwas digital und entferne normalerweise auch nicht viel. Es ist also alles tatsächlich fotografiert. Manchmal wähle ich auch nur Teile des Bildes aus, die ich verwenden möchte.

e: Und was fasziniert dich daran, diese Lichtformen in Landschaften oder um Bäume herum zu gestalten, und diese natürlichen Orte mit Lichtenergie, mit energetischen Formen oder Formen aus der heiligen Geometrie zusammenzubringen?

VS: Ich mache das hauptsächlich, weil ich die Ergebnisse so schön finde und weil ich mich dabei gut fühle. Diese Art der Arbeit erfordert meine volle Konzentration. Oft habe ich auch ein bisschen Angst, Probleme mit der Polizei zu bekommen. Denn wenn jemand beobachtet, was ich mache, könnte es für ihn so aussehen, als wollte ich einen Baum in Brand stecken, aber zum Glück hatte ich nie wirklich ein größeres Problem, und ich bin vorsichtig, um nicht versehentlich ein Feuer oder eine Gefahr zu verursachen.

Ich mache das hauptsächlich, um der Energie Ausdruck zu verleihen, von der ich glaube, dass sie uns alle miteinander verbindet. Ich bin der Überzeugung, alles ist zutiefst miteinander verbunden. Die Konzeptualisierung kam erst später, denn die Serie entstand aus dem Studium einer Technik und ihrer Anwendung auf Bäume oder Landschaften, und von da an begann ich, mehr darüber nachzudenken. Es ist also nicht richtig zu sagen: »Ich habe über die Energie nachgedacht, und dann habe ich diese Art und Weise entwickelt, sie auszudrücken.« Aber man könnte sagen, dass es um die Verbindung geht, der wir mehr Aufmerksamkeit schenken sollten.

Diese Einsicht intensivierte sich, als ich ein Aktivist für die vegane Lebensweise wurde. Vorher war ich neun Jahre lang aus Sorge um die Tierwelt Vegetarier und dachte, ich wäre auf einem guten Weg, bis ich merkte, dass es ein Fehler war. Als ich Veganer wurde, wurde mir diese Wahrheit der Verbundenheit noch bewusster, denn ich versuche, sie so gut wie möglich durch mein Handeln zu leben, nicht nur Schönheit auszudrücken und schöne Dinge zu schreiben, sondern diese Verbundenheit auch im Alltag zu praktizieren.

Das ist die Botschaft, die ich den Leuten durch meine Fotos vermitteln möchte: »Geht über die Schönheit und Ästhetik hinaus. Wofür steht diese Energie, warum ist das alles miteinander verbunden und wie wirkt sich diese Verbindung auf uns aus? Warum sollten es uns das wichtig sein? Wie sollten wir darauf reagieren?« In den Lichtbildern geht es um die Verbindung zwischen uns und der natürlichen Umgebung. Aber ich möchte nicht, dass die Menschen nur eine Verbindung zu Bäumen und Wasserfällen herstellen. Ich möchte, dass sie sich mit den Tieren verbinden. Das ist das Wichtigste. Das ist zu meinem Hauptziel in der Kunst geworden. Und wann immer ich kann, verbinde ich meine Kunst als Fotograf mit meiner Kunst als veganer Aktivist. Ich habe darüber nachgedacht, wie ich die Lichtmaltechniken bei Tieren anwenden kann, aber natürlich könnte ich sie beim Malen mit den Lichtfackeln verletzen. Und ich kann auch nicht erwarten, dass sie für eine gewisse Zeit stillstehen, also muss ich mir etwas anderes einfallen lassen, wenn ich Tiere in die Serie aufnehmen will.

e: Was fasziniert dich an den Formen der heiligen Geometrie?

VS: Die Serie »Sacred Geometry«, die Teil der »Impermanent Sculptures« ist, wurde mit Schablonen hergestellt. Ich stelle die Schablone auf ein Stativ und platziere die Leuchtelemente dahinter. Die Formen der heiligen Geometrie beziehen sich darauf, wie unser Universum aus bestimmten Formen zusammengesetzt ist, die man in vielen Religionen finden kann. Der Baum des Lebens mit den Kreisen, die ihn bilden, ist ein Symbol, das in vielen Kulturen vorkommt, die anscheinend nichts voneinander wussten und doch dasselbe zeichneten. Das Hakenkreuz wurde berühmt, weil es von den Nazis missbraucht wurde. Aber es ist ein Symbol, das seit Jahrtausenden in der ganzen Welt verbreitet ist. In der heiligen Geometrie wird unsere Realität in geometrischen Formen wahrgenommen. Ich habe auch ein paar Erfahrungen mit psychedelischen Pilzen gemacht. Wenn man unter der Wirkung von Pilzen steht, sieht man tatsächlich diesen Lebensfaden, der sich in diesen geometrischen fraktalen Formen ausdrückt. Ich glaube nicht, dass sie nur ein Produkt unseres Verstandes sind, sie sind tatsächlich irgendwo hier, wir können sie nur nicht sehen, weil wir nicht im Einklang mit ihnen sind. Es ist wie mit Radiowellen, man kann sie nicht sehen, aber wenn ich ein Radio habe, kann ich Musik hören. Ich denke, die Formen der heiligen Geometrie in ihren verschiedenen Formen sind ein Wissen über diese Realität, das über unser gegenwärtiges Verständnis der fünf Sinne hinausgeht. Diese Arbeiten mit der heiligen Geometrie sind Teil einer Suche nach der Wahrnehmung von Dingen, die nicht sichtbar, aber existent sind, die unsere Existenz beeinflussen und unsere Realität bestimmen. Wir formen sie, sie formen uns. Das alles geschieht, ob wir es glauben oder nicht.

e: Und du versuchst, diese Formen sichtbar zu machen, um solche Informationen oder Formen erfahrbar zu machen, die auch unsere Realität beeinflussen?

VS: Ja, das kennzeichnet diese Arbeiten. Für manche ist das vielleicht ein bisschen abstrakt. Es ist nicht für jeden zugänglich. Aber man kann die Bilder auch einfach nur schön finden, das ist auch in Ordnung. Nicht jeder muss über die anderen Realitäten um uns herum nachdenken. Aber wenn man sich auf die Suche nach der heiligen Geometrie begibt, dann wird man dieses Wissen schließlich finden. Ein Großteil meiner Kunst hat die Absicht, die Menschen zu bilden. Und auch ich selbst bilde mich durch meine Fotografie ständig weiter. Es gibt viele Themenbereiche, über die ich mehr lernen möchte. Dabei geht es nicht nur um technische Fragen, sondern auch zum Beispiel um Menschen an sich. Ich fotografiere auch Menschen, aber ich bin eher für Landschaftsbilder bekannt. Das Fotografieren von Menschen bringt andere Herausforderungen mit sich, in denen ich mich noch weiterbilden möchte.

In diesem Sinne könnte diese Serie über die heilige Geometrie Menschen zum Nachdenken anregen und einladen, den Faden weiterzuverfolgen. Mit dem Veganismus ist es dasselbe: Wenn man die Serie sieht, denkt man nicht automatisch gleich an Veganismus. Aber es ist ein Teil von mir, und es ist ein Teil davon, wie ich zu dieser Arbeit gekommen bin und was die Arbeit repräsentiert. Wenn ich über Verbindung spreche, wenn ich über Energie spreche, die unsichtbar ist, können die Leute dem Gedankengang folgen und zu einer ähnlichen Sichtweise gelangen.

e: Was war die Idee hinter der Serie »Self Polarities« mit den Figuren in farbigen Anzügen in unberührten Landschaften?

VS: Das war eine verrückte Idee. Ich bin immer auf der Suche nach dem nächsten Projekt. Zum Glück ist die Fotografie für mich nichts Anstrengendes. Ich muss es einfach tun. Es ergibt sich von selbst. Ich war mit einem sehr guten Freund aus Brasilien in Island unterwegs. Und ich wollte über die Serie »Impermanent Sculpture« hinausgehen, weil ich daran schon so intensiv gearbeitet hatte. In Island fühlte ich mich nicht wohl mit der Idee, irgendetwas mit Lichtblitzen zu machen, weil ich diese Effekte schon so umfangreich eingesetzt hatte. Ich wollte auch keine Schwierigkeiten bekommen oder als aufdringlicher Tourist wahrgenommen werden. So musste ich mir etwas ganz anderes ausdenken. Ich habe darüber nachgedacht, was mich motiviert, etwas Neues zu schaffen. Bei diesen Überlegungen beschäftige ich mich oft mit den beiden Teilen in mir, die manchmal gegeneinander agieren, wie zum Beispiel: »Ich möchte produktiv sein, aber ich möchte auch einfach nur entspannen und Dinge tun, die unproduktiv sind. Ich möchte jeden lieben und sehr dankbar und der bestmögliche Mensch sein. Aber ich fühle auch Hass und Verachtung, werde nervös und urteile.«

Es gibt diese Polaritäten zwischen uns und in jedem von uns. Jeder von uns hat seine eigenen Polaritäten. Und das wollte ich darstellen. Außerdem ist Brasilien als Land sehr stark in links und rechts gespalten. Und die Farben Rot und Blau haben mit dem politischen Streit in den USA zu tun, denn sie stehen für die Republikanische und die Demokratische Partei. Also dachte ich mir, ich kaufe diese farbigen Anzüge und nehme sie mit nach Island, um dort Bilder zu machen, in denen ich zunächst die eine und dann die andere porträtiere.

Ich war auf der Suche nach ikonischen, schönen Landschaften, die ich in Pose setzen konnte, aber auch nach unterschiedlichen Qualitäten, die ich darstellen wollte, z. B. sollte eine von ihnen eher meditativ und zentriert sein und die andere eher energisch, tanzend, chaotisch oder dynamisch. Auf diese Weise wollte ich diese Polarität zwischen ihnen zeigen. Während dieser zehn Tage in Island habe ich eine Serie produziert, und nach meiner Rückkehr habe ich noch ein paar weitere Bilder in Spanien gemacht. Ich habe noch eine Zeit lang an dieser Serie weitergearbeitet, aber jetzt ist sie wohl zu Ende. Vielleicht greife ich das Thema eines Tages wieder auf, es geht um unsere inneren Anteile, wie sie immer in ständiger Reibung sind, und dass wir lernen müssen, sie zu akzeptieren, sie zu integrieren.

e: Es ist interessant, wie du zu diesen sehr unterschiedlichen Projekten kommst. Es gibt auch eine Serie namens »Maya Rainbow«, in der du mit Wasser, Licht und Körper in Bewegung arbeitest. Was hat dich dazu inspiriert?

VS: »Maya Rainbow« wurde Ende 2016 geboren. Das war, nachdem ich anderthalb Jahre lang viele impermanente Skulpturen geschaffen und meine Langzeitbelichtungstechniken erforscht hatte. Und ich dachte, jetzt könnte ich es mit Wasser versuchen, nachdem ich schon mit Feuer gearbeitet hatte. Wie kann ich Wasser beleuchten? Mit kleinen Experimenten im Studio versuchte ich herauszufinden, wie man das im großen Maßstab machen kann. Ich verwendete einen schwarzen Hintergrund und farbige Lichter von hinten. Ich habe Fotomodelle, während sie sich bewegten oder posierten, mit Wasser übergossen und die Farben der Scheinwerfer ständig verändert, um dem Licht, das auf die Körper fiel, verschiedene Farben zu geben. Es kam mir vor, als würde ich Äther oder Emotionen oder Dinge fotografieren, die fluide sind, sich verändern und sehr dynamisch sind. Für mich war das ein direkter Bezug dazu, wie unsere emotionalen Felder oder unser emotionaler Körper sein können. Als ich die Tänzerinnen und Tänzer zur Bewegung animierte, hatte ich bereits im Kopf, dass sie versuchen würden, eine Art von Emotion zu replizieren oder anzudeuten. Auf diese Weise versuche ich in dieser Serie, Emotionen sichtbar zu machen. Auch hier geht es also darum, unsichtbare Dinge durch so viel reine Fotografie wie möglich sichtbar zu machen. In dieser Serie benutze ich wenig Photoshop. Bei den »Impermanent Sculptures« verwende ich Photoshop, um Bilder miteinander zu verschmelzen, bei »Maya Rainbow« gibt es ein paar Bilder, bei denen ich zwei Bilder zu einem verschmolzen habe, aber die meisten sind nur ein Bild mit Langzeitbelichtung.

e: Es ist interessant, dass du in vielen deiner Projekte etwas sichtbar machen willst, das unsichtbar ist.

VS: Ja, das taucht in meiner Arbeit immer wieder auf, auch wenn ich es nicht bewusst plane. Aber jedes Mal, wenn ich über meine Arbeit spreche, merke ich, dass das überall eine Rolle spielt. Es gibt eine andere Serie, bei der ich Städte bei Nacht fotografiere, wenn keine Menschen auf der Straße unterwegs sind. Viele dieser Aufnahmen sind in Brasilien entstanden, was einfach war, weil es dort nachts tatsächlich leer ist. Und gerade habe ich damit begonnen, das hier in Barcelona zu wiederholen. Das ist ein bisschen schwieriger, weil immer Menschen unterwegs sind. Es geht auch darum, die Abwesenheit sichtbar zu machen, denn wir sehen die Stadt nie ohne Menschen, außer vielleicht in der Pandemie, als Menschen im Lockdown waren.

e: In dieser Serie namens »Silence« machst du die Stille sichtbar.

VS: Ganz genau. Wie sieht diese Stille aus? Nun, wenn du eine ansonsten sehr belebte Straße siehst, auf der niemand ist, keine Autos, dann ist das Stille.

e: Und auf der anderen Seite arbeitest du mit dieser Mehrfachbelichtung in Städten, an Orten oder im Stadtleben.

VS: Bei dieser Technik nehme ich mehrere Bilder auf, die dann von der Kamera in dieser Mehrfachbelichtungsfunktion überlagert werden. Ich mag Straßenfotografie, ich mag es, neue Städte zum ersten Mal mit der Kamera kennenzulernen. Aber es gibt so viele Leute, die Straßenfotografie machen, dass ich dachte, dass es keinen Sinn mehr machen würde, es wie bisher weiterzumachen. Weil ich die Erforschung von Erinnerung und Traum mag, fragte mich, wie es wäre, einen Ort nicht nur in einem Bild einzufangen, sondern in mehreren Bildern, die ein Objekt umgeben oder die entstehen, wenn ich durch eine Straße gehe. Auf diese Weise kann ich die Stimmung eines Viertels oder dieser Brücke einfangen, anstatt sie nur als Objekt zu zeigen.

Glücklicherweise war ich seit 2016 bereits in 17 verschiedenen Hauptstädten, so dass ich 17 Städte mit dieser Technik erfasst habe und dies auch weiterhin tun werde. So nähere ich mich dem Rätsel, was die Identitäten der Städte sein könnten. Natürlich ist es schon schwierig genug, eine Person zu porträtieren. Aber noch schwieriger ist es, ein Porträt einer Stadt zu erstellen, weil sie so vielfältig ist. Aber genau das ist eines der Ziele dieses Projekts: Wie kann man Paris in einem Bild des Eiffelturms einfangen? Vielleicht sollte man den Eiffelturm und vier weitere Elemente in dasselbe Bild einfügen, um einen Eindruck davon zu vermitteln, was Paris in dieser Gegend ausmacht. Das ist es, was ich mit der Serie »Extended Moments« mache.

e: Du hast sehr unterschiedliche Arbeitsweisen, auch bei der Landschaftsfotografie und bei den Bildern aus der Serie »Gaia« mit Tieren und Menschen. Wie gehst du mit diesen unterschiedlichen Stilen um? Ist das jetzt von einem Projekt oder einer Serie bestimmt, oder ist es abhängig von dem Ort, an dem du dich befindest?

VS: Es ist ein bisschen von beidem, denn es ist eine Frage der Gelegenheit und des Fokus. Die Serie »Impermanent Sculpture« zum Beispiel mache ich nur in Brasilien, die geometrischen Formen mache ich hier. Ich kann sie nicht die ganze Zeit machen, sie erfordern viel mehr Logistik. Diese Serie ist daran gebunden, dass ich in Brasilien bin. Dann gibt es einige Projekte, die in einem bestimmten Zeitraum Sinn machen und zu dieser Zeit gehören. Ich schließe nie ein Projekt zu 100 Prozent ab, es kann sein, dass ich zu Projekten von vor zehn Jahren zurückkehre.

Ich habe zum Beispiel eine Serie mit dem Titel »From the Unreal to the Real« geschaffen. Dabei handelt es sich um Fotomontagen, die eine Reihe von Träumen darstellen. Sie sind sehr fotorealistisch, ich benutze viel Photoshop, aber es sind alles fotografierte Objekte mit einem kleinen bisschen 3D-Technik in einem von ihnen. Diese Serie machte in einem bestimmten Zeitraum Sinn und jetzt betrachte ich sie als abgeschlossen. Wenn ich in Städte reise, die ich nicht kenne, aktiviere ich das Projekt »Extended Moments«. Auf der gleichen Reise habe ich vielleicht die Gelegenheit, ein Tierheim zu fotografieren, also wechsle ich zu diesem Projekt. Ich navigiere durch die Projekte, hauptsächlich aufgrund der Gelegenheiten, die sich jeweils ergeben.

e: Du sprachst davon, die fotografische, künstlerische Arbeit mit dem veganen Aktivismus zu verbinden. Und du hast auch eine Serie über Tierheime verwirklicht. Das ist eine weitere Möglichkeit, etwas, das nicht gesehen wird – in diesem Fall das Leben, die Würde und auch das Leiden der Tiere –, in Bilder zu bringen.

VS: Ja, genau. Das ist ein großartiger Gedanke, diese Verbindung habe ich nicht hergestellt. Das Problem mit dem Veganismus ist, dass die Menschen nicht erkennen, was vor sich geht. Auch ich bin erst vor ein paar Jahren darauf gestoßen. Wir glauben oft, dass das, was wir mit den Tieren machen, in Ordnung ist, weil wir es nicht sehen und nicht wirklich darüber nachdenken. Es findet im Verborgenen statt, weit weg von den Augen der Menschen. Es ist wichtig, die Aufmerksamkeit auf die schiere Tatsache zu lenken, dass das, was wir den Tieren antun, einfach inakzeptabel ist.

Zu diesem Zweck habe ich ein weiteres Projekt mit dem Titel »The Vegan Utopia« ins Leben gerufen. Das ist eine große Sache für mich. Ich habe Texte über das Thema geschrieben, mich auf Facebook geärgert und versucht, Leute, die ich kannte, mit dem Thema zu »belästigen«, aber ich war nicht sehr effektiv in meinem veganen Aktivismus. Ich hatte zwei Möglichkeiten: Ich konnte entweder einer veganen Organisation beitreten oder ich konnte meine ganz eigene Art und Weise finden, über Veganismus zu sprechen. Da mir das Talent gegeben ist, gute Bilder zu machen, wollte ich diese Fähigkeit in den Dienst der Aufklärung über die Tierschutzbewegung stellen. Ich habe »The Vegan Utopia« als Projekt ins Leben gerufen, um meine Fotografie mit diesen Prinzipien zu verbinden.

Das Bewusstsein für die vegane Philosophie zu schärfen, ist jetzt meine größte Mission, und das ist ein bisschen ein Konflikt mit meinen anderen Projekten, denn manchmal, wenn ich nachts in Barcelona fotografiere, um Bilder für die Serie »Silence« zu machen, denke ich: »Oh, sollte ich nur noch für die vegane Sache arbeiten?«

Ich denke jeden Tag darüber nach und manchmal wünschte ich, ich würde es nicht tun, weil es anstrengend ist, aber inzwischen entzieht sich das meiner Entscheidung. Dieses Ziel hat meine künstlerischen Bestrebungen übernommen. Ich versuche also, das Beste für mich und die Tiere zu tun, sodass ich auch davon profitieren kann, dass ich als Künstler über Veganismus spreche und dass ich den Tieren helfen kann, ohne dass es mich meinen Verstand kostet. Manche Veganer schalten einfach ab und wollen sich nicht mehr für den Veganismus einsetzen, weil das so ermüdend und frustrierend ist. Man muss lernen, damit umzugehen. Ich lerne immer noch. Ich lebe erst seit drei Jahren vegan, also lerne ich immer noch, mit diesem Teil von mir und meinen künstlerischen Aktivitäten umzugehen. Manchmal möchte ich auch einfach nur schöne Bilder machen, die nicht unbedingt direkt mit dem Thema Tiere zu tun haben.

e: Eine deiner Serien heißt »Thought Forms« und du erwähntest deine Erfahrungen mit Pilzen und die Arbeit mit Träumen. Inwiefern ist diese Dimension des Bewusstseins oder der Spiritualität, oder wie immer man es nennt, Teil deiner Arbeit und deines Lebens?

VS: Ja, ich versuche, jeden Tag zu meditieren. Ich denke, ich sollte es noch ernster nehmen, denn immer, wenn ich mehr meditiere, wird mein Leben besser. Und wenn ich weniger meditiere, bin ich verwirrter. Ich verfalle in diese Zyklen, in denen ich manchmal nicht so viel meditiere, wie ich könnte. Es ist ein Ausgangspunkt für jeden, ein besserer Mensch zu werden. Wenn man meditiert, sagt einem nicht jemand anderes etwas, sondern man hört seinen eigenen Gedanken zu, und dann muss man sich mit ihnen auseinandersetzen oder sie einfach vorbeiziehen lassen, und man lernt daraus.

Glücklicherweise war das schon seit meiner Kindheit ein Teil von mir. Meine Eltern sind sehr spirituelle Menschen, sodass ich in einem spirituellen Umfeld aufgewachsen bin. In Brasilien gibt es eine Bewegung namens »espiritismo«, die von Allan Kardec gegründet wurde. Sie ist mit der Theosophie und dem Buddhismus verwandt. Vor etwa 15 Jahren begann ich, mich intensiver mit dem Buddhismus zu befassen, und nahm an Vipassana-Meditationskursen teil. Meditieren ist also ein wichtiger Teil meines Lebens und für meinen künstlerischen Prozess, denn er wird intensiviert, wenn ich mehr meditiere. Ich erschaffe die Dinge nicht, sie kommen einfach zu mir, manchmal nicht einmal während ich meditiere, sondern weil ich meditiere. Oder sogar beim Schwimmen. Einmal beim Schwimmen hatte ich dieses Bild vom »Tree of Life« vor Augen und die Technik, mit der ich zu experimentieren begann, und ich dachte, vielleicht sollte ich das auf den Baum anwenden. Und so ist eines der erfolgreichsten Bilder der Serie aus einem Meditationsprozess entstanden.

Veganismus und Meditation sind der Kern meines Lebens und meiner Arbeit. Ohne Meditation hätte ich mich nicht auf die Fotografie eingelassen, die ich mache. Und ohne Veganismus hätte ich nicht dieses Ziel, ein besserer Künstler zu sein, den Tieren eine bessere Stimme zu geben und für etwas zu arbeiten, das über mich hinausgeht.

Das Interview führte Mike Kauschke.

Vitor Schiettis Werk durchquert mehrere konzeptionelle Meere, einige mit entgegengesetzten, andere mit ergänzenden Konzepten. Die Erforschung von Träumen und Erinnerungen als Bausteine der Identität ist oft präsent. Die Verbindung unserer Spezies zu anderen Lebewesen, mit denen wir den Planeten teilen, ist ein weiterer Schwerpunkt in Schiettis Werk. Sein Blick reicht von Landschaften bis zu Porträts, wobei er Langzeitbelichtung, Mehrfachbelichtung und Lichtmalerei einsetzt, um Bilder zu zeichnen, die einen Wandel in unserer Gesellschaft anregen können. Vitor wurde 1986 in Brasilia (Brasilien) geboren, fühlt sich aber als Weltbürger. Derzeit lebt er in Barcelona. Vitors Leidenschaft gilt dem Klettern und dem Veganismus, den er mit dem Projekt The Vegan Utopia unterstützt.

schiettifotografia.com | theveganutopia.com |
ig: @schietti