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Den Tisch decken für Visionen – Ein Gespräch mit dem Künstler Johannes Volkmann

Johannes Volkmann bei einer Aktion im Rahmen des Papiertheaters

Den Tisch decken für Visionen

Ein Gespräch mit dem Künstler Johannes Volkmann

Die Ausgabe konnten wir mit Fotos von Arbeiten des Künstlers Johannes Volkmann gestalten. Wir sprachen mit ihm über seine Kunst im öffentlichen Raum. 

evolve: Wie bist du auf das Projekt „Unbezahlbar“ gekommen? Was hat dich dabei bewegt?

Johannes Volkmann: Ich habe Kunst & öffentlicher Raum an der Kunstakademie in Nürnberg studiert. Dort ist sicherlich ein Grundstein dafür gelegt worden, künstlerisches Arbeiten nicht nur am Kunstwerk festzumachen, sondern am Prozess und an der Gesellschaft. Das ist eine Basis, mit der ich seit 20 Jahren in unterschiedlichsten Formaten experimentiere und daraus ist auch das Projekt „Unbezahlbar“ entstanden.

Auslöser war, dass die Bankenkrise zur Finanzkrise und damit zur weltweiten Unsicherheit führte. Ich fragte mich: Was passiert eigentlich, wenn wir dem Geld nicht mehr vertrauen können, auf dem letztendlich alles basiert, weil es unsere Tauschvereinbarung ist. Aus dieser großen Unsicherheit, wie wir unser Geldsystem retten und Schutzschirme bauen können, entstand die Frage, was eigentlich der Schutzschirm ist, den wir jenseits des Geldes für uns selber brauchen. Es war der Wunsch, eine große Diskussion anzustoßen zu der Frage: Was ist eigentlich jenseits des Geldes wertvoll und wichtig? Was ist unbezahlbar? Aus diesem Wunsch ist das Bild des großen Tisches entstanden, der im öffentlichen Raum, auf dem Marktplatz, auf der Agora steht. Um ein Gespräch zu initiieren, wollte ich in einer künstlerischen Verfremdung den Tisch in Papier einpacken und ihn feierlich decken. Für was? – Für das, was auf den Tellern auf den Tisch kommen soll: die Meinungen und Aussagen der Menschen, die diesen Platz überqueren und sich äußern wollen.

e: Wie bist du damit in die Umsetzung gegangen? Und welche Erfahrungen hast du damit gemacht? 

JV: Bei derartigen Projekten muss man normalerweise eine schriftliche Konzeption einreichen und eine Jury entscheidet, ob man Geld aus einem Fördertopf bekommt. Ich habe den anderen Weg gewählt und einfach begonnen und habe die Realisierung so gestaltet, dass sie auf Tauschgeschäfte basierte und das Material ausgeliehen wurde. Die Konstruktion des Tisches bestand aus Schalttafeln und Böcken aus dem Baumarkt, die wir hinterher wieder zurückgebracht haben. Am Tisch selbst gab es auch ein Tauschobjekt, eine Papiertüte. Ich schrieb im Vorfeld Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens an, vom Bundespräsidenten bis zum Landesbischof, vom Europa-Abgeordneten bis zum Goethe-Institut, und bat sie, ihre Antworten auf die Frage zu schicken: Was ist für Sie unbezahlbar? Daraus produzierte ich große Holzstempel, mit denen wir in einem Gemeinschaftsprozess die Tüten stempelten. Außen stand der Begriff Unbezahlbar und die Innenseiten waren mit den Kommentaren gestempelt. Das heißt, jeder, der etwas auf diesen Tisch schrieb, konnte eine Tüte mitnehmen. Die Frage haben wir nach außen gesetzt, und das, was uns eigentlich innerlich bewegt, nach innen.

Zu der ersten Aktion in Nürnberg habe ich auch öffentliche Vertreter eingeladen, vom Oberbürgermeister bis zur Familienministerin. Diese sind auch gekommen und haben den Tisch eröffnet. Gleichzeitig haben wir einen Obdachlosen eingeladen, den Tisch zu eröffnen. Im Tisch waren von unten Boxen eingebaut und mit Mikrofonen konnte er „sprechen“ und es wurden Texte vorgelesen.

Wir hatten den Tisch frühmorgens vor Marktbeginn auf dem Hauptmarkt in Nürnberg aufgebaut. Er hatte etwas Unspektakuläres, obwohl er 50 Meter mal 2 Meter groß war. Es gab 300 Teller mit Besteck, die wir alle einzeln eingepackt hatten. Ein relativ großer Aufwand, aber ein starkes Bild.

Die Größe dieses Bildes hatte eine unglaubliche Magnetwirkung. Es gab eine große Beteiligung und ein starkes Begegnungsmoment. Die Aussagen reichten vom kleinen Kind „Meine Familie ist unbezahlbar“ bis hin zu politisch-ausgerichteten Kommentaren. Besonders schön war – und das hätte ich vorher nicht gedacht –, dass die Neugier so weit ging, dass die Leute mehrmals kamen, weil sie wissen wollten, wie der Tisch sich entwickelt. So entstand eine Ausstellung und durch diesen Tisch fanden viele Gespräche statt, weil wir einfach Zeit hatten. Wenn du dich einen Tag lang auf den Hauptmarkt stellst und Zeit mitbringst und eine Frage stellst, dann passiert viel in Gesprächen.

Nach diesem intensiven Tag wurde schnell die Frage laut, wie wir weitermachen. Eine Weiterentwicklung des Projektes war, dass wir Postkarten mit den zentralen Aussagen entwickelten, sodass man sich die Meinungen gegenseitig schicken kann. Und wir haben Kontakt mit Orten aufgenommen, wo es Anknüpfungspunkte gab: mit der Sebalduskirche Nürnberg und der Oechsner Galerie, einer der großen Galerien in Nürnberg. In der Kirche gab es einen Gottesdienst zum Thema Unbezahlbar, der szenisch aufbereitet war mit einer großen Papierwand vor dem Altar mit Schattenspielen, Malerei und Projektionen. Auf der Galerie gab es eine ungewöhnliche Ausstellung, wo nichts ausgestellt worden ist, sondern „nur“ Gedanken. Wir hatten Götz Werner als einen Vertreter des bedingungslosen Grundeinkommens eingeladen. Die Hauptarbeit war eine Diskussion darüber, warum wir an unseren Idealen und unbezahlbaren Werten immer wieder scheitern. Liegt es vielleicht am System? Könnten wir in einem anderen System unsere Möglichkeiten eines unbezahlbaren Lebens besser realisieren? Oder liegt es an unserer Bequemlichkeit?

Parallel dazu ist der Wunsch entstanden, die Stereotype über bestimmte Menschen, die sich sehr schnell entwickeln können, zu hinterfragen und den Tisch vier Jahre lang möglichst an ungewöhnliche und reibungsvolle Orte zu bringen. Dieser Prozess, den wir in einem Buch dokumentiert haben, hat an den jeweiligen Orten so schöne die Erlebnisse und Begegnungen bewirkt, dass ich es mein Leben lang weitermachen könnte und es viele Orte gäbe, wo ich den Tisch permanent aufstellen könnte und immer wieder in diese Prozesse hineingehen könnte. Aber ich wollte auch offen sein für neue Projekte und deshalb gab ich unter bestimmten Bedingungen die Idee frei, sodass jeder, der sich berufen fühlt, diese Frage öffentlich zu diskutieren, dieses Bild des Tisches und der eigepackten Teller benutzen kann, um das Gespräch wachzuhalten.

e: Wie hast du den Unterschied an verschiedenen Orten wahrgenommen? Wie war deine Erfahrung an den besonders reibungsvollen Orten? Was waren die Besonderheiten an den verschiedenen Orten? Wie wurde das aufgenommen?

JV: Damit könnte ich jetzt Stunden verbringen, aber ein eindrucksvolles Beispiel war Jerusalem. Wir stellten den Tisch auf den Marktplatz zwischen der Omar-Moschee und der Christus-Geburtskirche. Der Bürgermeister schrieb um neun Uhr feierlich zur Eröffnung des Tisches seinen ersten Kommentar. Aber dann passierte nichts mehr. Der Tisch blieb leer. Ringsherum standen die Leute in ihren Geschäften und schauten, was das ist. Wir waren ein bisschen ratlos, wie man damit umgeht und sind dann mit Übersetzern auf die Leute zugegangen und ins Gespräch gekommen. Dadurch wurde ihnen klar, dass der Tisch für sie dasteht. Die Leute hatten große Angst davor, ihre Meinung zu äußern, weil sie nicht wussten, welche Auswirkung das hat. Erst in der Vertrauensbildung und im Schutz der Anonymität ist etwas sehr Schönes entstanden, weil einige Menschen mehrmals kamen, da ihnen noch etwas einfiel.

Ein extremes Gegenbeispiel erlebten wir in Indien. Dort wurde der Tisch im Rahmen eines Straßentheater-Festivals aufgestellt. Der Andrang war so groß, dass schon nach zwei Stunden alles vollgeschrieben war. In Ägypten wollten wir ein Jahr nach der Revolution den Tisch in Kairo aufstellen. Eine Woche vorher war der koptische Führer gestorben und alle öffentlichen Veranstaltungen wurden aus Sicherheitsgründen abgesagt. Mit meiner Kontaktperson Mohamed waren wir drei Tage auf der Suche, wo dieser Tisch stehen kann. Aber es wurde klar, dass wir ihn aus Sicherheitsgründen nicht aufbauen konnten. Auf Mohameds Anregung sind wir mit unserem Material nach Alexandria gefahren und haben den Tisch ohne Genehmigung auf einer Brücke aufgebaut, mit der Bedingung, dass niemand sagen darf, dass ich es initiiert habe. Man sieht, in den verschiedenen Ländern gab es ganz unterschiedliche Bedingungen, die die Kultur oder Repression eines Landes zeigen.

e: Hat sich der Wunsch – die Frage nach dem, was für uns unbezahlbar ist, in den öffentlichen Raum zu bringen – für dich als Künstler erfüllt?

JV: Auf der einen Seite mehr als gedacht, weil es unglaublich ist, wohin sich ein Gedanke innerhalb von vier Jahren entwickeln kann. In der Frage unserer Weltgestaltung bleibt die Aktion natürlich punktuell. Unsere Welt ist so verfahren und komplex, dass solch ein Tisch, auch wenn man ihn in allen Ländern gleichzeitig 1000fach aufstellen würde, an den Grundstrukturen unserer menschlichen Machtbestrebungen nichts ändert.

e: Das ist natürlich so. Gleichzeitig kann es den Menschen einen Denkimpuls geben.

JV: Ja, es ist immer die Frage, wie hoch Erwartungen sind. Ich setze meine Erwartungen immer ganz oben an, weil mir das die Kraft gibt, die Aktionen überhaupt durchzuführen. In diesen Erwartungen werde ich immer enttäuscht, weil sie unmöglich sind. Aber es entsteht eine Gesellschaftsinszenierung, so benenne ich das mittlerweile, die ihre eigene Kraft und unvorhersehbare Wirkung hat. Vor zwei Wochen habe ich eine Rückmeldung bekommen, dass in Sydney eine Künstlerin dieses Bild aufgegriffen hat und der Tisch in Australien stand. Mittlerweile sind es etwa 20 Personen, die die Idee aufgegriffen haben. Damit leben diese Frage und diese Arbeit weiter.

e: Um diese Aktion in den größeren Kontext deiner Arbeit als Künstler einzuordnen: Was hat dich ursprünglich auf den Weg gebracht, Kunst im öffentlichen Raum zu gestalten?

JV: Ich habe Holzbildhauerei gelernt. Mit dieser Ausbildung ging ich nach Bochum, um dort eine Weiterbildung am Figurentheater zu machen. Dabei erlebte ich die Landschaft des Ruhrgebietes als Skulptur. Kein Quadratmeter ist mehr so, wie er ursprünglich gewachsen ist. Und diese Brachlandschaften mit Zechengeländen und Fabrikanlagen haben mein Verständnis von Skulptur auf den Kopf gestellt: Moment mal, ich befinde mich hier eigentlich in einer Skulptur, warum soll ich dann eine schnitzen oder bauen?

Ich lernte dann Künstlerkollegen mit ähnlichen Fragen kennen und war inspiriert von Joseph Beuys. Wir organisierten illegale Ausstellungen auf den Zechengeländen oder Kunst in leerstehenden U-Bahnstationen. Aus diesen Erlebnissen heraus habe ich den Studiengang Kunst & öffentlicher Raum in Nürnberg begonnen. Nach dem Studium gründete ich mit anderen Künstlern, darunter auch Stefan Krüskemper, das „buero für integrative kunst“. Ich vertiefte mich immer mehr in das Papiertheater, das auch mein Lebenserwerb wurde. Heute ist die „Fa. Zusammenkunst“ das Dach für meine künstlerischen Prozesse. Das ist keine Künstlergruppe, sondern als Energiefeld gedacht. Es sind Künstler, die sich dafür interessieren, Prozesse zu gestalten, die gesellschaftliche Themen mit bildnerischen und sozialen Mitteln aufgreifen.

e: Das heißt, ihr initiiert zusammen Projekte, an denen dann mehrere Künstler beteiligt sind. 

JV: Es ist so, dass wir zusammen an einem größeren Konzept arbeiten. Ein Beispiel ist das Projekt „anders herum denken“, das mit einer städteübergreifenden Sammlung von Pappschachteln begann. Dafür waren in Nürnberg und Fürth vier große Sammelboxen aufgestellt. Die Schachteln haben wir alle aufgeschnitten und „anders herum denken“ auf die graue Rückseite gestempelt. Dann haben wir sie wieder zusammengeklebt, sodass die bedruckte Werbeseite innen ist. Damit wollten wir anregen, dass der Kommerz, in dem wir uns befinden, neu gedacht werden kann. Wir befinden uns in einer marktorientierten Gesellschaft: Wer das lauteste Logo hat, gewinnt. Wir haben Tausende von Schachteln mit Doppelklebeband an die Wände zweier Galerien in Nürnberg und Fürth gehängt. Die Besucher waren angeregt, ihre Gedanken darüber, was in der Gesellschaft anders herum gedacht werden soll, aufzuschreiben. Sie durften sich eine Pappschachtel mit nach Hause nehmen und haben ihren Kommentar in der Galerie hinterlassen. So entstand nach und nach eine Sammlung von konkreten und utopischen Ideen. Diese Kommentare waren im nächsten Schritt nach drei Monaten die Grundlage für ein  Theaterstück. Alle Beteiligten wurden zum Autor eines Theaterstückes, das wir im Stadttheater Fürth aufgeführt haben. Der Saal blieb leer, das Publikum saß auf der Bühne und eine große Papierwand war die Membran dazwischen. Mit fünf Schauspielern, den Möglichkeiten des Papiertheaters und einem Bürgersprechchor ist ein szenisches Spiel entstanden, bei dem die Papierfläche bemalt und mit Texten versehen wurde. Am Ende wurde das Publikum eingeladen, in einem Gemeinschaftsprozess der Zusammenkunst seine Ideen zu realisieren. Nach einem Jahr gab es einen szenischen „Verwendungsnachweis“, dabei gingen wir auf eine Verkehrsinsel in Fürth, stellten einen Tisch auf und sprachen darüber, was in dem Prozess entstanden ist. Auf der Verkehrsinsel pflanzten wir einen Apfelbaum und die vier großen Sammelboxen für die Schachteln wurden mit einem Imker zu Bienenkästen verwandelt, die wir an verschieden Orten der Stadt aufstellten. Somit gibt es einen „anders herum denken“-Honig. An diesem Projekt waren nicht nur Künstler beteiligt, es wurde zum Beispiel von Senioren ein „anders herum“-Picknick als ein Begegnungsraum in der Fußgängerzone initiiert, das dieses Jahr zum dritten Mal in Fürth stattfindet.

e: Schwerpunktmäßig arbeitest du mit dem Papiertheater. Kannst du erklären, was das ist?

JV: Es basiert auf der Idee, den künstlerischen Gestaltungsprozess live auf die Bühne zu setzen. Eine große Papierwand ist das Spielfeld. Eine zwei Meter hohe Papierrolle wird aufgestellt und vier Meter abgewickelt. Sonst gibt es nichts anderes auf der Bühne, nur das Spiel, das auf diesem Papier stattfindet. Man kann mit den Mitteln von Licht und Schatten, Malerei, Lichteffekten arbeiten. Oder das Papier wird durchgeschnitten und diese Ausschnitte werden zu kleinen Spielbühnen. Man sieht vielleicht nur einen Mund, der durch das Papier spricht, oder die Finger auf einer Bratsche, die hinter dem Papier gespielt wird. Dabei arbeite ich mit verschiedenen Künstlern zusammen, Musiker, Tänzer, Geschichtenerzähler, einer Textilkünstlerin. Immer mit dieser Papierwand entsteht zu den Künsten jeweils eine Inszenierung.

Das war mein Experimentierfeld der ersten zehn bis zwölf Jahre, dabei habe ich auch ein Dokumentar-Theater entwickelt, mit dem ich Aktionen, die durchgeführt wurden, sichtbar mache. Aktuell ist ein Projekt namens „Das ist der Gipfel“, das die Zusammenfassung des vierjährigen Projektes der „Konferenz der Kinder“ ist, das ich nach „Unbezahlbar“ entwickelt habe. Dabei wollen wir die Kinder selbst fragen, was sie für ihre Welt brauchen.

e: Was hat dich zu diesem Projekt bewegt?

JV: Durch „Unbezahlbar“ habe ich Tausende von Tellerkommentaren in meinem Atelier. In dem Versuch, nicht nur die Probleme anzusprechen, sondern in der Komplexität unserer Welt etwas Positives und Gemeinschaftsstiftendes zu betonen und das Positive aufzuzeigen, fanden wir heraus, das recht viele Teller einen gemeinsamen Nenner hatten: Kinder sind unbezahlbar. Da dachten wir: ‚Wenn das der Wunsch der Erwachsenen ist, dann fragen wir die Kinder und Jugendlichen selbst.‘ Daraus ist die Idee entstanden, eine Konferenz der Kinder ins Leben zu rufen. Wir entwickelten ein Fragebuch mit Fragen wie: Was brauchst du um dich herum? Auf was kannst du verzichten? Was bereitet dir Sorgen? Wo wohnt für dich das Glück? Mit diesem Buch waren wir vier Jahre lang unterwegs und machten Workshops mit Kinder- und Jugendgruppen in den unterschiedlichsten Ländern dieser Erde.

Im September 2018 gab es in Nürnberg eine Gipfelkonferenz der Kinder, bei der wir die Aussagen der Kinder der Welt versammeln wollten. Die wichtigste Sorge der Kinder war die Angst vor Krieg. Wir haben überlegt, wie wir aus diesem Wunsch nach Frieden ein künstlerisches Bild entwickeln können. Um ihren Aussagen Kraft zu verleihen, baten wir die Kinder um einen aktiven Beitrag: Als Zeichen dieses Wunsches sollen sie uns ihre Spielzeugwaffen schicken. Wir sammeln weltweit Spielzeugwaffen, um daraus eine große Friedensskulptur zu bauen.

Das wird am 18. Oktober stattfinden, verbunden mit einer zweiten Gipfelkonferenz der Kinder. Der Ort dafür ist geschichtsträchtig: Es ist der Innenhof der Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Das Spielzeugmuseum in Nürnberg ist die offizielle Sammelstelle, an die die Kinder die Pakete schicken können. Jeder und jede ist eingeladen, daran teilzunehmen.

In der Folge sollen in unterschiedlichsten Ländern solche Friedensskulpturen entstehen, wir haben z. B. Kontakt mit einem Friedensprojekt in Israel und Palästina. Diese Skulpturen sollen nach einem Bauplan entstehen, sodass in den nächsten vier Jahren ein Tempel der Entwaffnung aus einzelnen Bauteilen entsteht. Ähnlich wie bei „Unbezahlbar“ stand am Anfang ein Gedanke und dem gebe ich Raum, Zeit und Entwicklungsmöglichkeit.

e: Du hast schon erwähnt, dass es das Anliegen dieser Kunst ist, nicht nur auf Probleme im gesellschaftlichen Ganzen hinzuweisen, sondern positive Entwicklungsimpulse und Denkimpulse hineinzugeben. Würdest du das als die Essenz deiner Arbeit sehen oder würdest du sie anders beschreiben?

JV: Das ist eine sehr gute Frage. In der Kunstgeschichte und der Gesellschaftsentwicklung gab es immer Menschen, die  etwas Bahnbrechendes geschaffen haben, weil sie neue Medien, neue Möglichkeiten und Ausdrucksformen in die Kunst eingebracht haben. Unglaublich, welche Freiräume zum Beispiel durch die Performance geschaffen wurden. Sie war meistens auf gewisse Missstände ausgerichtet, die man sichtbar machen wollte.

Mich bewegt die Frage, wie man im konstruktiven Sinne die Kraft und die Möglichkeiten der Kunst für Gesellschaftsprozesse nutzen kann. Um auch das an einem Beispiel zu verdeutlichen: Eine Frage ist, wie wir mit unserem Verkehr umgehen. In einem Projekt habe ich mit Kindern und Jugendlichen große Bänke geschnitzt, die die Buchstaben „Halt“ bildhauerisch gestalten. Diese Bänke stehen entlang der Dörfer und wer sich auf eine setzt, gibt zu verstehen, dass er von einem Ort zum anderen mitgenommen werden möchte. Autofahrer, die vorbeikommen und noch einen Platz frei haben, können also die Menschen auf der Bank einsammeln. Die Bänke gibt es schon länger, aber in dieser Ausführung sind sie richtige Eyecatcher. Wenn man das weiterführt, dann könnte das ganze bayerische Oberland mit diesen Bänken bestückt werden und so entsteht ein selbstorganisiertes Verkehrsnetz. Das führt nicht nur zu weniger Verkehr, sondern zu mehr Kommunikation und Miteinander. Das ist ein Beispiel für diese Ausrichtung, die ich meine.

Johannes Volkmann absolvierte eine Holzbildhauerlehre auf der Holzfachschule, Oberammergau, und eine Weiterbildung auf dem Figurentheater Kolleg, Bochum. An der Akademie der Bildenden Künste, Nürnberg studierte er „Kunst und öffentlicher Raum“. Seit 2000 ist er freischaffend mit grenzüberschreitenden Arbeiten zwischen bildender und darstellender Kunst.

www.daspapiertheater.de