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In welcher Wirklichkeit wollen wir leben?

Eine Besprechung des Buches „Wagnis und Verzicht – Die ermutigende Botschaft des Dalai Lama“
von Michael von Brück und dem Dalai Lama

Sonja Lohr

Ein einladender Titel, angesichts der dringenden Fragen unserer Zeit kommt eine „ermutigende Botschaft“ genau richtig! Also einkuscheln auf dem Sofa und das Buch zur Hand.
Wagnis schmeckt nach Abenteuer, nach neuen, unbekannten Herausforderungen. Verzicht fühlt sich nach zurücknehmen und verabschieden an. Und weil der alte etymologische Duden eines meiner Lieblingsbücher ist, schaue ich zuerst bei beiden Worten nach:
Wagnis: etwas in die Waage setzen, dessen Ausgang ungewiss ist. Verzicht: Entsagung, einen Anspruch aufgeben; von zeihen: sagen, zeigen, kundtun.
Beim puren Erspüren der Begriffe tauche ich bereits in das Thema ein, denn es beschleicht mich die Idee, dass das größte Abenteuer mein Friede mit dem Verzicht sein könnte.
„Hat die Menschheit überhaupt noch eine Chance?“. Michael von Brück, Religionswissenschaftler, Yoga- und Zenlehrer und der Dalai Lama, geistliches Oberhaupt der Tibeter und Friedensnobelpreisträger, bewegen diese Frage in ihren persönlichen Erfahrungen und mit Blick auf Familie, Kultur, Bildung, Religion, Politik und Medien. Ihre Gespräche sind Inspiration und Einladung, einen Blick auf die eigenen Gewohnheiten, Bewertungen und Haltungen zu wagen und Mitgefühl und herzwärmenden Humor in einer „Ökologie des Alltages“ zu kultivieren.
Es ist spürbar, dass es sich hier um ein Gespräch unter Freunden handelt, die in einem weiten Blick auf die Themen unserer Zeit die Frage stellen: In welcher Wirklichkeit wollen wir leben?
Und was, letztlich kann diese Wirklichkeit sein vor dem Hintergrund einer Flut negativer Informationen und Nachrichten in den Medien, einer konsum-orientierten Gier, der zunehmenden Gefährdung der Demokratie und eines diese Erde gefährdenden Klimawandels? Michael von Brück und der Dalai Lama erinnern hier an die vernetzte Ganzheit und Bezogenheit des Ganzen und daran, dass die (buddhistische) Antwort in meinem Herzen wurzelt und alle Handlungen in meinen Haltungen und Bewertungen ihren Anfang nehmen.
Einen Schritt zurücktreten, Geduld pflegen und nicht alles tun, was möglich ist, denn es könnte anderen Lebewesen Schaden zufügen. Ist Altruismus, die uneigennützige Selbstlosigkeit im Handeln, die Antwort und das Gegengewicht zur Ungeduld und „materialistischen Realitätsverzerrung“ des Egoismus?
Wir gestalten die Welt, in der wir leben wollen – und so ist dieses Buch ein Plädoyer für das Alltagsvertrauen in den Menschen, in all seiner Widersprüchlichkeit und eine Einladung in die Entfaltung der eigenen Herzkraft.
„Verantwortung Heute“- unter diesem Kapitel am Ende des Buches fasst Michael von Brück zusammen, wie Erkennen und Bewusstheit Wirklichkeit gestalten und wirbt für eine globale Ethik in einem gemeinsamen, öffentlichen Diskurs, der Verschiedenheit in einer Haltung der Offenheit für kulturelle und geschichtliche Wurzeln anerkennt.
Für den Dalai Lama ist die Praxis des Mitgefühls unsere Verantwortung für die Welt. Immer wieder betont er die Wichtigkeit, die Bildung des Geistes mit einer Erziehung des Herzens zu verbinden, um in uns Menschen den Wandel zu bewirken, den wir im Außen so dringend brauchen.
Welche verantwortliche Wirklichkeit können wir gestalten, wenn wir Wagnis als Vertrauen in den Aufbruch zu not-wendenden neuen Ufern sehen und im Verzicht die Konzentration auf das Wesentliche erleben?
Das ist für mich die tiefste Inspiration dieses Buches: anzuerkennen, dass es ungewiss ist, ob und wie es gelingt, unsere menschliche Zukunft zu gestalten und gerade deswegen mit ganzem Herzen meinen Willen in die Waagschale zu legen und die vermeintlich kleinsten Wirkkreise unseres Alltags für die Antwort zu halten.

Sonja Lohr ist Diplom Sozialpädagogin und der „Fühle“ auf der Spur. Sie bietet „GefühlsBildung“-Projekte an Schulen und Räume der Berührbarkeit für Erwachsene an.
www.alchimiederliebe.com