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Wege zum Ozean

Eine Besprechung des Buches „Wir Vielen in dieser einen Welt“ von Oliver Griebel (Hrsg..)

Hellmut Bölling

Bei diesem Buch handelt es sich um eine aus drei Sprachen (engl., dt., frz.) zusammengetragene Sammlung von acht längeren Essays mit spirituell-philosophischem Charakter. Dabei werden in der Einleitung des Herausgebers vor allem die verschiedenen „ismen“ als Reduktionen von Weltsichten entlarvt, die allenfalls Teilaspekte der gesamten Wirklichkeit (Wahrheit?) beleuchten könnten. Es ist somit das ehrenwerte Ziel dieser Ansätze, zu einem Mehr an gedanklicher Einheit angesichts der Vielfalt von Religionen und Ideologien zu kommen: Dabei wurde als eine Metapher der Vergleich gewählt, dass die einzelnen Gedankenströme sich eines Tages wie Flüsse im Meer zusammenfinden mögen. Einige philosophische Richtungsschilder sollen zeigen, wie der Weg zum Ozean im Einzelnen verlaufen könnte. Im Hintergrund wird dabei oft betont, dass diese Fragen außerordentlich bedeutsam, quasi „überlebenswichtig“ seien und die Zeit dränge: Die Menschheit sei schließlich dabei, ihren schönen Planeten durch die zum Mainstream gehörenden, letztlich auf materialistischen Grundsätzen aufbauenden Konzepte zugrunde zu richten.
Konkret könne der in West-Europa weiter fortgeschrittene interreligiöse Dialog etwa zwischen Christentum und Buddhismus helfen – so Bruce Heron –, die in den USA verbreiteten evangelikalen Verwerfungen, die u. a. einen Präsidenten Trump ermöglicht haben, abzumildern oder gar zu korrigieren. Im theologischen Dauerstreit von Theismus und einem goetheanisch anmutenden Pantheismus wird von mehreren Autoren – besonders wieder Heron – im Panentheismus, der beide Sichtweisen zu verbinden versucht, eine Chance gesehen.
Bruce Alderman veranschaulicht diese auf Integration von Teilaspekten zielende Grundströmung mit einer Form eines spannenden, sozusagen „grammatischen“ Blicks auf die Philosophie, bei der er die verschiedenen Wortarten als „Linsen“ betrachtet, die jeweils nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit abbilden. (Jeder Wortart ordnet er zwei, drei typische Vertreter aus der Philosophiegeschichte und Gegenwart zu.) Und so wie Sprache aus ein paar Dutzend Wortarten erst eine differenzierte, gerundete Form der Kommunikation ermöglicht, wird nur durch das Zusammenführen der perspektivischen Blicke auf das Höchste das Ganze sicht- und vermittelbar.
Den Wissenschaftlern und dem dortigen Mainstream stellt der Herausgeber Oliver Griebel unter dem Motto „Säkular und aufgeklärt denken!“ die These gegenüber, dass allgemein zu wenig beachtet werde, dass der Mensch selbst zur Welt gehöre, an ihr Anteil hat. Das relativiere stark die oft zum Dogma erhobene „Objektivität“. Das wissenschaftlich übliche Modul-Denken, das Sachverhalte gerne in Schubläden packe, müsse durch ein systemisches Denken ersetzt werden. Der Mensch entwickle dann immer mehr eine durchlässige Identität, die wohl eine moderne psychologische Variante des alten panta rei- Gedankens sein dürfte.
Vor allem Thomas Steiniger und Elizabeth Debold heben in ihrem Essay hervor, dass jede Form statischen Denkens nicht weiter führe und lediglich weitere Dogmenbildungen die Folge seien. Vielmehr solle sich all dies in einem Prozess abspielen, bei dem eine gehobene Form des Dialogs eine entscheidende Rolle spielt, die emergent dialogue genannt wird: Die Autoren stellen dabei die These auf, dass damit ein Bewusstseinsraum erschlossen wird, in dem die Gruppenteilnehmer in eine Art Sog nach oben geraten können. Im weiteren Verlauf dieser sehr praktisch geschilderten Dynamik werde man immer weniger benennen wollen, was denn eigentlich „Gott“ (im Grundsatz hypothetisch verstanden als der alles vereinende Urgrund) sei. Es ginge viel mehr um einen sinnlichen Prozess, bei dem vor allem Offenheit und ein gewisses „Vergessen“ mitgebrachter Vorstellungen zu diesen Fragen hilfreich sein könne. So passiere oft eine gegenseitige Erhellung. Dann würde schließlich auf eine schwer zu beschreibende Weise etwas geschehen, das in gewisser Weise einen Zustand der Seligkeit berührt und auch als „wortlose“ Ant-Wort bezeichnet werden könnte. Philosophisch gesprochen wird dieses Ziel einmal so ausgedrückt: Wir sollten zu einem entspannten philosophischen Universalismus kommen. Tagespolitisch und bescheidener formuliert: Ein großer Schritt zu mehr Frieden zwischen den Religionen und Weltsichten weltweit könne auf diese Weise getan werden.
Das Buch ist gut lesbar und kann im Wesentlichen als populärwissenschaftlich im positiven Sinne gesehen werden. Lediglich zwei Artikel würden auch in eine wissenschaftliche Vorlesung zu einer theologisch gefärbten Philosophie passen. Für mich ist dieses Buch im Ganzen sehr lesenswert. Es dürfte zudem wegen seiner insgesamt theoretisch gut fundierten Praxisnähe all denen zu empfehlen sein, die allmählich von den oft verwirrenden interkulturellen wie theologisch-philosophischen Meinungs-Streitigkeiten genug haben. Mag es auch manchmal wie die Quadratur des Kreises erscheinen: Es werden vielfältige Anstöße vermittelt, erfolgreich nach glaub-würdigen Denk- und Erfahrungsbrücken zu mehr Einheit und Einigkeit im Denken der globalisierten Menschheit zu suchen.