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Charles Eisenstein: Wut – Mut – Liebe! Eine Buchbesprechung

Politischer Aktivismus und die echte Rebellion

Sonja Lohr

Charles Eisenstein wird als Sozialphilosoph und „gegenkultureller Intellektueller“ beschrieben. Für mich ist er ein breit denkender und weit fühlender Visionär, dessen Buch „Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich“ mich berührt und inspiriert hat – umso größer die Neugier auf dieses neue, schmale Buch, das im Titel bereits die Liebe als politische Antwort für möglich hält. Ein kleines Buch mit einer großen Botschaft und der ebenso poetischen wie dringlichen Aufforderung, uns zu besinnen auf das Wesentliche: die Liebe zu unserem lebendigen Planeten.

Wütend sind wir und wollen aufrütteln, aufmerksam machen für die Dringlichkeit, diese Erde noch zu retten. Mutig gehen die Schülerinnen und Schüler für ihre Zukunft auf die Straßen, formieren sich weltweit Aktionen und Bündnisse. Sind wir in all dem auch liebend? Ist Liebe die letzte, die wahre Rebellion? Und können wir es uns angesichts der drängenden Zeit in all der Zerstörung leisten, nach der Liebe zu fragen? „Keine Forderung ist zu groß“, schreibt Charles Eisenstein, „wenn wir uns weigern, den herrschenden, lebensfeindlichen Systemen zu gehorchen und aufbrechen zu einer Rebellion der Liebe.“
Und dennoch – oder gerade deshalb! – sollten wir uns bei allem gerechtfertigten Aktivismus fragen, ob wir nicht mit der Idee angestrebter Nachhaltigkeit eben diese Zivilisation, wie wir sie kennen, weiter und nachhaltig  bestehen lassen und damit die Möglichkeit verlieren, eine schönere Welt, die unser Herz weiß, zu gestalten.
Machtspiele, die auf Gegnerschaft und Kampf basieren, in denen Lager und Haltungen einander feindselig begegnen, werden zementiert, wenn wir politische Ansinnen stellen, die implizieren, dass einige die Macht haben, für alle zu entscheiden.
Wenn in einem dringlichen Appell eben auch eine indirekte Drohung im Sinne von „wenn nicht, dann…“ enthalten ist, spielen wir weiter das Spiel von Gut gegen Böse und geben dieser endlosen Spirale von Gewalt und Gegengewalt wieder Schwung.

Und so plädiert Charles Eisenstein leidenschaftlich und humorvoll dafür, aus dem Trennenden herauszutreten und in das Mitfühlende hinein, das beim Fremden, Andersdenkenden beginnt. Neue ökologische Prioritäten zu setzen, aus den geltenden Wirtschaftskreisläufen auszubrechen, Schulden zu erlassen und Kriege zu beenden braucht unseren ganzen Mut. Aus Wut Ehrfurcht erwachsen lassen und eine „Revolution der Liebe“ wagen: einander die Türen zu öffnen, unsere  Herzen und Haltungen zu weiten für offene Dialoge, für eine neue Zivilisation, für die Heilung dieses lebendigen, wunder-baren Planeten.  

In poetischen Worten beschreibt er die unglaubliche komplexe Vernetztheit der Erde, ihr lebendiges Sein als Ganzes und den tiefen Wunsch, wir Menschen mögen uns unserer Bestimmung erinnern und ihr dienen. Wem dieses Erfordernis zu abgehoben erscheint, der möge barfuß die Erde spüren und die eigenen Füße mitsprechen lassen.

Mögen aus unseren wütenden Protestrufen Liebeslieder werden, für das, was uns heilig ist.
Mögen wir den Mut haben, uns einzugestehen, dass es statt einfacher Lösungen im Alleingang eines gemeinsamen Friedens bedarf.
Mögen wir „teilhaben an der Heilung und am Träumen der Erde“ – als Liebende.

Sonja Lohr ist Diplom-Sozialpädagogin, leitet Projekte zur „GefühlsBildung“ an Schulen und eröffnet „SpürRäume im Zauber des Wir“ in Seminaren. www.alchimiederliebe.com