Das Heilige

Ein Plädoyer für ein veraltetes und doch immer neues Wort

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Das Heilige hatte in unserer Entwicklung als Menschheit eine wechselvolle Geschichte – aber ganz verlassen hat es uns nie. Ist das Heilige heute noch ein Wort, das wir benutzen sollten, das für uns einen Sinn ergibt? Gibt es Erfahrungen, für die nur dieses Wort angemessen erscheint? Und welche Relevanz kann diese Dimension des Heiligen in einer demokratischen, offenen Gesellschaft heute haben?

Thomas Steininger

Man nimmt es nicht leicht in den Mund. »Das Heilige« ist ein Wort aus einer anderen Zeit, vielleicht ist es wirklich ein veraltetes Wort. Vielleicht sollten wir es in den alten Zeiten ruhen lassen, als das Wort »heilig« in Menschen noch nicht das Unbehagen auslöste, mit dem ihm heute viele moderne und aufgeklärte Menschen begegnen.

Ich spreche immer wieder mit Freunden über die Vision einer neuen Bewusstseinskultur. In diesen Unterhaltungen geht es oft darum, wie eine neue Kultur der Achtsamkeit aussehen oder welchen Beitrag ein integrales Bewusstsein für unsere gesellschaftliche Entwicklung leisten kann. »Weisheit« ist ein Wort, das in diesen Gesprächen viel Zustimmung findet. Es ist auch völlig in Ordnung, über die fehlende Liebe zu sprechen, und wie wir sie neu in unsere nüchterne Zeit bringen können. Das Wort »heilig« hat bei den Beteiligten oft einen anderen Effekt. Das Wort irritiert. Sofort stehen Bilder von sich selbst kasteienden Mönchen oder der »heiligen Inquisition« im Raum. Auch die New-Age-Spiritualität hat dem Wort keinen guten Ruf gegeben. Sie gab ihm ein Flair heiliger Selbstbeweihräucherung und der kunstvollen Realitätsvermeidung. Brauchen wir dieses Wort wirklich oder sollen wir es nicht besser in der Vergangenheit ruhen lassen und andere Möglichkeiten finden, uns über unsere tiefsten menschlichen Werte neu zu verständigen?

Geschichte eines Wortes

Seit es uns Menschen gibt, war für uns auch diese Dimension des Heiligen lebendig. Es ist erstaunlich, dass die Funde der ersten menschlichen Kulturen immer mit Kulthandlungen, Kultfiguren und Kultplätzen verbunden sind. Es scheint so zu sein, dass die Geschichte des Menschen von Anfang an auch eine Geschichte des Heiligen war. Das Heilige hat sich zwar in den letzten 200.000 Jahren immer wieder radikal verändert, angefangen von Totem- und Tabu-Riten, den Geistern der Natur bis zu den Göttern, vom Großen Einen Gott über das unbekannte Mysterium bis vielleicht zu den heiligen Idealen der bürgerlichen Aufklärung – das Heilige hat uns über lange Zeit begleitet, aber in den letzten 200 Jahren verblasste es langsam.
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Es war die europäische Aufklärung, die es verblassen ließ. Die Aufklärung mit ihrem Aufruf zur kritischen Reflexion und ihrer Kritik an feudaler und kirchlicher Macht hatte mit dem Heiligen, wie es damals im christlichen Europa verstanden wurde, große Schwierigkeiten. Natürlich war es auch der Missbrauch des Heiligen durch die katholische Kirche – all das, was im Namen des Heiligen geschehen ist –, was dieses Unbehagen der Aufklärer mit verursachte. Aber das war nicht alles. Es war auch das Wort selbst und wofür es steht. »Heilig« ist ein sehr kraftvolles Wort. Wenn man sich darauf einlässt, kann es einen auch überwältigen. Es kann einen in seinen Bann ziehen. Wir kennen die »heiligen Krieger« der Islamisten, und wir Europäer hatten vor allem mit den Kreuzzügen und dem Dreißigjährigen Krieg auch unsere heiligen Kriege. Und auch heute zeigt der Machtmissbrauch in autoritären religiösen Zusammenhängen durchaus, dass »das Heilige« eine unheilvolle Macht entfalten kann.

Etwas als heilig zu betrachten, führt schnell dazu, dass wir die »kritische Distanz« verlieren. Deshalb kann ich verstehen, dass die europäischen Aufklärer diesem Wort gegenüber eine große Skepsis entwickelt haben. Unsere selbstverantwortliche Kritikfähigkeit lebt auch von der kritischen Distanz, von unserem kühlen Verstand.

Und unsere postmoderne, pluralistische Kultur? Auch sie tut sich schwer mit diesem Wort. Ein hoher Wert der Postmoderne ist es, andere Perspektiven gelten zu lassen. Dieses »Leben und leben lassen« ist eine der Grundlagen unserer toleranten Gesellschaft. Da hilft es, dass die Postmoderne das Leben oft nicht zu ernst nimmt, denn tiefer Ernst und große Toleranz sind eine schwierige Kombination. Heiliger Ernst neigt da schon öfter zum heiligen Zorn. Auch die ästhetische Schwierigkeit, die viele von uns z. B. mit der Musik Richard Wagners haben, hängt auch mit dem Pathos des Heiligen zusammen, den seine Musik zelebriert.
Die wagnersche Inbrunst, wenn seine germanischen Tenöre ihre Arien schmettern, erweckt in denjenigen von uns, die keine »ergriffenen Wagnerianer« sind, durchaus gemischte Gefühle – auch ganz ohne Hitler. Wenn Wagner und die Folgen für das »Heilige« stehen, ist dann vielleicht wirklich die Ironie unsere Erlösung? Das scheint oft die Antwort in unserer Zeit zu sein. Friedrich Nietzsche hat einmal das Heilige als dasjenige definiert, über das es nicht erlaubt ist, zu lachen. Heute sind wir aufgerufen, über alles lachen zu können. Die Ironie hat uns vom Pathos erlöst. Der Preis dafür ist natürlich, dass nichts mehr wirklich heilig sein darf. Ironie kennt keine Grenzen. Nietzsche nannte das einmal Nihilismus.

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Lesen Sie den kompletten Text in der evolve Ausgabe 18 / 2018


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