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DER GLOBALE KOLLAPS ALS UNSER LEHRER – Auf dem Weg zu einem Homo interbeing

NILS-UDO – ROOT SCULPTURE, Mexiko 1995, Pigment Print 150 x 150 cm

Beim Blick auf den Kilmawandel reflektieren wir oftmals nicht, aus welcher Perspektive, welchen Annahmen über die Wirklichkeit wir eigentlich schauen. Aber wenn wir die historischen Hintergründe und die Wirkung auf unser Bewusstsein verstehen, öffnet sich unser Horizont für neue menschliche Möglichkeiten, die tiefer reichen als nur simple Problemlösungen. 

Thomas Steininger

Vor ein paar Monaten sprach ich auf Radio evolve mit dem Komplexitätsforscher Joe Brewer über den globalen Kollaps. Zwei Bemerkungen, die er machte, haben mich seither nicht mehr losgelassen. Sie beschäftigen mich in manchen persönlichen Augenblicken, manchmal auch nachts. Einerseits meinte Joe Brewer, dass es völlig falsch ist, zu fragen, ob der Kollaps kommen wird. Er ist bereits hier. Wir leben mittendrin! Es gibt nicht den einen besonderen Tag, an dem alles zusammenbrechen wird. Auch die römische, antike Welt, so betonte er, sei nicht an einem einzigen Tag untergegangen. Ihr Zerfall dauerte 300 Jahre und die meisten Menschen, die damals lebten, waren sich dessen nicht bewusst, dass sie Zeitzeugen des Endes einer Zivilisation waren. Joe Brewer erwähnte noch etwas, das mich seither nicht in Ruhe lässt. Er meinte, die wichtigste Fähigkeit, mit der wir dem globalen Kollaps begegnen können, sei unsere Fähigkeit zu trauern. Solange wir nicht in der Lage sind, die vielen Lebensformen zu betrauern, die wir seit langer Zeit Tag für Tag verlieren, haben wir nicht wirklich erkannt, in welcher Realität wir leben. Vielleicht haben wir es intellektuell verstanden, aber erst in der gelebten Trauer ergreift es uns als Menschen. Nur wenn wir wirklich wahrnehmen, was gerade geschieht, kann die Intelligenz und die Liebe für das Leben, die unserer Spezies innewohnt, auch zum Tragen kommen. 

Offensichtlich fällt es uns schwer, uns dem globalen Kollaps zu stellen. Dafür gibt es viele Gründe. Für die meisten von uns sind die Folgen einer Erwärmung von drei bis vier Grad schwer zu erfassen. Ich weiß nicht, was sie tatsächlich für unseren Planeten bedeuten. Aber wir sehen bereits, dass die Wettergeschehnisse weiter außer Kontrolle geraten. Die sozialen Verwerfungen, die uns die Klimakrise bringt, sind oft nicht einmal in der öffentlichen Diskussion. Die Flüchtlingskrisen der vergangenen Jahre sind ja auch eine Folge der Wüstenbildung. Für diejenigen von uns, die das Glück haben, im Zentrum Europas zu wohnen, scheinen die wahren Gefahren anderswo zu liegen: in Australien, Sibirien, dem Amazonas, Nordafrika, Florida oder Texas. Aber das ist eine bequeme Illusion, geboren aus unserer Gewohnheit der Trennung und Abgrenzung. 

Der vielleicht gravierendste Grund, warum wir uns mit dem globalen Kollaps so schwertun, ist, dass er uns mit dem Tod konfrontiert. Der ökologische Tod, das mögliche Ende einer Zivilisation, selbst wenn es nur eine Drohung ist, entfaltet seine eigene existenzielle Kraft. Wir Menschen haben schon immer im Angesicht des Todes gelebt. In gewisser Weise bedeutet unser menschliches Selbstbewusstsein, dass wir uns unserer eigenen Sterblichkeit bewusst sind. Aber der vermeintliche Triumph der Moderne war die Entwicklung einer Kultur der technischen, nicht zuletzt der medizinischen Machbarkeit, durch die wir glaubten, den Tod ein Stück weit vergessen zu können. Nun kehrt der Tod als Folge eben dieser technischen Kultur in großem Maßstab zurück. Können wir uns ihm stellen? Wie viel können wir ertragen, ohne dass der zivilisatorische Lack unserer Gesellschaft abblättert und unsere barbarischen Wurzeln offenbart? Die Demokratie ist bereits zerbrechlich geworden. Die Todesdrohung des globalen Zusammenbruchs ist ein Lehrer, der uns mit den wesentlichen Fragen des Lebens konfrontiert. Haben wir den Mut und die Tiefe, von einer solchen Lehrerin zu lernen? 

Lesen Sie den kompletten Text in der evolve Ausgabe 25 / 2020