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DER MUT ZU TRÄUMEN - Commons, Blockchain, Peer-to-Peer-Beziehungen und die Vision einer neuen Netzwerkkultur

Margaret und Christine Wertheim und das Institute For Figuring, Baden-Baden, Satellite Reef (Detail), Museum Frieder Burda. Foto: Nikolay Kazakov

 

Visionäre haben immer auch von einer neuen menschlichen Gesellschaft geträumt. So ist auch die Technik entstanden. Wie können wir heute in Zeiten digitaler Vereinnahmung die Welt neu träumen? Und dazu vielleicht sogar die Technologie als Verbündete erkennen?

Thomas Steininger

Schon immer formten die Landschaften und Umgebungen, in denen wir leben, unser Bewusstsein. Ihre Fruchtbarkeit oder Kargheit prägten den Charakter unserer Vorfahren. Selbst die Präsenz des Lichts lernten die Lebewesen unserer Erde aus ihrem täglichen Erleben der Sonne, die täglich über dem Horizont aufging und hinter dem Horizont verschwand. Während gegenwärtig neue digitale Landschaften unser Leben umwälzen, lohnt es sich vielleicht, darüber nachzudenken, wie sehr die Landschaften, in denen wir leben, uns heute prägen

Landschaften, das ist nicht nur Natur. Das sind auch unsere Kulturlandschaften, die unseren Geist formen. Unsere gemeinsamen Gepflogenheiten und Traditionen, die sich der Landschaft einprägten, mit heiligen Stätten, Schreinen, später Tempeln und Kirchen. Die Städte, in denen wir ab einem bestimmten Punkt der Geschichte hauptsächlich lebten, schufen eine neue Umgebung. Die jeweiligen Rituale unserer Gesellschaft sind Teil unserer geistigen Landschaft. Das Powwow – die Stammesversammlung der amerikanischen Ureinwohner –, die griechische Polis, die Konzilversammlung der katholischen Bischöfe, aber auch die Hofrituale des französischen Königs Ludwig XIV. und die Zusammenkunft des deutschen Bundestags machen uns zu Stammesgenossen, Gläubigen, Untertanen oder Bürgern einer Demokratie. Formen sprechen. Rituale schaffen Wirklichkeit. Landschaft prägt. 

Technische Landschaften

Wir leben heute auch in technischen Landschaften, die unseren Geist formen. Seit 30 Jahren öffnet sich rund um uns eine neue Landschaft, eine Landschaft, wie wir sie noch nie gesehen haben – die digitale Welt. Ihre Anfänge hatte sie in den 90er-Jahren. Damals war sie ein chaotischer Ort, geprägt von seltsamen Computercodes und eigentümlichen Computer-Nerds. Menschen mit einer Allergie gegen Programmiersprachen versuchten sie zu meiden. Aber in dieser neuen Welt lag auch das Versprechen, Menschen in aller Welt zu verbinden. Diese seltsame neue Sphäre zog damals viele Träumer und Visionäre an, die hier, wie in früheren Zeiten mit der Schrift oder dem Buchdruck, die Möglichkeit sahen, eine neue Welt der Verständigung zu erschaffen.

Mit dem Beginn von Google und Facebook wurde diese Pionierphase des Internets rasend schnell abgelöst. Die Computersprachen verschwanden hinter konsumentenfreundlichen Oberflächen. In einer Art Goldgräberstimmung erkannten einige Unternehmer, dass man dieses Internet in eine riesige Geldmaschine verwandeln kann. Vielleicht war Amazon im Kopf seines Gründers Jeff Bezos schon immer diese alles beherrschende Markt- und Logistikmaschine, die immer mehr Warenströme und Produkte durch ihre Kanäle fließen lässt, um damit Geld zu verdienen. Aber am Anfang war Amazon eine kleine Plattform für Bücherfreunde. Facebook war zunächst mehr darauf ausgerichtet, dass Studenten an der Harvard Universität Partys organisieren und studentische Beziehungen pflegen konnten. Daraus ist heute eine weltumspannende Aufmerksamkeits- und Erregungsmaschine geworden, die unser gesellschaftliches Gefüge auf den Kopf stellt und tief in die persönliche und kollektive Psychologie der ganzen Menschheit eingreift. Wer hätte gedacht, dass diese digitalen Landschaften uns so schnell und tief ergreifen würden, sodass sie sogar unser Gehirn neu verschalten. Sind wir auf Dauer den Algorithmen der marktbestimmenden Internetgiganten und ihrer künstlichen Intelligenz ausgeliefert? Ist die digitale Welt zu der alles bestimmenden Bewusstseinslandschaft geworden?

In der menschlichen Geschichte lösten die Kräfte oft auch entsprechende Gegenkräfte aus. Vor allem die Macht der Fremdbestimmung hat immer zum Aufbegehren der Selbstbestimmung geführt. Auch heute gibt es neue Visionäre, die davon sprechen, dass wir bereits im Übergang zu einem neuen Internet, einem Web3 sind. Diese neue Form des Internets ist geprägt durch die gerade entstehende Krypto- oder Blockchain-Technologie, die es uns erlaubt, im World Wide Web der großen Internetgiganten unabhängige, eigenständige Räume und Netzwerke zu gründen. Auch dieses neue Web3 ist wieder einmal chaotisch, voller Verheißungen und Gefahren. So sind Kryptowährungen wie Bitcoin auch ein Geldwäscheplatz für die weltweite Mafia geworden. Aber die neuen Möglichkeiten der Blockchain haben wiederum Träumer und Visionäre auf den Plan gerufen, die hier die Möglichkeit sehen, die Landschaften der digitalen Welt nachhaltig zu verändern. Auf einmal ist es wieder möglich, neue Visionen von unserem Umgang mit der Technik zu entwickeln – WENN wir den Mut haben, davon zu träumen.

Lesen Sie den kompletten Text in der evolve Ausgabe 34 / 2022