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DIE MAGIE DES MARKTES – und wie wir uns aus ihrem Bann befreien

»Armada« 5 shopping trolleys. ©Susan Stockwell 2020. ©Photo Jonathan Turner. Warrington

Der Markt hat heute die Rolle übernommen, die früher einem Gott zugesprochen wurde. Was bedeutet diese Allmacht und wie können wir sie durchschauen? Und liegt im Kern dieser Allmacht eine Art Bilderverbot? Wie können wir uns daraus befreien und gemeinsam neu über unsere Gesellschaft und Wirtschaft nachdenken und ins Gespräch kommen?

 Thomas Steininger

Was ist eigentlich Liebe? Und was hat Liebe mit dem Markt zu tun? Im Deutschen gibt es den Ausdruck »käufliche Liebe« und wir meinen damit die Prostitution. Der französische Sozialphilosoph André Gorz hat in seinem Buch »Die Kritik der ökonomischen Vernunft« über die Käuflichkeit in unserem Leben nachgedacht. In unserer Gesellschaft, so Gorz, gibt es den Impuls, alle Beziehungen zu Kaufbeziehungen zu verwandeln. Neben der Prostitution lenkt er sein Augenmerk auch auf die Pflegeberufe. Denn auch dort wird sehr schnell klar, dass es etwas gibt, das man nicht kaufen kann: menschliche Fürsorge. Wir können professionelle Fürsorge käuflich erwerben, menschliche Fürsorge bleibt genauso wie wirkliche Liebe immer ein Geschenk.

Der Markt ist tief in unsere Seele eingedrungen. Es ist alltäglich geworden, dass wir uns selbst vermarkten. Facebook, Instagram und Tik Tok sind Vermarktungsmaschinen einer Click- und Thumbs-up-Ökonomie. Aber auch traditionelle Einrichtungen wie das deutsche Bildungswesen erlebten in den letzten Jahren eine Revolution. Der Bologna-Prozess hat die Universitäten marktkonformen Effizienzkriterien unterworfen, man erkennt die alten Bildungseinrichtungen nicht wieder. Dabei sind wir noch weit entfernt von den Entwicklungen im angelsächsischen Raum, wo die besten Universitäten heute de facto als Aktiengesellschaften geführt werden. 

Alles ist Markt oder wird Markt. Der Soziologe Ulrich Bröckmann beschreibt das so: »Die Allgegenwart des Marktes lässt nur die Alternative, sich entweder rücksichtslos dem Wettbewerb zu stellen oder als Ladenhüter zu verstauben. Des Marktes Wille geschehe.« Diese theologische Formulierung ist nicht unpassend. Wir schreiben dem Markt heute Eigenschaften zu, die wir früher Gott vorbehalten haben. Der Markt ist allwissend. Er ist allmächtig. Der Mythos des Marktes in unserer Gesellschaft hat manche Ähnlichkeiten mit dem Gottesglauben früherer Kulturen. Als Institution gibt es ihn schon lange in unserer Geschichte. Er hatte nur nie diese Bedeutung.

Eine kleine Geschichte des Marktes

So machten die klassischen Griechen als Seefahrernation das Mittelmeer mit ihrem Seehandel zu einem großen, griechischen Kulturgebiet. Auch als die Römer von ihnen die Vorherrschaft übernahmen, war das »mare nostra« vor allem ein großer Handelsraum. Nach den Römern kamen die Araber. Sie starteten sozusagen den Welthandel und brachten die muslimische Kultur über ihre Handelsrouten bis nach Indonesien. 

Doch weder die Griechen noch die Römer oder Araber definierten sich und ihre Kultur über den Markt. Das große identitätsstiftende Zentrum der Araber war das Wort Gottes, das im Koran niedergeschrieben war. Es war die Umma, die weltweite Gemeinschaft der Gottesfürchtigen. Und als Gläubige waren sie durchaus bereit, die Kräfte des Marktes radikal einzuschränken. Bis heute gilt im Islam das Zinsverbot. 

Auch die katholischen Spanier und Portugiesen entfesselten einen neuen Weltmarkt, als sie nach Amerika übersetzten, um die Handelswege nach Indien zu öffnen. Aber auch für sie war der freie Markt nicht das Zentrum ihrer Welt. Auch wenn es in vielem um Gold ging, waren sie doch von ihrem »apostolischen Auftrag« für eine christliche Herrschaft und von ihrer Mission geprägt, die heidnischen Länder zu christianisieren. Das war auch ein Grund, warum die Spanier und Portugiesen letztlich von den Holländern und von den Engländern ausgebootet wurden. Deren Glaube war flexibler. Ihr Glaube – bei den Holländern war es der Calvinismus –, entdeckte den Markt als christliche Tugend. Der deutsche Soziologe Max Weber sprach davon, dass der Kapitalismus aus dem Geist des Calvinismus geboren wurde. Der Markt begann damals stark zu werden, aber noch war er nicht Gott.

Die Rechtfertigung der Briten für ihre indischen Kolonien war auch nicht mehr die christliche Taufe der Hindus. Ihre »Mission« war es, die »Errungenschaften« der europäischen Zivilisation zu verbreiten. Sie brachten den Fortschritt in Form des britischen Rechts und der europäischen Wissenschaft. Für über zwei Jahrhunderte wurden Fortschritt, Freiheit und Wissenschaft zur Identität der Europäer. Erst als die Postmoderne in den 60er- und 70er-Jahren diese Werte immer mehr in Frage stellte und die neue französische Philosophie das Projekt der Moderne für gescheitert erklärte, wurden diese Werte vom Thron gestoßen. Das Einzige, was uns in den neuen Zeiten der Multiperspektivität und des Relativismus blieb, war der Markt. Es ist vielleicht eine Ironie der Geschichte, dass die Philosophen der Postmoderne, die sich selbst oft als antikapitalistisch verstanden, mit ihrer Dekonstruktion von Wissenschaft und Fortschritt dem Markt zur alleinigen Ideologischen Herrschaft verhalfen.

Mit der Postmoderne begann eine neue Erzählung. Es ging nicht mehr um das Christentum, auch nicht mehr um Fortschritt und Wissenschaft. Verstärkt durch die neuen Medientechnologien, die in Wahrheit oft an ihrem Sensationswert gemessen werden, begann das postfaktische Zeitalter. Der Markt selbst wurde zur letzten Ideologie.

Lesen Sie den kompletten Text in der evolve Ausgabe 32 / 2021