Editorial 03 / 2014

Die Arbeit an evolve steckt voller Überraschungen. Mit jeder Ausgabe versuchen wir immer wieder aufs Neue, wie ein kultureller Seismograph herauszufinden, welche Fragen der Bewusstseins- und Kulturent- wicklung gesellschaftlich besonders relevant sind und die Menschen bewegen. Und oft beginnen die Themen, die sich in den Redaktionskonferenzen zeigen, eine Art Eigenleben zu entwickeln. Dieses Mal war es auf jeden Fall so. In unseren Gesprächen stießen wir auf zwei Trends, die wir besonders auffallend finden: das Interesse an Meditation, das nun bis in den Mainstream reicht, so dass Achtsamkeitsübungen auch bei Managern schon fast zum guten Ton gehören. Die Frage, inwiefern hier wirklich eine Möglichkeit eröffnet wird, um die Erfahrung unserer Innerlichkeit mehr kulturellen Raum zu geben, oder ob meditative Übungen einfach nur Teil des Lifestyles werden, hat uns dabei bewegt. Gleichzeitig zeigt sich zunehmend, dass unser Verhältnis zur Technik dabei ist, zu einer zentralen Zukunftsfrage zu werden. In aktuellen Kino- filmen wie „Her“ oder „Transcendence“ und in vielen populären und wissenschaftlichen Veröffentlichungen wird gefragt oder davor gewarnt, wie sehr die Technik unser Menschsein verändern wird. Die Vorkämpfer dieser Entwicklung, allen voran die Transhumanisten, sehen uns auf dem Weg in eine Zeit des Über- flusses, wo wir selbst die existenziellen Grenzen des Menschseins wie Alter, Krankheit und Tod, besiegen werden. Doch es gibt auch zögerliche und kritische Stimmen.

Während der Vorbereitung dieser Ausgabe, mit jedem Interview, das wir führten, und mit jedem Artikel, an dem wir arbeiteten, trat die Vielschichtigkeit dieser Themen immer mehr zutage. Sie zeigt sich auch darin, dass sowohl die Erforschung unserer Innerlichkeit als auch die Visionen technologisch optimierter Zukunftsentwürfe, einschließlich künstlicher Intelligenz, uns vor existenzielle Fragen stellen: Was bedeutet es eigentlich, Mensch zu sein? Und wie wollen wir als Menschen (und vielleicht zusammen mit anderen Intelligenzen, die wir erschaffen werden) leben?

Wir haben in diesem Heft nun ein breites Spektrum von wachen Beobachtern unserer Kultur zusammen- gebracht, die diesen Fragen nachgehen. Es ist schwer, einzelne Beiträge herauszuheben, aber zwei Interviews stehen vielleicht exemplarisch für die Pole, zwischen denen wir uns in diesem Heft bewegen.

Es ist uns eine große Freude, dass wir mit Bruder David Steindl-Rast sprechen durften, einem der bekanntesten spirituellen Lehrer der Gegenwart. Seine tiefe Menschlichkeit und Weisheit, die in seinem Verständnis von Dankbarkeit als ein Zugang zum tiefsten Geheimnis des Lebens zum Ausdruck kommt, zeigt den Reichtum eines authentischen kontemplativen Weges. Auch der aus China stammende Ökonom und Philosoph Ted Chu weiß um die Bedeutung spiritueller Entwicklung. Gleichzeitig sieht er unseren nächsten Evolutionsschritt in der Verbindung mit der Technik, in uns selbst und mit den Wesen, die wir erschaffen werden. Wie er dabei in einer besonderen Formulierung der transhumanistischen Vision versucht, die Entwicklung von Bewusstseins und Technik zusammenzubringen, hat uns sehr zum Nachdenken angeregt.

Wir hoffen, dass auch Sie in dieser Ausgabe viele Impulse finden werden, um die kulturellen Veränder- ungen, von denen wir alle ein Teil sind, besser zu verstehen. Gerade angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich die Technik entwickelt, und der Dringlichkeit, mit der wir vor Weichenstellungen für unsere gemeinsame Zukunft gestellt sind, scheint es wichtig, dass immer mehr von uns zu bewussten Kultur- gestaltern werden. Wach für die großen Veränderungen, in denen wir stehen, können wir uns darauf besinnen, dass eine neue Kultur immer in unserem eigenen Sein und Handeln beginnt.

Wir wünschen Ihnen einen wunderbaren Sommer und besinnliche wie anregende Leseerlebnisse.

Herzlichst
Mike Kauschke


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