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Editorial 05 / 2015

Eine Ausgabe zum Thema Körper – das ist gar nicht so einfach: So viel wurde und wird über ihn geschrieben, viele Psychologien, Philosophien und auch Wirtschaftszweige kümmern sich um ihn. Die einen sehen ihn als Mittel zum Erreichen ihrer Ziele, die anderen verehren ihn als wahren Kern unseres Menschseins. Die einen wollen den Körper durch Training, Ernährung und notfalls auch durch das Skalpell in die richtige Form bringen. Andere wollen ihren Körper besser spüren und üben Yoga oder Qi Gong. Es gibt sehr viele Dinge, die wir mit dem Körper tun können. Aber wann sind wir wirklich in unserem Körper? Der Psychologe und Zen-Meister Karlfried Graf Dürckheim hat diesen Unterschied einmal so zusammengefasst: „Der Körper, den ich habe, und der Leib, der ich bin.“

Dieser Kontrast, den wir in unserem Covertitel aufgegriffen haben, wurde zu einem Leitstern für unsere Arbeit an dieser Ausgabe: Was bedeutet es, Leib zu sein? Mit dieser Frage beschäftigen sich in der einen oder anderen Form alle Beiträge unseres Schwerpunkts. Gleichzeitig sind wir auch gestalterisch einen anderen Weg gegangen, um Inhalt und Form zu einer neuen Einheit zu bringen. Unsere Art Direktorin Renata Keller arbeitete dafür mit der Illustratorin Franca Bortot zusammen, deren anatomische Studien unseren Leib in seiner Schönheit, Kraft und Transparenz zeigen.

Wie zeigen sich nun diese Schönheit, Kraft und Transparenz als gelebte Erfahrung? In dieser Ausgabe haben wir mit Menschen gesprochen, denen ein tieferes Verständnis unseres Verkörpertseins ein Herzensanliegen ist. Gernot Böhme wurde mit wichtigen Beiträgen zur Leibphilosophie bekannt, im Interview erklärt er, wie tief unser instrumentelles Verhältnis zum Körper eigentlich reicht. Seiner Ansicht nach brauchen wir ein neues Spüren, ein Innehalten, um das Leben in uns und um uns wieder wach wahrzunehmen und nicht ständig im „Machen“ gefangen zu sein. In diesen Momenten tiefen Innehaltens erleben wir im eigenen Leib die ursprüngliche Ungetrenntheit von Welt und Mensch, Körper und Geist. Wie eng Körper und Geist zusammenwirken, beschreibt der Psychiater Thomas Fuchs. Er kritisiert eine auf das Gehirn reduzierte Sicht des Menschen, wie sie heute in der Neurowissenschaft vorkommt. Für ihn existieren wir nicht nur im Kopf, sondern als ganzer Leib in einer sozialen und ökologischen Umwelt, die wiederum auch unsere geistigen Prozesse beeinflusst.

Dieses umfassendere Erleben des Körpers ist für Sebastian und Fedelma Gronbach ein sehr praktisches Anliegen. In unserem Gespräch über Yoga, Kampfkunst, Bergwandern, Anthroposophie und Christentum zeigt sich beispielhaft, wie Spiritualität zu einer „innerkörperlichen“ Erfahrung werden kann. Tief verwurzelt in einer spirituellen Tiefe des Daseins ist die Meisterin des tibetischen Buddhismus Jetsunma Tenzin Palmo. Sie beschreibt eindrucksvoll unseren menschlichen Körper-Geist als den „Ort“ des Erwachens zur ursprünglichen Freiheit unseres Gewahrseins. Aber sie erklärt auch, wie stark die Wirkung von Vorurteilen in Verbindung mit dem Körper sein kann: Über Jahrtausende wurde den Frauen im Buddhismus gesagt, dass das Beste, auf das sie hoffen können, eine Wiedergeburt in einem männlichen Körper sei. Selbst die erleuchteten Meister konnten über diese kulturelle Idee nicht hinaussehen. Wie stark der Körper unter dem Einfluss kulturellen Wertvorstellungen und Konditionierungen steht und wie wir uns daraus befreien können, untersuchen wir im Gespräch mit der Politologin Regula Stämpfli und einem Beitrag von Elizabeth Debold.

Für uns in der Redaktion waren die Interviews dieser Ausgabe jedes Mal eine große Bereicherung und es zeigte sich, wie unerschöpflich das Thema Körper ist. Einige Themen haben wir dann absichtlich etwas in den Hintergrund gerückt – Körper und Sexualität, Körper und Tod, Körper und Gesundheit, um nur einige zu nennen –, wobei all diese Themen in einzelnen Beiträgen immer wieder anklingen. So hoffen wir, ist eine vielstimmige Symphonie des Leiblichen entstanden, die Impulse zu einem tieferen Ankommen im „Leib, der wir sind“ geben kann.

Herzlichst
Mike Kauschke