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Editorial 11/2016

Lebendigkeit ist das Vertrauteste und wird wohl immer zugleich das Geheimnisvollste bleiben. In unseren redaktionellen Dialogen zu dem Thema merkten wir sehr schnell, wie leicht man dabei im Offensichtlichen stehen bleiben kann, denn wir alle gehen doch davon aus, zu wissen, was Lebendigsein ist. Oder wie leicht man auch in romantische Klischees verfällt. Oder aber nur über Lebendigkeit redet und sich in Konzepten und Bildern davon verfängt. So war auch unsere Arbeit an diesem Thema ein Prozess, in dem es immer wieder entscheidend war, die Lebendigkeit in uns, im eigenen Fühlen und Denken, wachzu- halten, und im Dialog freizulegen. Und dann, in diesen besonderen Momenten, die wir sicher alle kennen, zeigte sich Lebendigkeit unmittelbar, frisch, direkt, neu – und führte uns in ein tieferes Verstehen unserer individuellen und kulturellen Potenziale, die in einer tieferen Wertschätzung des Lebendigen liegen.

Jemand, der diese Potenziale wie kaum ein anderer vertieft hat und mit dem wir unbedingt für diese Ausgabe sprechen wollten, ist der Philosoph und Biologe Andreas Weber. Er spricht von »Verlebendigen« – »Enlivenment« – und von einer Kultur des Spürens, denn es ist unser Spüren und unsere Verletzlichkeit, so Andreas Weber, die uns mit der Lebendigkeit der Natur verbinden. Er erklärt, wenn wir das Leben nicht mehr spüren – in uns und um uns – dann wissen wir auch nicht mehr, was gut für das Leben ist, was es erweitern, erneuern, intensivieren, inspirieren kann. Wenn wir diesen Zusammenhang verstehen, so seine Hoffnung, werden wir ganz anders mit dem Leben, das uns anvertraut ist, umgehen und mehr von der Poesie des Lebendigen als uns selbst zum Ausdruck bringen.

Der nigerianische Psychologe und Aktivist Bayo Akomolafe hat uns schon in den Vorgesprächen beeindruckt, aber auch verunsichert. Sein poetisch-provokantes Essay über den Tod des Gorillas Harambe im Zoo von Cincinnati lässt wohl niemanden unberührt. Harambe wurde erschossen, nachdem ein kleiner Junge in das Areal des Gorillas gefallen war. Bayo Akomolafe schreibt über diesen Zwischenfall als eine Begegnung mit unseren Monstern, unseren Klischees und Fantasien vom Monströsen und den Grenzen, die wir gegen dieses Unbekannte setzen, die auch Grenzen gegen das Wilde sind. Der Integration des Wilden folgt auch die Kulturanthropologin Christina Kessler, die lange bei indigenen Völkern gelebt hat. Für sie müssen wir ein wildes Denken wertschätzen lernen, das ein verbindendes Denken ist, welches jeden Moment in die Ordnung des Kosmos eingebettet sieht.

Die Wiederentdeckung des Lebendigen, die eine Neuentdeckung sein wird, ist zugleich eine Verbindung mit dem Ursprünglichsten unseres Menschseins und ein Ruf in die Zukunft. Als Menschen sind wir Natur – diese Urbeziehung verkörpert zu erfahren, ist der Grundpuls des Lebens, zu dem wir wieder empfindend finden können. Und für uns als bewusste Wesen ist Lebendigkeit auch eine geistige Qualität. Shelley Sacks und Wolfgang Zumdick zeigen in ihrem Beitrag, wie die Arbeit mit Sozialer Plastik solche seelisch-geistigen Lebendigkeitspotenziale freisetzen kann. Für sie ist das Gegenteil von Leben nicht der Tod, er ist Teil aller Lebensprozesse, sondern die Unterdrückung des Lebendigen – in uns und unseren sozialen Zusammenhängen. Solch eine Unterdrückung zeigt sich auch in der Austrocknung unseres eigenen schöpferischen Potenzials. Lebendigkeit ist heute in vielerlei Hinsicht zu einer Ware geworden, die uns verkauft wird, mit dem Versprechen, uns dem Leben wieder näherzubringen. In ihrem Beitrag zeigt Elizabeth Debold, wie uns solch ein äußeres Versprechen auf mehr Leben dem zutiefst Schöpferischen in uns entfremdet: die Emergenz des Neuen, noch nicht Dagewesenen – so wie das Leben selbst, als es in der Evolution entstand und nun durch uns aufwacht.

Aus dieser kosmischen Perspektive ist es nicht mehr unsere Lebendigkeit, die wir spüren, sondern der Lebensstrom des Kosmos, der sich durch uns fühlt und erfüllt. Dieser Impuls kann auch verstanden werden als die Grunddynamik unserer spirituellen Sehnsucht nach schöpferischer Einheit mit dem Ganzen. Wie diese Vergegenwärtigung des größeren Lebens unsere Spiritualität verändert, beschreibt Joachim Galuska anhand seiner eigenen Wandlung von einem Weg des Bewusstseins zu einem Weg des Lebens. Die diesjährige Heiligenfeld-Konferenz zum Thema „Spiritualität im Leben“, die Joachim Galuska leitete, hat uns wertvolle Impulse für diese Ausgabe gegeben.

Die vielen Farben des Lebens wollten wir auch in der Gestaltung dieser Ausgabe zum Ausdruck bringen und haben in dem Künstler Gam Klutier eine sprudelnde Quelle dynamischer Formgebung gefunden. Mit seiner Kunst arbeitet er an der Schwelle zwischen energetischer Intensität und fließender Gestalt, wo das Unsichtbare sichtbar wird und uns die Schöpferkraft wahrnehmen lässt, die alles erfüllt.

In Natur, Seele, Geist – Lebendigkeit ist der Impuls, der alles bewegt, der uns bewegt. Bei der Arbeit an dieser Ausgabe haben wir gespürt, wie eine neue Wertschätzung des Lebendigen vielleicht mehr Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit bereithält, als es solch ein »weiches« Thema zunächst vermuten lässt. Wir hoffen, dass wir Ihnen dieses Gespür nahebringen können und wünschen Ihnen einen lebendigen Sommer.

Herzlichst
Mike Kauschke