Editorial 20/2018

Wenn wir einmal innehalten und uns die kulturelle Entwicklung der vergangenen 20 Jahre anschauen, bemerken wir, wie radikal sich unsere Medienwelt und in der Folge unsere Lebenswelt verändert hat. Genau genommen ist ein Merkmal dieser Transformation, dass der Einfluss der neuen Medien mit Internet, sozialen Netzwerken und virtueller Realität auf unser persönliches, soziales und politisches Leben ein nie geahntes Ausmaß angenommen hat. Was bedeuten diese Entwicklungen, wenn wir, bildlich gesprochen, noch einen Schritt weiter zu rückgehen und uns vergegenwärtigen, aus welchem Bewusstsein das Internet entstanden ist, welche Möglichkeiten und Gefahren ihm innewohnen und welche Rolle uns als medialen Mitgestaltern heute zukommt?

In unseren Redaktionsgesprächen haben wir versucht, solchen grundlegenden Fragen nachzugehen, um unseren Umgang mit den neuen Medien im Lichte unserer Bewusstseinsentwicklung zu verstehen.
In seinem Leitartikel gibt Thomas Steininger einen historischen Kontext für diese Entwicklungen und zeichnet nach, wie sich in wenigen Jahrzehnten eine Verschmelzung des privaten und öffentlichen Raums vollzogen hat und immer öfter eine Kultur der Erregtheit in den Vordergrund rückt. Er zeigt auch auf, welche entscheidende Rolle heute die Intitiativen für eine neue Bewusstseinskultur spielen können, um in dieser digitalen Medienwelt einen konstruktiven Weg in die Zukunft zu finden.

Der Medientheoretiker Bernhard Pörksen sieht uns auf dem Weg in eine Empörungsdemokratie, in der die Macht der vernetzten Vielen eine neue Wirkkraft im Inneren unseres sozialen Organismus bildet. Ob dieser vernetzte Faktor zu mehr gesellschaftlicher Zerrüttung oder zu Fortschrittsbewegungen führt, hängt für ihn davon ab, ob wir medienmündig werden, statt nur medienmächtig.

Dass diese Medienmündigkeit auch von unserer seelischen Verfassung und einem Gewahrwerden unseres Eingebundenseins in einen kosmischen Kontext abhängt, beschreibt der amerikanische Yogi Baba Rampuri. Er wurde als erster Westler zum Naga Baba initiiert, einer Gruppe von indischen Sadhus, die auch auf Kleidung verzichten. Damit stellt er sich in den Kontext einer uralten mündlichen Überlieferung, in der Sprache als Ausdruck des Heiligen des Lebens verstanden wird. Aus diesem Blickwinkel analysiert er einleuchtend die oftmals »unlautere« Sprache der neuen Medien.

Welche Wirkung die digitalen Medien auf Heranwachsende haben, erforschen wir mit Paula Bleckmann, die als Professorin für Medienpädagogik eine Verschiebung unseres Weltbildes beobachtet. Ihrer Ansicht nach verwechseln wir immer mehr die Möglichkeiten des Maschinellen in Form von Tablet oder Smartphone mit der unserem Menschsein innewohnenden Würde. Sie legt ein Hauptaugenmerk auf die Bewahrung und Gestaltung von Resonanzerfahrungen als lebendigen Kontext, in dem wir frei wählen, wann wir digitale Hilfsmittel hinzuziehen, und in dem wir zudem demokratische Prozesse intitiieren, um gemeinsam herauszufinden, in welcher (Medien-)Zukunft wir eigentlich leben wollen.

Der Künstler Edgar Froese, mit dessen Arbeiten wir diese Ausgabe von evolve gestalten konnten, hat zeitlebens nach solchen Resonanzerfahrungen gesucht. Vor allem in der Musik konnte er sie finden und ihnen Ausdruck verleihen und wurde mit seiner Band »Tangerine Dream« einer der Pioniere der elektronischen Musik. Der 2015 verstorbene Musiker hat neben seinem musikalischen Wirken auch visuelle Werke gestaltet, die von seiner Absicht zeugen, ein digitales Medium für den Ausdruck seelischer Tiefe zu nutzen. Arbeiten von Edgar Froese und allen anderen Künstlerinnen und Künstlern, mit denen wir Ausgaben unseres Magazins gestalten durften, können Sie im Rahmen unserer Kunstaktion auch käuflich erwerben – und unterstützen damit auch evolve. Unser Dank gilt den Künstlerinnen und Künstlern für ihr großzügiges Mitwirken.

Für uns bei evolve bietet diese Ausgabe auch die Gelegenheit, vertieft über unsere Arbeit als Medium zu reflektieren. Nicht nur wegen des Themas, sondern auch, weil dies eine Jubiläumsausgabe ist: Seit 20 Ausgaben versuchen wir, mit unseren Bewusstseinsimpulsen Ihnen, unseren Leser*innen, Denkanstöße, Erfahrungsräume und Resonanzen zu eröffnen.

Gleichzeitig befindet sich unser Team in einer weiteren Phase des Übergangs. Renata Keller, die als Geschäftsführerin und Art Direktorin eine entscheidende Rolle dabei gespielt hat, evolve in den vergangenen fünf Jahren aufzubauen, zu entwickeln und zu stabilisieren, wird zum Jahresende ihre Geschäftsbereiche abgeben, um sich unter anderem stärker ihrer erfolgreichen Tätigkeit als Filmemacherin widmen zu können. In einer beratenden Funktion wird Renata weiterhin bei evolve mitwirken. Auch Anka Vollmann, die uns bei unserem Relaunch begleitet und in den letzten Jahren strategisch und operativ in der Öffentlichkeitsarbeit, im Marketing und im Fundraising unterstützt hat, wird sich künftig ganz ihren eigenen Projekten zuwenden. Wir danken beiden von ganzem Herzen für ihre Arbeit und ihre Leidenschaft für evolve. Ohne ihre Kreativität und ihr Engagement würde es evolve heute nicht geben.

Die Geschäftsführung von evolve wird ab Januar Martina Etemadieh übernehmen. Martina hat einen reichen Erfahrungsschatz im Marketing im Bereich der Nachhaltigkeit und hat als Führungskraft viele kreativeTeams inspiriert. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit ihr und begrüßen sie hiermit auch in diesem Rahmen ganz herzlich in unserem Team.

Wir hoffen, dass wir Ihnen auch mit dieser 20. Ausgabe von evolve wieder viele
wertvolle Anregungen geben können. In diesem Fall speziell auch für unser gemeinsames Leben in der neuen Medienwelt. Wie immer freuen wir uns über die Resonanzen, die diese Ausgabe in Ihnen wachruft.

Herzlichst
Mike Kauschke
Leitender Redakteur


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