Editorial 21/2019

Religion … Wahrscheinlich löst dieses Wort bei allen sofort eine starke Reaktion aus, sei es Sympathie, Ablehnung oder viele ungeklärte Fragen. Und obwohl sie mehrfach totgesagt wurde, ist Religion auch heute eine globale Kraft, die Menschen bewegt, über sich hinauszugehen, sich dem Leben und anderen Menschen tiefer zuzuwenden oder aber sich in althergebrachten Traditionen abzutrennen und gar andere Menschen zu töten. Religion ist ein zweischneidiges Schwert, das wissen wir alle.

Vor diesem Hintergrund schien es uns in der Redaktion angemessen, dieses allzu bekannte und gleichzeitig rätselhafte Phänomen genauer zu beleuchten. Und aus dieser Reflexion heraus die Frage nach der Zukunft des Religiosen zu stellen. In unseren Gesprächen fragten wir: Was ist der Unterschied zwischen der Religion, die sich in Institutionen organisiert, und dem religiösen Impuls? Und welche Rolle spielen beide in unserer Gesellschaft?

Welche Relevanz die Religion in unserer offenen Gesellschaft haben könnte, fragt Thomas Steininger in seinem Leitartikel. Er erforscht die Landschaft unserer zeitgenössischen Spiritualität, die sich oft eher auf die Wissenschaft beruft als auf die Religion. Aber was kann der besondere Wert des Religiosen sein? Dieser Frage gehen auch der integrale Philosoph Ken Wilber und der Benediktinerpater David Steindl-Rast in ihrem Dialog nach und thematisieren auch das Spannungsfeld zwischen unmittelbaren Erfahrungen des Transzendenten und den Begriffen, Verhaltensregeln und Ritualen der religiösen Institutionen.

Wie sich dieses Spannungsfeld für jemanden zeigt, die aus einer 40.000 Jahre alten Kultur kommt, zeigt Ruth Langford in unserem Gespräch. Sie stammt aus der Tradition der tasmanischen Aborigines und reflektiert aus dieser tiefen Verwurzelung heraus über unsere Trennung und mögliche Verbundenheit mit dem Kosmos und dem Geheimnis, das darin wirkt.

Diesem Geheimnis spürt Pir Zia Inayat Khan nach, der aus der Weisheit der Sufi-Tradition schöpft. Mit einer religionskritischen Stimme ist der Philosoph Michael Schmidt-Salomon der Ansicht, dass uns die Wissenschaft weitaus tiefer in das Geheimnis der Schöpfung geführt hat als die Religion. Er fragt nach der Zukunft des Religiosen aus der Sicht eines Agnostikers, der mystischen Erfahrungen der Einheit durchaus offen gegenübersteht. Welche auch gesellschaftliche Relevanz Erfahrungsräume der Einheit haben könnten, vertiefen wir im Gespräch mit dem TV-Journalisten, Zen-Praktizierenden und engagierten kulturellen Beobachter Gert Scobel. Auch in der künstlerischen Sprache der jungen iranischen Performance-, Video- und Land-Art-Künstlerin Shirin Abedinirad, mit deren Arbeiten wir diese Ausgabe gestalten konnten, ist die Einheit der Welt immer wieder spürbar.

Die Gretchenfrage – »Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?« – muss jeder von uns selbst beantworten. Mit den vielfältigen Perspektiven in dieser Ausgabe möchten wir vor allem einen Dialog darüber anstoßen, was zukunftsfähige Ausdrucksformen des Religiosen heute in unserer offenen Gesellschaft sein könnten. Wir freuen uns, mit diesem kontroversen und vielschichtigen Thema mit Ihnen dieses Jahr beginnen zu können.
Ab Januar möchten wir auch Rehab Nicola- Siegert in unserem Team begrüßen, die von Katrin Tschürtz die Anzeigenbetreuung übernommen hat. Katrin danken wir an dieser Stelle herzlich für ihre engagierte Mitarbeit.

Wir hoffen, dass wir den Dialog über die Zukunft der Religion mit Ihnen in einem unserer evolve-Salons weiterführen können. Wenn es in Ihrer Nähe keinen solchen Salon gibt, unterstützen wir Sie gern beim Initiieren eines solchen Forums, das es nun schon in über 20 Orten im deutschsprachigen Raum gibt. Oder wir freuen uns auf die Begegnung bei anderen Gelegenheiten wie dem Heiligenfeld-Kongress, bei dem evolve in diesem Jahr auch Dialog-Cafés anbieten wird. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen und uns ein dialogreiches und kreatives neues Jahr.

Herzlichst
Mike Kauschke
Leitender Redakteur


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