Editorial 24/2019

Abbildung: Kunst von Christian Kreisel

Es ist schon faszinierend und passiert uns immer wieder: Während wir am Thema einer neuen evolve arbeiten, scheint dieses Thema an vielen Stellen an die Oberfläche zu kommen. Besonders aufgefallen ist es mir dieses Mal in Bezug auf Heimat: Ein Magazin nach dem anderen, viele Buchveröffentlichungen und Online-Texte greifen das Thema auf. Es scheint den Nerv der Zeit zu treffen. Dieser Nerv liegt in vieler Hinsicht blank und das, was einmal Heimat war, sein kann oder werden will, steht als offene Frage im Raum: Der Klimawandel bedroht unseren Heimatplaneten, Rechtspopulisten versuchen, den Begriff Heimat zu vereinnahmen, die etablierte Politik versucht, mit einem Heimatministerium gegenzusteuern. Es ist offensichtlich, dass viele Menschen heute nicht mehr wissen, wo sie ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Verwurzelung erfüllen können: in einer neuen Verbundenheit mit den Orten, an denen wir leben? Oder durch den Fokus auf eine geistige Heimat, bei Gleichgesinnten oder in einem innerlichen Raum? Oder in der Utopie neuer Lebensformen und Bewusstseinsperspektiven?

Heimat ist und bleibt eine Frage, sie wird so virulent dadurch, dass wir unsere Verwurzelung als Menschen in einer neoliberalen, digitalisierten, globalen Moderne neu finden müssen. Dieser Frage haben wir uns in unseren Redaktionsdialogen gestellt und möchten sie in dieser Ausgabe gemeinsam mit Ihnen, unseren Leser*innen, weiter vertiefen. Wir bemerkten schnell, wie ungeheuer vielschichtig die Suche nach Beheimatung ist, und unser Ziel war, einen multiperspektivischen Dialog aufzufächern, der das, was uns Heimat sein kann, vielleicht neu erkennbar, fühlbar und lebbar macht.

In seinem Leitartikel sucht Thomas Steininger nach neuen Möglichkeiten, über Heimat zu denken und zu reden. Und er fragt, wie neue Räume des offenen Miteinanders entstehen können, in denen sich die Vielfältigkeit unseres Heimatbezugs kreativ finden kann. In unserem Interview mit Ulrike Guérot gehen wir dieser Auffächerung von Heimat weiter nach. Und die Politikwissenschaftlerin stellt dieses Verständnis in den Kontext der aktuellen politischen Debatten und ihres Engagements für ein Europa der Regionen. Wie wichtig unsere Verortung für ein Heimatempfinden ist, erklärt Susanne Scharnowski, die Autorin des Buches »Heimat: Ein Missverständnis«. Sie kritisiert die Versuche, Heimat zu sehr ins Innerliche zu verlegen. Auch die Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt richtet ihren Blick auf die Orte unserer Heimat – die lokalen und die globalen und denkt über deren Wechselwirkung nach. Ganz groß und fundamental öffnet der Philosoph Jochen Kirchhoff unser Beheimatetsein mit der Frage, in welchem Kosmos wir eigentlich leben: Ist uns der Kosmos eine Heimat?

Wie Sie sehen, hier öffnen sich eine Vielzahl von Blicken in unser menschliches Grundanliegen der Beheimatung, die wir auch in der Kunst von Christian Kreisel wiederfanden. Der in Frankfurt/Oder lebende Künstler beschäftigt sich seit vielen Jahren künstlerisch mit diesem Thema in einem ständigen Suchprozess, von dem seine Werke zeugen. Darin kommt auch immer wieder die Bedrohtheit unseres Heimatgefühls zum Tragen. Diese Dynamik von Bedrohtheit und Verheißung kommt auch in unserem Cover zum Ausdruck, über das wir lange diskutiert haben. Wir haben uns für dieses Kind mit dem staunenden Blick auf die Länder der Zukunft entschieden, weil es den Blick für das Offene unseres Beheimetetseins zu öffnen scheint.

Neben der Produktion dieser Ausgabe waren wir in den letzten Wochen auch viel im Zeichen unserer evolve Live Veranstaltungen unterwegs, bei denen wir die Themen des Magazins im Dialog mit Ihnen, unseren Leser*innen, vertiefen konnten. Wir danken für die tiefen und ko-kreativen Begegnungen, die uns viele neue Inspirationen auch für die journalistische Arbeit gegeben haben. Wir möchten solche evolve Live Dialogtage oder -abende auch im kommenden Jahr weiterführen. Wenn Sie möchten, dass solch eine Veranstaltung an Ihrem Ort stattfindet, dann melden Sie sich gern bei uns.

Ganz besonders freuen wir uns auf unsere evolve Live Konferenz vom 31. Januar bis 2. Februar, bei der wir gemeinsam mit Ihnen und Dialogpartnern wie Andreas Weber, Anna Mauersberger und Roland Benedikter die Frage nach dem Menschsein in Zeiten digitaler Vereinnahmung vertiefen werden. Diese Konferenz in Kooperation mit der Akademie Heiligenfeld steht vor allem auch im Zeichen des Dialoges, den wir bei dieser Konferenz in verschiedenen Formen mit Ihnen führen möchten. Wir freuen uns auf Sie!

Herzlichst
Mike Kauschke
Leitender Redakteur