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Editorial 33/2022

In der Arbeit an dieser Ausgabe hat mich ein Gespräch besonders berührt. Wir sprachen in einem Kreis von Menschen, die unserem Magazin sehr verbunden sind, über das Thema dieser evolve und dass wir dabei die gegenwärtige Situation, in der wir uns als Gesellschaft befinden, als „Zeit zwischen den Welten“ bezeichnen. Bei einem der Gesprächsteilnehmer löste diese Bezeichnung ein Aha-Erlebnis und merkwürdigerweise eine tiefe Erleichterung aus. Seine inneren Erlebnisse in dieser Zeit waren damit auf einen Punkt gebracht, er verstand seine eignen oft widersprüchlichen Gefühle. Die Verunsicherung angesichts der Komplexität unserer Welt, die sozialen Verwerfungen, die Mischung aus Lähmung und Aufbruch, die zahlreichen Krisen, in denen wir uns befinden, deuten auf das Ende einer Welt hin. Wir leben in einem Zwischenraum, und das Neue ist noch nicht geboren. Was wird dieses Neue sein? 

In den Initiationsriten indigener Kulturen gibt es drei Phasen: das Loslassen des Alten, der Zwischenbereich zwischen der alten und der neuen Lebensform, und die Geburt des Neuen. Es scheint, wir leben gerade in einem solchen Zwischenraum, in dem sich eine neue menschliche Lebensform vorbereitet. Diese Zeit geht mit großer Ungewissheit einher, trägt in sich aber auch die Offenheit, dass sich völlig neue menschliche Möglichkeiten zeigen können. In ihr spüren wir vielleicht Trauer über eine Welt, die nie mehr so sein wird, wie wir es gewohnt waren, und Hoffnung auf eine Kultur, die unserem Menschsein eher entspricht. Dieser Übergang zu einer neuen Kultur wird auch dadurch möglich, dass wir uns als Mitgestaltende des Wandels erfahren. Dabei wird unsere innere Entfaltung zur Grundlage einer gesellschaftlichen Transformation zu mehr Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Bewusstheit und Nachhaltigkeit.

Vor einigen Jahren gab die UNO 17 Nachhaltigkeitsziele bekannt, die unsere Welt in die Zukunft führen sollen. Die Initiative der Inner Development Goals, die von einem Team um Tomas Björkman und Jan Artem Henriksson mit der Expertise zahlreicher Experten der inneren Entwicklung formuliert wurden, möchte diesen äußeren Zielen nun innere Entwicklungsziele zur Seite stellen, die unser Bewusstsein wandeln können. Diese Initiative war für uns eine der Inspirationen, danach zu fragen, welche menschlichen Qualitäten diese Zeit des Umbruchs braucht, die der Bildungsexperte Zak Stein in unserem Interview als »Zeit zwischen den Welten« beschreibt

Thomas Steininger greift in seinem Leitartikel diese Idee eines umfassenden Lernens auf und fragt, in welchen Bereichen unseres Menschseins wir neue Bereiche des Lernens eröffnen können. Auch die Initiative der Inner Development Goals begreift uns als Lernende. Über die Hintergründe dieses Projekts sprachen wir mit dessen Leiter Jan Artem Henriksson. Der Wissenschaftler Thomas Bruhn forscht am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam im Rahmen des Projekts »A Mindset for the Anthropocene«, bei dem der Einfluss von Achtsamkeit und Mitgefühl auf den Wandel zu Nachhaltigkeit untersucht wird. Er hat einen ganz eigenen Blick auf unsere gegenwärtigen Krisen. Wir freuen uns auch, dass wir mit einigen Vordenkern der Entwicklungsforschung sprechen konnten, wie Robert Kegan, der ein sehr einflussreiches Modell der Stufenentwicklung des Bewusstseins formuliert hat, und Susanne Cook-Greuter, die vor allem höhere Ebenen der Bewusstseinsentwicklung erforscht hat. Heute ist sich Cook-Greuter aber auch den Grenzen des westlichen Entwicklungsdenkens bewusst. Die Feministin Minna Salami hinterfragt allein »euro-patriarchale« Formen des Wissens und plädiert für eine Erweiterung unseres Wahrnehmens und Erkennens der Welt. In den Diskurs um das Für und Wider von Stufenmodellen der Bewusstseinsentwicklung hat sich Elizabeth Debold begeben und fragt, wo ihre Grenzen liegen und wo sie hilfreich sind.

Die Komplexität und Vielschichtigkeit dieses Themas sowie die Veränderungen in Identität und Weltwahrnehmung, die in dieser Ausgabe angesprochen werden, fanden wir künstlerisch in den Fotos von Vitor Schietti ausgedrückt. Er arbeitet mit langen Belichtungszeiten, mit Menschen, Licht, Landschaft und urbanen Umgebungen so, dass sie nicht nur als Objekt wiedergegeben werden, sondern das Geheimnis der wechselseitigen Durchdringung erfahrbar machen. Deshalb sind wir sehr froh, mit seinen Arbeiten diese Ausgabe gestalten zu können.

Wir sind gespannt, zu welchen Dialogen diese Ausgabe Sie, unsere Leserinnen und Leser, bei unseren evolve Salons inspirieren wird. Und wir laden Sie auch ein in unseren neuen virtuellen Dialograum, unsere Webplattform evolve world (www.evolve-world.org) mit unserem Social-Media-Netzwerk Communiverse (evolve-world.org/communiverse/). Hier können Sie sich rund um unsere Themen mit Menschen vernetzen und in den Austausch gehen. Denn unsere innere Entfaltung, davon sind wir überzeugt, wird sich vor allem auch in den Zwischenräumen des Dialogs ereignen, wo neue Perspektiven, Sinnhorizonte und Synergien entstehen können. Wir freuen uns auf die weitere Vernetzung als Mitgestaltende in einer Zeit, in der so vieles ungewiss, aber dadurch auch offen und voller Möglichkeiten ist.

Herzlichst

Mike Kauschke

Redaktionsleiter