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Editorial 35/2022

Das Heilige und die offene Gesellschaft – zwei große Begriffe, die auf den ersten Blick nicht so ganz zusammenzupassen scheinen. Dieser Spannung und Dynamik waren wir uns bewusst, als wir in der Redaktion über eine Frage sprachen, die uns seit einiger Zeit bewegt: Wie kann sich eine offene Gesellschaft im Umfeld globaler Krisen behaupten und entwickeln? Gerade angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen wie gegenwärtig in der Ukraine, der ökologischen Katastrophe mit weitreichenden sozialen Folgen wie massiven Flüchtlingsbewegungen, dem Erstarken autoritärer oder populistischer Kräfte und autokratischen Staaten. 

Aber zur Schwächung der offenen Gesellschaft haben nicht nur diese äußeren Einflüsse geführt, sondern auch eine innere Aushöhlung, vielleicht sogar Entleerung. Wissen wir eigentlich noch, welche Werte die Grundlage unseres Zusammenlebens sind? Nicht nur als schöne Formulierungen in politischen Reden, sondern als gelebte Verbundenheit, als soziale Zugehörigkeit. Was ist eigentlich das Herz unserer offenen Gesellschaft? Oder wird sie mehr und mehr zu einem technokratischen System, dem die Seele fehlt? Um es gewagt zu formulieren: Gibt es etwas, das uns heilig ist?

Aber hier wird es heikel: das Heilige. Denn was macht dieser altmodische Begriff in unserer aufgeklärten Moderne? Hat uns die Dimension letztendlicher Sinnhaftigkeit heute noch etwas zu sagen? Können wir diese Sphäre des Heiligen neu und offen erfahren, jenseits von Dogmen und Glaubensinhalten? Und lebt vielleicht sogar im innersten Kern unserer offenen Gesellschaft der Glanz des Heiligen?

Diesen und vielen weiteren Fragen sind wir in dieser Ausgabe nachgegangen. Thomas Steininger nimmt uns in seinem Leitartikel mit auf eine Spurensuche zur wechselvollen Geschichte des Heiligen und fragt nach dessen Relevanz in unserer offenen Gesellschaft. Der Kognitionswissenschaftler John Vervaeke spricht davon, dass wir heute eine Religion ohne Religion entwickeln müssen, die auf einem Ökosystem von Praktiken basiert. Unser Interview mit ihm gibt auch einen Einblick, wie die Kognitionswissenschaft die Notwendigkeit intensiverer Erfahrungen der Verbundenheit mit der Tiefe des Lebens erforscht. Auch der Psychiater Iain McGilchrist schätzt den wissenschaftlichen Blick und sucht auf seine Weise nach einer ganzheitlichen Wahrnehmung und Gestaltung der Welt, die uns wieder das Staunen lehrt. 

Die Theologin Victoria Loorz möchte dieses Staunen in der Begegnung mit der lebendigen Natur erwecken und hat das Wild Church Network gegründet, in dem Menschen gemeinsam das Heilige in der Natur erfahren und feiern. Nach neuen Formen von Gemeinschaft, in der die Tiefe unserer Existenz lebt, sucht auch der Soziologe und Psychiater Stefan Brunnhuber. Er sieht eine neue Art von Sangha, einer Gemeinschaftlichkeit im Heiligen, entstehen. Für den Theologen Johannes Hoff ist ein solcher Bezug zum Heiligen auch deshalb so dringend, weil er uns einen bewussten Umgang mit der Technik erlaubt. Er spricht sogar von einer Verteidigung des Heiligen in Zeiten der Digitalisierung und transhumanistischen Visionen. 

Die Atmosphäre des zutiefst Bedeutungsvollen fanden wir auch in den Arbeiten des Künstlers Jörg Länger, der sich in seiner Kunst mit religiösen, mythologischen und spirituellen Motiven befasst, sie aber für unsere Zeit fruchtbar machen möchte. Zugleich sieht er sich eingebunden in eine viele Jahrhunderte währende Suche der Kunst nach dem Transzendenten im Menschlichen. Wir freuen uns, dass wir diese Ausgabe mit seinen Bildern gestalten konnten. 

Wir sind sehr gespannt, wie diese Ausgabe auf Sie wirkt und welche Gespräche sich bei unseren evolve Salons entfalten werden. Und wir hoffen, dass diese Ausgabe Sie anregt, über das Heilige und die offene Gesellschaft tiefer nachzudenken und mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Herzlichst

Mike Kauschke

Redaktionsleiter