Ein globales Gehirn

Kunstwerk: Deviprasad C. Rao

Städte als Wahrnehmungsorgane Gaias

Seit vielen Jahren arbeitet Marilyn Hamilton an einer integralen Vision unserer urbanen Lebensräume. Als Autorin und Beraterin von Städten in vielen Ländern der Erde will sie Städte zu Knotenpunkten einer globalen Intelligenz werden lassen, die es uns ermöglicht, ganz neu mit den globalen Herausforderungen umzugehen.

evolve: Wie verstehen Sie das Wesen einer Stadt?

Marilyn Hamilton: Im umfassendsten Sinne verstehe ich Städte als Wahrnehmungsorgane oder Reflexionsorgane von Gaia. Die Idee von Gaia stammt von James Lovelock, dem Autor von »Die Gaia Hypothese«. Er schlägt vor, die Erde als ein lebendes System zu betrachten. Vom Weltraum aus kann man Städte erkennen durch das Licht, das sie ausstrahlen. Metaphorisch kann man Städte als Lichtachsen sehen, die das Ergebnis der evolutionären Entwicklung der Menschen sind, die sie geschaffen haben. Städte sind also komplexe, anpassungsfähige lebendige Systeme, die von Natur aus evolutionär sind und sich in Entwicklung befinden. Durch eine komplexe Dynamik umfassen sie alle kleineren Ebenen menschlicher Systeme.

evolve: Was sehen Sie als zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten der Städte?

Marilyn Hamilton: Die Nachrichten sind voll von der vielfachen Bedrohung, die wir für die Erde darstellen – und die vielen Formen, in denen sie uns bedroht. Deshalb fühle ich mich gerufen, die Möglichkeit im Bewusstsein zu halten, dass wir in unserem höchsten Potenzial tatsächlich in der Lage sind, unsere Städte intelligent, ko-kreativ und regenerativ zu gestalten. Ich bezeichne die Stadt oft als Human Hive, als menschlichen Bienenstock. Was wäre, wenn wir unsere Städte als Bienenstöcke betrachten? Wir hätten einen Hive Mind, eine geistige Sphäre, die den gesamten Bienenstock umfasst und verbindet. Das heißt, wir würden nicht mehr als Individuen oder kleinere Zusammenschlüsse arbeiten, sondern wir hätten ein starkes Empfinden für unsere gemeinsame Interaktion auf einer umfassenderen kulturellen Ebene. In den Neurowissenschaften gibt es das Konzept der Meshworks, das beschreibt, wie selbst-organisierende und selbst-strukturierende Prozesse gleichzeitig im Gehirn stattfinden. Dieses System ermöglicht uns, auf dem, was wir gelernt haben, aufzubauen, um ständig lernen zu können und auf die sich verändernden Dynamiken unserer Lebensbedingungen zu antworten. Wenn wir von einer evolutionären Perspektive aus darüber reflektieren, wie das Leben selbst entstanden ist, und dass wir die komplexe Fähigkeit in uns tragen, das ganze energetische Feld zwischen uns zu erfassen und uns dessen bewusst zu sein, dann wird das Nachdenken über das Potenzial der Städte, die Fähigkeiten eines Hive Minds zu entwickeln, zu einer außerordentlich inspirierenden Forschungsrichtung.

Wo könnten wir in 100, 1.000 oder 10.000 Jahren stehen, wenn wir uns weiterhin entwickeln und auf das achten, was wir in positiver Weise gut gestalten können? Wir könnten tatsächlich in der Lage sein, das, was um uns herum in der Welt geschieht, zu antizipieren – wie unser Gehirn, das über Synapsen ständig unzählige Verbindungen herstellt. Das würde es uns ermöglichen, uns auf einer ganz anderen Ebene der Konsequenzen unserer Entscheidungen bewusst zu sein. Wenn uns unsere positiven Absichten dazu bringen, dem Leben zu dienen, dann würden die Konsequenzen unserer Entscheidungen zunehmend dazu führen, dass Städte zu Zentren von Lebendigkeit werden und sich Lebendigkeit in unseren Städten entfaltet.

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Lesen Sie den kompletten Text in der evolve Ausgabe 19 / 2018


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