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»Menschenbeben«: Für eine Ethik des Lebens – Claus Eurich

Eurich
Claus Eurich

»Menschenbeben«

Für eine Ethik des Lebens

Ein Interview mit Claus Eurich

In seinem neuen Buch »Aufstand für das Leben« fordert Claus Eurich ein Aufwachen: zur Zerstörung des Lebens, das sich um uns und durch uns ereignet, und zur Vision einer Kultur des Lebens, die das Lebendige in uns und um uns schützt und erweitert.

evolve: Das Thema »Lebendigkeit« taucht zurzeit in verschiedenen Zusammenhängen auf. Viele Menschen sehen es als eine gewisse Notwendigkeit unserer Zeit, die Frage nach der Lebendigkeit neu oder tiefer zu stellen. In deinem neuen Buch schreibst du, dass wir einen »Aufstand für das Leben« brauchen. Was hat dich zu diesem Aufruf bewegt?

Claus Eurich: Das Wort Notwendigkeit trifft es für mich nicht ganz. Meine Motivation ist persönlicher: Ich halte den Schmerz darüber, was unsere Gattung mit der Erde und mit sich selbst macht, wie sie ihr Potenzial wegschüttet, nicht mehr aus. Die Besinnungslosigkeit, mit der wir mit anderem Leben umgehen, es verdinglichen und dann vernutzen.

Für mich ist die Zeit, in der wir leben ein ganz außerordentlicher Kairos-Moment. Kairos-Momente sind günstige Zeitpunkte für eine Entscheidung; Momente, in denen die Ewigkeit in die Zeit einbricht und die eine neue Möglichkeit enthalten. Lassen wir diese Momente ungenutzt verstreichen, ist die Gelegenheit vorbei. In diesem Kairos-Moment, den wir jetzt erleben, zeigt sich, ob wir die nächste Spiralbewegung in unserer Evolution schaffen oder ob wir uns in den Abgrund stürzen. Für beides gibt es Anzeichen, für das zweite mehr als für das erste. Bei allen Projekten der Hoffnung, die wir im Moment auf der Erde zweifellos haben und über die man einfach nur glücklich sein kann, ist es wichtig, an diesen unglaublichen Todesenergien, an diesen destruktiven Energien, die da sind, nicht vorbeizusehen.

Neben dem Versuch, diese Vorgänge zu verstehen und neben der Arbeit am eigenen Inneren im Sinne der Worte des Heiligen Franziskus, »Sei das gelebte Beispiel«, frage ich mich auch, was wir ganz konkret tun können, um eine Durchbrechung zu erreichen. Ich benutze bewusst dieses harte Wort »Durchbrechung«, denn die sanfte Transformation, so fundamental sie auch ist, wird nicht mehr reichen. Wenn wir sehen, welche destruktiven Energien in Waffen, in großindustriellen, atomaren Komplexen und chemischen Komplexen die Erde umspannen, dann wird es notwendig sein, diesen Energien etwas entgegenzusetzen. Daher habe ich ganz bewusst den Begriff »Aufstand für das Leben« gewählt und es auch als »Menschenbeben« bezeichnet, weil wir diese Situation nicht mehr einfach nur hinnehmen können.

evolve: Warum ist für dich das Leben der Kristallisationspunkt für dieses Aufbegehren, dieses »Menschenbeben«?

Claus Eurich: Weil es um nichts anderes geht als um das Leben. Es geht um das Leben in einer ganz konkreten menschlichen, auch naturhaft sinnlichen Weise, aber auch in einem ganz tiefen transzendenten Sinn. Ich halte das Projekt »Erde« nicht für einen evolutionären Zufall, ich halte es für den Selbstausdruck des Kosmos, der sich seine eigene Schönheit und seine eigene Potenzialität spiegelt. Es ist ein unglaublich erhabenes Projekt. Das haben auch die Astronauten, die doch beinharte Rationalisten sind, erfahren: Sie sehen vom Weltraum aus das erste Mal die Erde und sind ergriffen.

Das Projekt »Erde« ist Leben – und auch dieses Leben ist nur Ausdruck eines noch größeren Lebens. Wir haben noch immer nicht verstanden, was uns hier gegeben ist und wessen evolutionär gestaltender Teil wir sein dürfen. Wir haben die Größe und die Erhabenheit dieser Aufgabe noch nicht verstanden: dass auch wir selbst als Menschen Schmuck dieses Lebens sein dürfen. Aber wir sind dem Leben auch etwas schuldig. Wir können nicht aus einer spirituellen Erhabenheit heraus danebenstehen, wenn Leben niedergetreten wird.

evolve: Wie sieht für dich solch eine spirituell begründete ethische Verantwortung für das Leben aus?

Claus Eurich: Es kommt aus der Liebe. Wenn du das Leben nicht wirklich von innen heraus verstehst, empfindest und wirklich zutiefst liebst, bleiben alle Versuche des Ethischen eine Äußerung der Moral. Deswegen ist mir die Unterscheidung von Ethik und Moral so wichtig. Ethik und Spiritualität hängen für mich untrennbar zusammen. Jede Form von Spiritualität, die sich nicht ausformt in der Haltung, mit der du dem Leben gegenüberstehst, dich ihm öffnest und hingibst, ist nichts weiter als eine sentimentale Regung. Dieses Sich-Öffnen, diese Hingabe, das ist der Arbeitsauftrag an uns. Das ist – wie Picasso es formuliert hat – ein gewaltiges Wagnis und ein heiliges Abenteuer. Das ist etwas wirklich Einschneidendes. Am Beginn eines solchen spirituellen Weges müsste man ein Warnschild aufstellen: »Passt auf, ihr verlasst jetzt den Wellness-Bereich!«. Je mehr du dich in diesen Prozess hineinbegibst, desto durchlässiger wirst du. Wir werden empfindsamer und verletzbarer, diese Verletzlichkeit dürfen wir nicht scheuen. Erst wenn wir diese Verwundbarkeit zulassen, kann sich wirkliche Empathie entwickeln. Dabei gilt es, das richtige Maß zu finden. Empathie ist eine Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz: durchlässig sein und tief mitempfinden, und gleichzeitig auch in einer Distanz/Kontrolle zu sein, in der wir nicht von Schmerz aufgesaugt werden, sondern in der notwendigen Zeugenschaft, in der notwendigen Handlungsfähigkeit bleiben, um Prozesse zu steuern.

evolve: Wie kann diese bewusste empathische Haltung zu konkretem Handlungsimpulsen führen?

Claus Eurich: Hier gibt es für mich einen Dreischritt: erstens, die tiefe spirituelle Beheimatung im Urgrund des Alleinen und damit im Impuls des Lebens in all seinen Ausdrucksformen. Daraus wird, zweitens, die Lebensvision geboren und daraus, drittens, die Utopie. Die Utopie hält den Kern des zu Verwirklichenden immer schon in sich, ist machbar, ist gestaltbar. Aber die Utopie wird leer, wenn die Vision sie nicht immer wieder energetisch auflädt. Die Vision in ihrem Kern bleibt immer, sie ist wie ein leuchtender Diamant. Diese Energie strahlt immer, die Utopien wandeln sich. Und die Utopie führt dann in die konkrete Politik.

Auf dieser politischen Ebene bin ich ein tiefer Verehrer der Menschenrechtsbewegung. Das war ein gigantischer Schritt in der Menschheitsentwicklung. Gleichzeitig müssen wir sehen, dass auch solche Proklamationen Teil der Evolution sind, sie müssen sich weiterentwickeln. Über die Würde des Menschen ist dort viel gesagt, aber anstelle des Begriffes »Mensch« müssen wir jetzt den Begriff »Leben« setzen. Wenn wir Leben als umfassend und als integral verstehen und uns mit hineingenommen sehen, dann müssen wir heute von den Lebensrechten sprechen. Meine Idee ist ein Erd-Parlament, ein Erd-Rat, in dem das Leben in seiner Vielfalt repräsentiert ist. Dort müssen die Kinder mit einer Stimme sitzen, müssen die Pflanzen, die Tiere und die Elemente mit einer Stimme sitzen, also alles das, was sich auf dieser Erde zusammengefunden hat, in dem, was wir Leben nennen. Natürlich durch uns Menschen repräsentiert, das geht nicht anders. Denn, und diesen Stellenwert billige ich uns zu, durch uns erkennt sich das Universum selbst. Dieser Verantwortung müssen wir uns stellen.

Eine Möglichkeit der Verwirklichung in den »Niederungen das Alltags« ist die vegetarische Lebensweise. Das ist für mich nicht nur eine Ideologie, nicht nur eine weltanschauliche Frage, sondern eine tief spirituelle Frage. Indigene Völker gehen auf eine andere Weise mit Leben um und haben eine Beziehung zu Tieren, in der sie deren Seele spüren und schätzen. Auf dieser Ebene kann ich verstehen, dass ein Tier getötet wird, um selbst zu überleben. Aber dass wir Leben einfach besinnungslos verbrauchen und allein in Deutschland jedes Jahr 60 Millionen Schweine, hochsensible und intelligente Wesen, unwürdig gehalten und geschlachtet werden, nur um unseren Genussbedürfnissen gerecht zu werden – das geht nicht! Und daher zeigt sich eine spirituelle Haltung auch in dem, was wir zu uns nehmen, woher wir es nehmen und darin, wie es vorher leben durfte.

evolve: Gibt es Projekte, Initiativen und Ausdrucksformen für diese Lebenspolitik, mit denen du dich verbunden fühlst?

Claus Eurich: Ja, es gibt schon ein wunderbares Netzwerk, verteilt über den ganzen Planeten, das täglich wächst. Es ist ein großes Netzwerk, wie ein Pilz verflochten. So, wie der große Pilz, der unter der Oberfläche ganz Nordamerika umfasst, obwohl er auf der Erdoberfläche nicht in voller Größe sichtbar ist. Das gibt Kraft, Energie und auch viel tiefe Freude. Im Innersten bin ich aufgrund meines Kairos-Bewusstseins ein zutiefst optimistischer Mensch. Kairos besagt: Jederzeit ist alles vorhanden, wir müssen es nur sehen. Auch wenn die Welt in Destruktivität versinkt – der richtige geistige Impuls, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit mit der angemessenen Tatkraft, kann die Geschicke des Planeten wandeln. Das zeigt auch die Geschichte. Nur reicht heute ein Jesus von Nazareth, ein Laotse, ein Gautama Buddha oder ein Zarathustra nicht mehr aus, weil wir eingebunden sind in ein tiefes, dunkles Netzwerk struktureller Gewalt, das bereits begonnen hat, sich den Menschen weitgehend zu entziehen. Karl Barth, der Begründer der dialektischen Theologie, sprach von den »herrenlosen Gewalten« – ein ganz wichtiger Begriff. Und bei allem Optimismus, bei allen Projekten, die Kraft und Energie geben, gilt es darauf achten, nicht in eine Art bio-utopisches Rückzugsgefühl zu kommen, nach dem Motto: »Auf meinem Bio-Bauernhof ist alles in Ordnung«. Es ist gut, wenn da alles in Ordnung ist, so soll es auch sein – aber wir müssen gleichzeitig im Bewusstsein halten, aus welcher Idee dieser Hof lebt und dass sein Sinn darin besteht, Energie auch nach außen zu geben. Ein Beispiel wäre das Projekt Tempelhof, in dem gekämpft und gerungen wird, in dem deutlich wird, wie sehr wir an uns selbst zu arbeiten haben, bis wir aufstehen und dieser Vision folgen können.

evolve: Wenn man zum ersten Mal zu so einer Vision erwacht, erkennt man, was es von einem braucht, damit man ihr wirklich zur Verfügung stehen kann.

Claus Eurich: Im Zen wird das so ausgedrückt: Stirb auf deinem Kissen – und steh neugeboren wieder auf. Es geht nicht um Beschaulichkeit, es geht um Transformation, um Umschmelzung.

Das Interview führte Mike Kauschke.

Prof. Dr. phil. Claus Eurich, Hochschullehrer am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund (Schwerpunkt Kommunikationswissenschaften und Ethik); Kontemplationslehrer; Kurator der “Stiftung Bewusstseinswissenschaften”.
www.interbeing.de