Hingabe und die offene Gesellschaft

Foto: Shirin Abedinirad

Ist Religion mehr als Spiritualität?

Religion hat einerseits viel zur Entwicklung des Menschseins beigetragen, wird aber zu Recht auch dafür kritisiert, unsere Freiheit und Mündigkeit zu beschneiden. Gibt es bei aller berechtigten Religionskritik aber nicht auch Fragen an unser wissenschaftliches Weltbild, die so nur aus dem religiösen Erfahren gestellt werden können? Und müssen vielleicht Kernaspekten der Religion in unserer Zeit neuen Raum geben?

Thomas Steininger

Die Religion hat, zumindest in aufgeklärten Kreisen, einen schlechten Ruf. Vor einigen Monaten sprach ich am Rande einer Tagung mit einem angesehenen Vertreter einer modernen, wissenschaftlichen und säkularen Spiritualität und fragte ihn, wo er den Unterschied zwischen Spiritualität und Religion sieht. Für meinen Gesprächspartner, einen Philosophen und Neuro-Ethiker, war diese Unterscheidung von großer Bedeutung. Religion, so seine Antwort, basiere auf einem alten mythenhaften Weltbild, auf vorwissenschaftlichen Glaubenskonstrukten. Die Aufklärung habe das Ende dieser Märchen gebracht. Spiritualität sei so etwas wie eine innere Wissenschaft, eine Praxis, die empirisch erschlossen werden könne. Auch er meditiere seit vielen Jahren täglich mindestens eine Stunde.

Diese Form einer modernen und wissenschaftlichen Spiritualität hat weltweit und gerade auch in den USA prominente Vertreter. Der amerikanische Erfolgsautor Sam Harris, der sich selbst als spirituellen Atheisten sieht, zählt zu ihnen, auch der bekannte israelische Historiker, Bestsellerautor und transhumanistische Denker Yuval Harari.

Es spricht auch viel dafür, Spiritualität von der Religion zu trennen, denn das Sündenregister der Religion ist lang. Damit meine ich nicht einmal die Religionskriege, auch nicht die Scheiterhaufen für Häretiker, die Kreuzzüge, die Menschenopfer, den faulen Zauber und die Nähe zur Macht. Sie hat sich zu oft dem freien Denken, der rationalen Kritik und der Mündigkeit der Menschen entgegengesetzt.

Das Problem und das Potenzial der Religion

Religion kommt aus einer anderen Zeit. In ihr liegt etwas Befremdliches und etwas Bezauberndes. Manchmal ist es auch nur der Reiz des Exotischen. Die »mystique«, die einen in einer kleinen, weiß getünchten, griechisch-orthodoxen Kapelle irgendwo am Peloponnes erfasst, wenn man diesen winzigen, halbdunklen und etwas verrauchten Innenraum betritt, dieser Zauber des schon abblätternden Wandfreskos, die Altarwand mit ihren Ikonen – das hat schon auch mit der Faszination exotischer Märchen und den alten »vergangenen Zeiten« zu tun. Die Mythen, die diese Gemäuer erzählen, halten in vielem unserem aufgeklärten Blick nicht stand. Zu Recht sehen wir in diesen romantischen Gefühlen, die uns hier ereilen, auch unser Bedürfnis nach einer einfachen Welt, als »gut« noch gut und »böse« noch böse war. Und doch, auch hier scheint es so etwas wie ein Geheimnis zu geben, das uns trifft.

Die Religionen sind ein Relikt jener Zeit, bevor die Naturwissenschaft gemeinsam mit dem europäischen Kolonialismus die Welt überzogen hat. Das machte sie zum Gegner der Aufklärung, zu einem Gegner der offenen Gesellschaft. Religiöse Eliten misstrauten und misstrauen dem offenen und kritischen Geist der Wissenschaft.

Auch heute begegnet uns Religion oft als eine Form von Regression, als eine Sehnsucht nach alten Gewissheiten. Christliche Fundamentalisten oder islamistische Gewaltorgien erinnern an ihre sehr dunklen Seiten. Selbst der von vielen als Ausnahmeerscheinung gesehene »friedliche Buddhismus« zeigt im gerade stattfindenden Genozid an der islamischen Minderheit der Rohingya in Myanmar ein erschreckendes Gesicht.

Und doch hat sie auch eine andere Seite. Dass sie aus einer anderen Zeit und einer anderen Wahrnehmung der Welt kommt, macht Religion auch zu einem wachen Kritiker der Auswüchse des neuen Geistes und der Geistlosigkeit der Moderne. Heute, nach 300 Jahren naturwissenschaftlichen Denkens, wird es deutlich, dass sie mit ihrer Kritik nicht immer falsch lag. Die religiösen Traditionen haben sich neben ihren dogmatischen und mythischen Scheuklappen auch einen Reichtum von Lebensverhältnissen erhalten, diersich einer nur technisch instrumentellen Sicht auf die Welt entzieht In einer Welt, die letztlich von einem ökonomischen Effizienzdenken getragen wird, wirken sie wie bunte Paradiesvögel einer anderen Zeit.

Dabei sind es ganz unterschiedliche Paradiesvögel. Ein schamanisch geprägtes Dorf im Amazonas, ein serbisch-orthodoxes Kloster auf dem Berg Athos, eine Shinto-Gemeinde in Japan und ein südindisches Dorf neben einem alten Shiva-Tempel mag zwar einiges verbinden, aber sie sind einander auch in vielem sehr fremd. Was sie verbindet, ist ihr Widerspruch gegenüber unserem instrumentell pragmatischen Lebensstil.

Und, die Religionen der Welt halten Schätze, die es vielleicht zu erhalten gilt. Ich meine den Schatz der religiösen Praktiken. Auch wenn hier manches entstaubt werden muss: Hier liegen Perlen, die es lohnt, neu zu sehen. Meist sind es Praktiken der Hingabe. Islam ist nicht nur Islamismus. Wörtlich kann das Wort Islam ja auch als Hingabe übersetzt werden. Wer sich je an der Sufi-Praxis des Dhikr beteiligt hat, weiß, dass in der rhythmischen Anrufung der Namen Gottes, im La ilaha illa llah eine tiefe innere Hingabe geübt wird. Das kann die Hingabe an ein theokratisches Herrschaftssystem sein, es hat aber zumindest auch das Potenzial, die Hingabe an ein erfahrbares lebendiges Mysterium zu sein. Auch eines der am weitest verbreiteten geistlichen Bücher des Christentums, Thomas von Kempens »Nachfolge Christi«, kann einen in seinem rigiden katholischen Rahmen, in dem es sich zeigt, abschrecken. Aber wenn man es aus seiner dogmatischen Klammer befreit, entfaltet es eine eigentümliche Kraft der Hingabe an ein Mysterium, das uns als Menschen anspricht. Auch der deutsche Tibet-Pionier Lama Govinda – er war in den 30er- Jahren einer der ersten westlichen Lamas – spricht ausführlich darüber, dass die Grundlage der buddhistischen Meditation die Hingabe an das Mysterium ist.

Aber braucht es in unserer aufgeklärten wissenschaftlich orientierten Zeit überhaupt noch so etwas wie Hingabe? Sollte ein aufgeklärtes Verständnis von Spiritualität nicht darin bestehen, dass sie sich als innere Wissenschaft und als eine Technik der Bewusstseinstransformation versteht?

.
Lesen Sie den kompletten Text in der evolve Ausgabe 21 / 2019


Besuchen Sie uns auf Facebook
ANZEIGEN