Leserstimmen evolve 21

Zu evolve 21 : „Die Zukunft der Religion“

Im Nachklang zu unserem Salon und dem Studium des Heftes hat sich in mir und meinem noch etwas formuliert, das ich gerne mitteilen möchte. Wenn wir von Hingabe sprechen ist es in meinen Augen ent- scheidend zwischen echter und falscher Hingabe zu unterscheiden. Die Religionen und deren interpretatorischer Macht haben alle (wie Freud übrigens auch) das Weibliche als komplementär aber defizitär-masochistisch dargestellt und damit einen kulturellen Sadomasochismus installiert, der meist unerkannt bis heute seine bindende Systemkraft hat. Die „Lust an der Unterwerfung“ ist daher ein großes Thema und bildet den Kern der falschen Hingabe u.a in spirituellen Kontexten, so auch eine gewisse Märtyrereitelkeit, der Lust am Leid und deren sekundären Gewinn.
Ich freue mich, dass, wie ich im Beitrag von Elizabeth Debold studieren konnte, die Anerkenntnis des Heiligen auch in den Geschlechtsmysterien, hier eine Erhebung und einen Durchbruch in einen neuen/alten(?) Seinszustand des Menschseins ermöglicht, einer echten Hingabe an die wahre Liebe!



Ingrid Löw


Mein großes Kompliment auch für dieses neue Heft der evolve! Hier dennoch ein paar ergänzende Anmerkungen:
Ein schwerwiegendes Problem bei einer modern-rationalen Auseinandersetzung mit Fragen nach der Religion ist der Umstand, dass Religion ihrem Wesen nach in sehr tiefen Bewusstseinsschichten wurzelt, während unser modernes Fragen seiner Herkunft und seiner Logik nach aus einer viel „höheren“, mentalen Bewusstseinsebene analysiert: gleichsam mit der Luftbildkamera aus großem Abstand. „Ana-lysiert“, m.a.W.: zerlegt! So wird ausgerechnet diejenige Bewusstseinsschicht aufge-teilt, zer-teilt, die gerade in ihrer integralen Ganzheitlichkeit ihr Wesen, ihren eigentlichen Sinn hat. Hinzu kommt, dass die Dimension von Religion und Spiritualität gleichsam „senkrecht“ zur Dimension unseres modernen Bewusstseins liegt. Nicht zuletzt im Zusammentreffen dieser extrem unterschiedlich funktionierenden Bewusstseinsmodi gründet das schwerwiegende Verständigungsproblem.
Nietzsche verwendete in seinem Buch von der Fröhlichen Wissenschaft das Gleichnis vom Narren, der am hellen Mittag mit seiner Laterne auf dem Marktplatz verzweifelt nach der Sonne sucht. Im Licht seiner Laterne (seines rationalen Bewusstseins) ist sie auch tatsächlich nicht zu finden! Ich fürchte, wir leben heute noch viel mehr als zu Nietzsches Zeiten in dieser Verwechslung der Erkenntnis-Modi. Wir haben heute nur keine Laternen mehr, sondern riesige Scheinwerfer und sogar Laserkanonen und gigantische Teilchenbeschleuniger, die „Gottesteilchen“(!) zu jagen vermögen!
Graf Dürckheim unterscheidet – ähnlich wie Erich Fromm – zwischen Haben und Sein: der Körper, den wir haben und der Leib, der wir sind. Körper und Leib: von außen gesehen: ein und dasselbe! Von innen: zwei Welten! In dieser Unterscheidung zwischen der objektiv-sachlichen und der subjektiv-lebendigen, zwischen der rationalen und der existenziellen Dimension liegt auch das spirituelle Geheimnis der Religion versteckt.

Karlheinz Gernbacher
Schwabach


Die Zukunft des R.E.L.i-Unterrichts (Religion, Ethik, Lebenskunst)
Ich bin absolut begeistert von Eurer profunden Zusammenstellung zum Thema „Die Zukunft der Religion“. Die neun Hauptartikeln bilden auch ästhetisch ein wunderschönes Kaleidoskop, das ziemlich umfassend und auf der Höhe der Zeit die Thematik behandelt. Ich habe jetzt jeden Artikel mindestens zweimal gelesen und mir ist noch nicht die Lust vergangen, dies noch ein weiteres Mal zu tun. Immer wieder entdecke ich neue und überraschende Zusammenhänge.
Als Religions-/Ethiklehrer an einer privaten säkularen Fachschule für Erzieher*innen, der alle Schüler einer Klasse zusammen unterrichtet, stellt sich mir natürlich sofort die Fragen, was haben diese zahlreichen wertvollen Impulse für meinen Unterricht für Konsequenzen?
Wie könnte ein künftiger erfahrungsbasierter dialogischer Religionsunterricht aussehen, in dem z.B. (alles Impulse aus den Artikeln)
– unsere Fähigkeit zum rationalen Denken mit dem tiefen Respekt vor dem Mysterium, dem geheimen Herzen des Lebens verbunden wird (Steininger)
– spirituelle Erfahrungen gemacht (z.B. Stop – Look – Go, Steindl-Rast) und in säkularer humanistischer Form ausgedrückt werden können (Wilber)
– Kinder und Jugendlich verstehen lernen, wer Sie selbst in ihrer eigenen Ursprünglichkeit sind, jenseits der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen werden, d.h. dass sie multidimensionale spirituelle Wesen in dem EINEN sind (Langford).
– gefragt wird, wie die vielfältigen Strömungen und Ideen, die in unseren Religionen weitgehend getrennt erscheinen, zusammenkommen können (Langford) ohne das die Vielzahlt der religiösen Optionen den Weg in die Tiefe verstellen (Kauschke)
– die subtile Schönheit des Bewusstseins und die Schönheit des Herzens ans Licht gebracht wird und in der Kultivierung der Schönheit im eigenen Verhalten mündet (Pir Zia Inayat Khan)
– über Wellness-Achtsamkeit bzw. -Spiritualität das Tor aufgestoßen wird zu tieferen Bewusstseins- und Einheitserfahrungen, durch die anschließend die Welt nicht mehr so dualistisch abgetrennt gesehen werden kann, wie vorher (Scobel)
– man sich auf eine Forschungsreise danach begibt, was uns im Tiefsten und essenziell miteinander verbindet und wie das tiefe Gefühl der Heiligkeit von Leben und seinem Mysterium erweckt und geteilt werden kann (Debold)
– nicht die auserwählte Gruppe der eigenen Religion, sondern das Individuum sowie die Idee der EINEN Menschheit gestärkt wird (Schmidt-Salomon)
– und dabei dann auch noch berücksichtigt wird, dass das Ich bloß ein virtuelles Theaterstück ist, das von einem blumenkohlförmigen Organ in unserem Köpfen inszeniert wird (Schmidt-Salomon)
– der Prozess des ‚Anverwandelns‘ eingeübt wird (Rosmann nach Hartmut Rosa)
– wir immer tiefer, umfassender, kreativer und liebevoller dem Gedicht der Schöpfung lauschen und an der Entfaltung des Lebens mitwirken, als Ko-Poeten des Lebensstromes, der wir sind (Kauschke).
Ich würde sehr gerne mit Gleichgesinnten über diese und andere in den Artikeln aufgeworfenen Fragen ko-kreativ nachdenken und unterrichtspraktische Konsequenzen entwickeln, die auch bei den Schülern ankommen. Wer Interesse hat, bitte eine eMail an axel@sumey.de senden.
Axel Sumey
Tübingen