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Leserstimmen evolve 30

Ich möchte mich bedanken für diese inspirierende Ausgabe von evolve. Gerade in Zeiten, in denen Kultur es schwer hat und eher ein Schattendasein führen muss.
Man wurde beim Lesen der Ausgabe eingeladen, Kunst als soziale Gestaltungskraft und geistige Transformation zu verstehen und zu erforschen. Das war für mich der hauptsächliche »Erkenntnisgewinn«. Denn gerade Kunst öffnet uns ja Türen ins Unbekannte und lässt eine tiefere Dimension der Welt erkennen. Mir wurde noch einmal bewusst, dass das Wahre, Gute und Schöne in dieser momentan doch chaotischen Welt uns nicht nur im philosophischen Kontext die Richtung anzeigt, sondern kultiviert werden will. Wenn Bodo von Plato sagt: »Gerne möchte ich die Ästhetik als eine Erkenntnis- oder Wissensform vorschlagen … als eine schöpferische Lebensform«, öffnete er damit für mich eine Tür, in der sich Kunst und unser Menschsein begegnen und auf tiefere Art befruchten können. Damit bekommt auch der Satz von Joseph Beuys »Die Mysterien finden auf dem Hauptbahnhof statt« eine tiefere Bedeutung. Kunst ist eben nicht »außen«. Sondern geschieht im Hier und Jetzt, da wo ich bin, mitten im Leben.

Gerade die Vielfältigkeit der Artikel hat die Ausgabe zu einem echten Highlight gemacht. Ein weiter Bogen mit inspirierenden Gedanken und einer Menge Hintergrund wurde gespannt.

Helmut Dörmann, Minden


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Ja, Kunst öffnet Welten. Aber auch Abgründe, wenn man denn gewillt ist, da hineinzublicken. Und dieser eher unerfreuliche Aspekt der Wahrheit über Joseph Beuys glänzte in dieser Ausgabe von evolve nahezu vollständig durch Abwesenheit. Der Sinn journalistischer Sorgfaltspflicht liegt in der Abbildung auch des Widerstreits um den Gegenstand der Berichterstattung, die sich in diesem Heft vornehmlich den hohen Sphären esoterischer Weltentrückung à la Glasperlenspiel widmete. Es irritiert, die profane Realität einfach auszuklammern, selbst wenn das nur Fußnoten im Beuys’schen Werk gewesen sein sollten. Und es reicht auch nicht, seine anachronistischen und realitätsfernen Phantasmagorien allein den unverdächtigen Quellen der Romantik zuzuordnen.

Trotz allem gilt hier die Feststellung, dass das künstlerische(!) Lebenswerk von Joseph Beuys einen unbestreitbar hohen Rang einnimmt. Was uns jedoch nicht davon abhalten sollte, auch die manisch-egozentrischen, befremdlichen, völkisch-nationalen und wahrheitsverdrehenden Facetten seiner Vita, die H.-P. Riegel in seiner polarisierenden Biografie recherchiert hat, in die Waagschale zu werfen. Will sagen: all die SS-Kameradschaftstreffen, unsäglichen Auschwitz-Vergleiche oder Apanage-Zahlungen seines in der braunen Wolle gefärbten Mäzens. Und Eva Beuys hat nicht geklagt.

Wie sollte man einem selbsternannten Guru »im Auftrag höherer Wesen« die »Rettung der Menschheit aus dem Ungeistigen« abnehmen, der seine freiwillige Teilnahme als Bordschütze an einem Angriffskrieg niemals bedauerte? Und dessen Engagement bei den Grünen 1983 sein Ende fand, weil sein berstendes Ego unfähig war, sich demokratischen Entscheidungsprozessen zu fügen?

Beuys polarisiert bis heute. Nichts davon war in der evolve zu lesen.
Schade …

Reino Kropfgans, Haan/Rhld.


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Die aktuelle evolve zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys ist ein großartig angelegter und gelungener Wurf, der dem Motto des Heftes »Kunst öffnet Welten« voll und ganz gerecht wird. Viele der Beiträge mit ganz unterschiedlichen Facetten haben mir neue Sichtweisen eröffnet und auch Licht auf schon längst wieder Vergessenes geworfen. Zum Beispiel der Aspekt des offenen Dialoges, den Joseph Beuys immer wieder gesucht und praktiziert hat. Die Begegnungsräume, die der Künstler durch diese Impulse hat entstehen lassen, formten die Soziale Plastik und formen sie bis heute. Der Künstler wusste um diese besonderen Kräfte und fordert uns dazu auf, sein Vermächtnis weiterzuführen. Die Dialogräume der evolve-Salons mit all dem, das dort entstehen darf, gehören heute dazu.
Im Leitartikel wird deutlich, wie die Kunst-Aktionen, Äußerungen und Begegnungen auch und gerade im Gebrochenen hinführen zu einer Sinn-Stiftung. Plötzlich ergänzen sich die Beuys‘schen Aussagen, Performances oder Bildsymbole und ich kann größere Zusammenhänge sehen und Sinn darin finden. Thomas Steininger fordert uns auf, dass wir uns hier auf einen offenen Dialog mit dem Mysterium einlassen mögen. Und Mike Kauschke schließt den Gedanken und Wunsch an, wir mögen uns damit wieder »visionsfähig« machen.

Ganz praktisch setzt dies wiederum die Tänzerin und Choreografin Arawana Hayashi im Social Presencing Theater um, das u. a. mit den Resonanzfeldern der kollektiven Intelligenz arbeitet. Für mich eine wahre Offenbarung, die mir die tiefere Bedeutung der Beuys‘schen Ideen nochmal auf einer anderen, sehr subtilen Ebene verständlich macht.

Und so geht es weiter. Selten habe ich eine Ausgabe mit so viel Begeisterung und zugleich geistiger und seelischer Erfüllung gelesen. Dabei gefällt mir auch die Symbolsprache der eingestreuten Bilder. Sie verweisen auf zentrale ästhetische Momente, die Joseph Beuys wiederholt aufgegriffen hat. Eine Kombination mit QR-Codes gibt der Leserin schließlich die Möglichkeit, sich die wichtigsten Beuys-Aktionen nochmals zu vergegenwärtigen. Was für eine schöne Idee. Großen Dank an das ganze Team für diese hervorragende Ausgabe!

Dr. Ingrid Gardill, München-Gräfelfing


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