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Die Evolution der Ökonomie

Ein systemischer Blick auf Wirtschaft, Mensch und Erde

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Die Finanzkrise der letzten Jahre hat viele Menschen dazu veranlasst, nach neuen (oder alten) Alternativen zum Kapitalismus zu fragen, um andere Wege des Wirtschaftens zu finden. Der Ökonom Said Dawlabani geht einen etwas anderen Weg: Liegt der nächste Schritt für unsere wirtschaftlichen Systeme möglicherweise in einer Evolution in eine umfassendere und lebensfreundlichere Form des Kapitalismus selbst? Vor dem Hintergrund des Werteentwicklungsmodells Spiral Dynamics zeigt er die Konturen solch einer Entwicklung.

Said E. Dawlabani

screenshot_2759Seit der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 haben die Wirtschaftsmächte der westlichen Welt mit den Nachwirkungen der Rezession gekämpft und versucht, ihre Ursachen zu verstehen. Progressive Denker formulieren die Vision einer Alternative mit Märkten ohne Kapital, Waren und Währung und treten dafür ein. Sie suchen jenseits der Werte des gegenwärtigen Kapitalismus eine utopische Zukunft. Aus meiner Perspektive ist es hierbei wichtig zu verstehen, dass auch der Kapitalismus sich entwickelt: Er wandelt sich auf eine Art und Weise, die es uns ermöglichen kann, mit den überwältigenden Ungleichheiten der globalen Wirtschaft konstruktiv umzugehen. In meiner Arbeit wende ich „Spiral Dynamics“, eine umfassende Theorie der menschlichen Entwicklung, auf die Ökonomie an, um die Auswirkungen wirtschaftlicher Richtlinien und Werte auf die Kultur und auf die gesamte Gesellschaft zu erkennen. Da die Zukunft der Menschheit immer komplexer wird, werden lineare Wirtschaftsmodelle, die sich ausschließlich mit traditionellen Maßnahmen menschlicher Produktivität befassen, nur eine Teilantwort zur Verfügung stellen. Um ein Verständnis kultureller Werte und Motivationen mit unserem Verständnis von Wirtschaft zusammenzuführen, bilde ich einen ganzheitlichen System-Ansatz, der den Weg in die Zukunft erhellen kann.
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Von der Strategie zum System

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In dem Ansatz, den ich anwende, wird für das gesamte System angenommen, dass sich Kultur stufenweise entwickelt, und dass man Wirtschaft nicht von gesellschaftlicher Entwicklung trennen kann. Das bedeutet, dass wirtschaftliche Richtlinien der jeweiligen Entwicklungsstufe einer Gesellschaft angemessen sein müssen. Wenn wir die wirtschaftlichen Werte der westlichen Welt ansehen, entspringen sie jener Stufe kultureller Entwicklungsebenen, die wir aus den USA und Westeuropa kennen. Die USA befinden sich größtenteils auf einer Ebene, die Strategien und die Interessen der Unternehmen betont. Viele westeuropäische Länder und ein kleiner Teil der USA bewegen sich jedoch bereits in eine Ebene, die ich „siebte Ebene“ oder „integrale Stufe“ nenne, welche die Fähigkeit zu systemischem Denken und globalen Werten mit einbezieht. Aufgrund dieser Fähigkeit ist die siebte Ebene in der Lage, das große Bild im Blick zu behalten und widersprüchliche Werte zu integrieren. Wenn eine Kultur diese Entwicklungsebene erreicht, wird sie nicht mehr länger von speziellen Ideologien aus der Vergangenheit getrieben. Sie wird durch den kulturellen Entwicklungsprozess selbst angetrieben. Sie tut das, was funktioniert, und sie bleibt sich indessen der Verschiedenheit der Werte zwischen den unterschiedlichen kulturellen Gruppen bewusst. Während Kulturen auf vorherigen Ebenen unfähig sind, Alternativen zu sehen, weil sie in ihren eigenen Werten eingeschlossen bleiben, benützt die siebte Ebene alle verfügbaren Strategien aus der Vergangenheit, um funktionale Lösungen zu finden und zu entwickeln.

Wenn sich die westlichen Länder in dieses „integrale System“ hinein bewegen, wandeln sich wirtschaftliche Werte in der Kultur, in den Organisationen und im Individuum: vom strategischen Denken, das dazu diente, den persönlichen Profit zu maximieren, hin zu systemischer Rücksichtnahme, die den Globus als Ganzes sehen kann. Dieses System ist sich dessen bewusst, dass das Leben auf der Erde einen einzigen Organismus mit einem hohen Grad an holistischer, gegenseitiger Abhängigkeiten bildet. Es erkennt auch die Notwendigkeit an, ständig in Verbindung mit den Bedürfnissen derjenigen zu stehen, die Teil des Systems sind, und erlaubt das Ersetzen alter und schädlicher Werte mit neuen und gesunden Werten, um weiterhin funktionieren zu können.

Auf der siebten, integralen Ebene gibt es weder dominante, feststehende Philosophien noch Dogmen, da das Denken vorrangig flexibel ist und sich am kulturellen Entwicklungsprozess orientiert. Von diesem Blickwinkel her haben sowohl jene recht, die glauben, dass die Regierung eine Rolle in der Entwicklung der Kultur spielen muss, als auch jene, die an eine freie Marktwirtschaft glauben. Beide Ansichten werden als gleichwertig betrachtet, solange sie in ein großes Gesamtschema integriert sind, das auf lange Sicht wirtschaftliche Nachhaltigkeit entwickelt, ohne dem Menschen und dem Planeten zu schaden und gleichzeitig einen fairen Gewinn erwirtschaftet. Mit anderen Worten, wirtschaftlicher Profit ist nicht wichtiger als das Wohlbefinden der Menschen und die Fürsorge für den Planeten.

Führungspersonen, die in diesem System zentriert sind, haben die Fähigkeit, wirtschaftliche und soziale Paradoxien zu lösen, welche die Systeme unterhalb dieser Ebene nicht lösen können. Sie verstehen das Denken und die Motivation des Anderen, anstatt die geschlossenen Systeme und selbstbezogenen Motivationen anderer Menschen und Institutionen zu fürchten. Als Folge dessen sind Lösungen systemischer, widerstandsfähiger, von beachtlich höherer Qualität und Langlebigkeit. Integrale Führungskräfte sind interessiert an der Kontinuität des Lebens über ihr eigenes Leben hinaus und nicht nur selbstbezogen oder auf kurzzeitige Gruppeninteressen ausgerichtet.

In solchen Werten verankert wandeln sich die antiquierten, hierarchischen und rigiden Strukturen von Organisationen hin zu optimal funktionierenden Strukturen mit einer innewohnenden und intuitiven Intelligenz. Innerhalb dieses Wertesystems gibt es keine Organisationen, die so groß oder wichtig wären, dass sie nicht scheitern können – seien es Regierungs-, Non-Profit- oder For-Profit-Organisationen. Fehlschläge geschehen auf natürliche Art, ohne die gesamte Gesellschaft in Mitleidenschaft zu ziehen.
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Europa einen Schritt vorn

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Die Bewegung auf diese siebte, integrale Ebene findet tatsächlich statt – oder sie beginnt zumindest. Einige Teile Europas sind dabei in ihrer Bewegung auf die siebte Ebene den USA einige Jahrzehnte voraus, und diese Entwicklung tritt auf den zwei Kontinenten in unterschiedlicher Art und Weise in Erscheinung: Die USA scheinen durch wirtschaftliche Notwendigkeit motiviert, während diese Entwicklung in Ländern wie Deutschland, den Niederlanden und Norwegen eine Besinnung auf die Entwicklung ihrer Werte zu sein scheint. In den USA zeigt sich diese Ebene in zwei Formen: Die erste ist unfreiwillig und disruptiv, während die zweite emergent und bewusst ist. Die erste entstammt der Natur des digitalen Zeitalters und der Wissensökonomie, während die zweite aus der bewussten Entwicklung der menschlichen Werte hervorgeht.
Die Wissensökonomie benutzt Zusammenarbeit, Gleichrangigkeit, Austausch und Open Sources, um die Mauern der alten Werte niederzureißen, die in vielen Fällen einengend und schädlich geworden sind.

Traditionelle wirtschaftliche Aktivitäten haben sich historisch bedingt hinter Mauern der Geheimhaltung und des Privateigentums verschanzt. Die Wissensökonomie hat weitaus bessere Chancen, die Werte der Vergangenheit in den USA zu transformieren, als wenn man darauf wartet, dass sich heutige wirtschaftliche Praktiken freiwillig auf höhere Bewusstseinsebenen entwickeln. Die aus der Wissensökonomie entstehende Zerrüttung ist ein Beispiel dafür, was ich einen funktionellen Kapitalismus nenne. Er kann in den USA die Grundlage für ein neues Wirtschaftssystem bilden, das auf den Werten der siebten Ebene beruht: Indem diese Industrie heranreift, wird sie die kapitalistischen Werte in Amerika in ihrem Kern neu definieren. Es ist ein System einer verteilten Intelligenz, die von Unternehmen angeführt wird, die von der Funktionalität von Systemen profitieren, wie beispielsweise Google. Es zwingt viele Industrien in den USA – von Verlagen bis hin zu Fertigungsbetrieben – grundsätzlich neue und andersartige Geschäftsmodelle zu adaptieren oder zu sterben. Sogar die Bankenwelt ist nicht gegen diese Zerrüttung immun, zumal mehr und mehr Unternehmen ihr Kapital aus dezentralisierten Quellen beziehen, wie etwa Crowdfunding und Milliardäre, welche sich um eine globale Sicht der Menschheit bemühen und das Leben für alle verbessern wollen.

Der zweite Weg, auf dem die USA diese siebte Ebene der wirtschaftlichen Werte betreten, ist das freiwillige Annehmen der Werte der Bewegung des „bewussten Kapitalismus“. In diesem Modell des Kapitalismus sind die Nutznießer wirtschaftlichen Handelns nicht allein die Aktionäre, sondern eine ganze Reihe von Interessengruppen, welche die Kunden, die Arbeiter, den Zulieferer, den Zustand der Zulieferkette und das Wohlergehen des Planeten mit einschließen. Viele werden argumentieren, dass eine Anzahl dieser Interessengruppen während der letzten Jahrzehnte schon in europäischen Geschäftsmodellen berücksichtigt wurden, und das ist sicher wahr. Während Europa eine lange und gesunde Beachtung der gemeinschaftlichen Wertesysteme pflegte, wobei alle Interessengruppen berücksichtigt werden, sind die Wertesysteme in den USA eher individualistisch geblieben. Als Folge dessen können in den USA Bewegungen wie der „bewusste Kapitalismus“ dabei helfen, den Übergang von strategischen zu globalen, integrativen Werten zu schaffen.
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Politische Vision und notwendiges Handeln

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In Nord- und Westeuropa haben sich viele Elemente der Werte des „größeren Bildes“ der siebten, integralen Ebene als natürliche Rahmenbedingungen menschlicher Werte herausgestellt. Im Unterschied zu den USA gab es hier nicht den plötzlichen Schock, der durch das digitale Zeitalter entstand und der viele wirtschaftliche Teilbereiche in den USA überflüssig gemacht hat. In den liberalen und sozialen Demokratien Europas werden alle Institutionen wie die Regierungen, die Gewerkschaften, die privaten Unternehmen, das Gesundheitssystem, das Erziehungssystem und die Nicht-Regierungsorganisationen als Partner in der Förderung und Verbesserung der menschlichen Werte betrachtet: All diese Interessengruppen haben Anteil an deren Sicherstellung, damit die drei Grundbereiche des Systems der siebten Ebene – Menschen, Profit und Planet – immer gleich wichtig bleiben. Die Anwendung nachhaltiger Strategien ist ein aussagekräftiges Anzeichen der Werte dieses Systems. Während in den USA traditionelle wirtschaftliche Werte noch die Ölindustrie schützen und endlos über das Thema der globalen Erwärmung debattiert wird, hat sich Westeuropa durch grüne Energiepolitik in Richtung der energetischen Unabhängigkeit bewegt. Für die Deutschen ist die Debatte um die Frage, wer für die Reduzierung des globalen Kohlendioxid-Ausstoßes verantwortlich ist, längst vorbei: Während ihre fieberhafte Fortsetzung einer grünen Energiepolitik von heutigen amerikanischen kapitalistischen Werten her gesehen als fehlgeleiteter Ansatz gesehen werden kann, sind sie in Wirklichkeit ein Paradebeispiel für eine integrale Herangehensweise an Wirtschaftspolitik, welche die dringende Notwendigkeit sieht, unseren Planeten zu schützen.

screenshot_2761Während wir die Vision einer post-kapitalistischen Utopie lebendig halten, können wir gleichzeitig von den Werten dieser siebten, integralen Ebene her beginnen, die Schäden zu heilen, die durch frühere kapitalistische Werte verursacht wurden. Das ist ein wichtiger und notwendiger Schritt nach vorn. Heute führen die USA und Westeuropa die Welt mit den höchst entwickelten Formen des Kapitalismus an, aber nur fünf bis sieben Prozent der Führungspersonen in der Welt arbeiten und wirken aus einer integralen Sicht. Von dieser Perspektive aus müssen wir eine Nachfolge-Organisation der Vereinten Nationen aufbauen, die wirkungsvoll die Probleme der Menschheit in der ganzen Welt lösen kann. Nur von hier aus können wir die Fürsorge und Verantwortlichkeit für unsere Mitmenschen entwickeln – in einer Zeit, in der noch mehr als 60% der Weltbevölkerung von weniger als fünf Dollar am Tag leben.

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