Menschheit im Übergang

Dialoge in einer erregten Welt

Die Medienwelt hat sich in den letzten 40 Jahren radikal gewandelt. Ein Wandel, den wir erst langsam zu verstehen beginnen und auf den wir noch keine Antworten haben. Aber was können wir tun? Welche Aufgabe hat eine integrale Bewusstseinskultur in dieser dramatischen Zeit?

Thomas Steininger

Wir leben in einem großen Übergang. Der geschichtliche Wandel, den wir in diesen Jahren durchleben, entfaltet eine Geschwindigkeit, die wir so noch nie gesehen haben. Eine der treibenden Kräfte dieser Revolution sind die neuen sozialen Medien, eine völlig neue Medienwelt. Wir beginnen erst langsam zu verstehen, was hier geschieht. Die neuen Medien verändern die Art und Weise, wie wir unsere Beziehungen leben. Sie gestalten das Verhältnis von privatem und öffentlichem Raum neu. Sie revolutionieren die Grundlagen des öffentlichen Raums – jenes Raums, in dem wir uns als Gesellschaft darüber verständigen, wer wir sind und wer wir sein wollen. Etwas hat hier gerade erst begonnen. Und wahrscheinlich bleiben noch Erinnerungen an jene Augenblicke, in denen wir merkten, hier geschieht etwas, hier entsteht eine neue Welt.

Für mich war so ein Moment ein Nachmittag Mitte der 90er-Jahre in der Nähe von San Francisco. Es war ein Nachmittag mit meinem neuen Modem und meinem Computer und einem Versuch, mich über die Telefonleitung in das mir noch neue Internet einzuwählen. Am Ende dieser Bemühungen las ich auf meinem Schwarz-Weiss-Bildschirm in einer Art Rohtext einen Zeitungsartikel meiner Wiener Tageszeitung – vom selben Tag! Und ein österreichischer Freund meldete sich live in einer Chatgroup. Die 10.000 Kilometer zwischen der amerikanischen Westküste und Europa waren plötzlich verschwunden.

Das Private und der öffentliche Raum

Dieser Nachmittag in San Francisco war eine Initiationserfahrung: »Die Welt wird zum Dorf. Alles ist jetzt mit allem verbunden, jetzt und immer.« Heute, 25 Jahre später, versuche ich noch immer, die rasende Entwicklung dieser neuen Wirklichkeit zu verstehen. Freundschaft funktioniert heute auch anders. Früher brauchte sie physische Nähe. Zumindest besuchte man sich, um die Freundschaft zu pflegen. Heute habe ich Freunde auf den Philippinen und in Guatemala. Manche habe ich außer auf dem Bildschirm noch nie gesehen. Sie leben in anderen Welten, aber über Facebook habe ich persönliche Einblicke in ihr Leben. Und über Videotreffen am Bildschirm entstanden echte, ja wichtige Beziehungen.

Auch die Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum gibt es nicht mehr so wie früher. In mein privates Leben hatte die Öffentlichkeit früher keinen Einblick. Heute sehen viele Menschen und auch Institutionen auf Facebook, mit welchen Freunden ich gerade in einem abgeschiedenen Tal in den Bergen bin. So verbreitet sich die Intimität eines persönlichen Augenblicks über das globale Netz.
Aber auch der Prozess der öffentlichen Meinungsbildung, die Grundlage jeder Demokratie, hat sich fundamental verändert. Nachrichten kamen früher durch die allabendliche Tagesschau und vielleicht unsere Tageszeitung ins Haus. Heute kommen sie in einem Strom von Links und Kommentaren aus den weltweiten, persönlichen Netzwerken. Und anonyme Algorithmen zeigen mir auf YouTube weitere Links, von denen sie meinen, ich wollte oder sollte sie sehen. Lag die öffentliche Meinungsbildung noch vor kurzer Zeit in den Händen der großen Medien, so entsteht sie immer mehr in einem dynamischen Wildwuchs persönlicher Beziehungsnetze des Internets.

Der öffentliche Raum ist nicht irgendein Raum. Er ist das Herz unserer Gesellschaft. Hier bildet sich unser Zeitgeist. Hier entscheiden wir, wie wir uns und unsere Gesellschaft verstehen. Die neuen Medien sind eine Operation am Herzen unserer offenen Gesellschaft. Wer sind die Ärzte, die diese Operation leiten? Und sind wir darin mit einbezogen, wie diese Operation verlaufen soll?

Die neuen sozialen Medien sind die grundlegendste mediale Umwälzung seit Erfindung des Buchdrucks. Damals, vor 500 Jahren, mit dem Aufkommen der gedruckten Bücher und Flugblätter, endete das Mittelalter. Die Druckerpresse brachte die Neuzeit, aber sie brachte auch den 30-jährigen Krieg. Auch heute erschüttert eine solche Umwälzung unsere Welt. Es liegt an uns, einen Übergang zu finden, der unsere Demokratien weiter entwickelt und nicht zerstört.

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Lesen Sie den kompletten Text in der evolve Ausgabe 20 / 2018


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