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Gottes Sein ist im Werden: Eine Mystik der Lebendigkeit – Sebastian Painadath

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Sebastian Painadath

Ein Interview mit Sebastian Painadath

Mystische Erfahrungen sind lebendig, so der Jesuitenpater Sebastian Painadath, sie bringen uns mit der Seinsdynamik in Verbindung, die allen spirituellen Traditionen zugrunde liegt. Diese Einsicht ermöglicht einen echten interreligiösen Dialog und führt uns in die Wandlung, in der unsere tiefsten Erfahrungen ihren liebenden Ausdruck in der Welt finden.

evolve: Warum ist es für Sie heute so wichtig, ein dynamisches Verständnis von Spiritualität, von Göttlichkeit zu betonen?

Sebastian Painadath: Wir leben und denken heute viel dynamischer als früher, unter anderem auch geprägt von den Entwicklungen in der Physik mit ihrer Erforschung der Schwingung. Denn die Physik erklärt uns: Alles ist Schwingung. Materie ist Energie. Der Kosmos ist ein sich ständig ausdehnender Prozess. Wir befinden uns in einem fortlaufenden Werdegang. Die uns umgebende Natur ist in ständigem Wandel. Unser Leib ist ein werdendes Wesen, das sich mit jedem Atemzug verändert. Alles ist in Verwandlung, alles ist Schwingung. Nichts steht. Dies sind entscheidende Einsichten der heutigen Physik. Sie haben unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit tief verändert und die naturwissenschaftliche Forschung gewaltig vorangetrieben.

In dieser dynamischen Weltsicht dürfen wir die Frage nach Gotteserfahrung und Spiritualität neu stellen. Viele Gottesbilder, die die Weltreligionen aufstellen, kommen aus einer statischen Weltsicht. Im Leben und im Denken erfahren wir heute eine gewisse Schnelligkeit und globale Kommunikation, weshalb uns statische Gottesbilder nicht mehr ansprechen. Und wenn wir zu den Ursprüngen der religiösen Erfahrungen im Hinduismus, Buddhismus oder Christentum gehen, spüren wir, dass alle Religionen eigentlich aus der Wahrnehmung einer spirituellen Dynamik, einer göttlichen Schwingung entstanden sind. Erst später wurden sie in statischen Bildern vermittelt.

evolve: Wie können wir diese Dynamik wieder in unsere Erfahrung bringen?

Sebastian Painadath: Um diese göttliche Dynamik wahrzunehmen, müssen wir viel nach innen horchen, in die Tiefe schauen, zum Herzensraum kommen. Und auch das ist letztlich eine Botschaft in allen Religionen. Jesus sagte: »Wenn Du betest, gehe in Deine innere Kammer. Bete im Geist und in der Wahrheit«. Und der Buddhismus legt auch viel Wert auf Stille, der Hinduismus mit klassischen Yoga-Tradition spricht ebenfalls von Stille. Ich glaube, dass Stille enorm wichtig ist und auch die damit verbundene spirituelle Disziplin.

Durch die Erfahrung der Stille können wir zwischen den zwei Schichten der Wahrnehmung unterscheiden: zwischen Verstand und Intuition (buddhi). Die durch die fünf Sinne vermittelten Eindrücke werden im Verstand verarbeitet und in Begriffe verwandelt. Der Verstand vergegenständlicht alles. Der Verstand kann etwas verstehen, nur indem es als Objekt betrachtet wird. Der Verstand agiert in der Ich-Du/Es Struktur. Auch das Göttliche wird vom Verstand vergegenständlicht. Die alles durchdringende göttliche Gegenwart wird als personales Du angesprochen und angebetet. Hier entfalten sich Namen und Formen, Gegenstände und Gestalten, Riten und Dogmen, Normen und Strukturen, die eine Religion ausmachen.
Aber der Verstand zusammen mit den Sinnen erreicht nur ein kleines Spektrum der Wirklichkeit. Der Verstand kann die Dinge nur als statische Gegenstände betrachten. Die dynamische Natur der Realität nehmen wir durch ein tiefer greifendes Organ wahr: durch den Buddhi. Durch den Buddhi schaut man in die Tiefe der Wirklichkeit, auch in das Geheimnis des Göttlichen hinein. Buddhi ist eine im Menschen angelegte Wahrnehmungsfähigkeit, aber sie muss von innen erleuchtet werden.

Wenn das innere Licht erstrahlt und der Buddhi erleuchtet wird, schaut man in den Innenraum hinein, den man in allen Religionen als Herz bezeichnet. Das Herz ist der sakrale Raum in uns, der göttliche Raum. Mit dem erleuchteten Herzensauge nimmt man die dynamische Natur der Wirklichkeit wahr, die als Sūnyata bezeichnet wird.

evolve: Sie interpretieren diesen Begriff der Sūnyata neu. Gemeinhin als Leerheit übersetzt, sehen Sie darin etwas viel Dynamischeres.

Sebastian Painadath: Ja, als Buddha zu seiner Erleuchtung kam, konnte er seine gewaltige Erfahrung nicht in Worten ausdrücken. Er schwieg, heißt es. Er schwieg und schwieg, und als ihn die Jünger immer wieder fragten: »Was hast Du erfahren?«, hat er einmal gesagt: »Alles ist Sūnyata, alles ist Sūnya.«, was oft als Leere aufgefasst wurde. Dieses Wort stammt aber aus der Sanskrit Sprachwurzel swi, die bedeutet: anschwellen, sich weiten, bewegen. Sūnyata bedeutet also ungeheure Seinsdynamik: Alles ist in Bewegung – dies war die tiefste Erkenntnis des Buddha bei seiner Erleuchtung. Es gibt nichts, was steht. Alles ist im Werden, in einem Fließen. Sein ist im Prozess. Dinge als statische Einzelheiten zu betrachten, ist letztlich eine Täuschung der Sinneswahrnehmung und des Verstandes. In dieser Seinsdynamik ist alles mit allem tief verbunden. Alles, was wir als getrennte Realitäten betrachten ist eigentlich in einem fortlaufenden Werdegang, in dem jedes von jedem die Ursache ist und Wirkung zugleich.

evolve: Hat diese Dynamik, Bewegung, dieses Werden, für Sie eine Richtung? Sind der Begriff der Evolution oder auch Mystiker wie Teilhard de Chardin, die diesen evolutionären Aspekt sehr stark betont haben, für Sie von Bedeutung?

Sebastian Painadath: In der christlichen Erfahrung haben wir die dynamische Gegenwart des Göttlichen in Jesus Christus erkannt. Was wir in Christus erkannt haben, wird im Johannes-Evangelium als »Logos« oder Geist bezeichnet. Das Wort Geist weist wiederum auf diese Schwingungsdimension hin. Und dieser Geist Gottes verwandelt alles zum Neuen. Gottes Geist wirkt in uns, verwandelt unser Leben immer neu und führt uns in ein Verwandlungsgeschehen. In uns erleben wir diese Wandlung als Vergöttlichung des Menschen, wenn also unser Leben am göttlichen Leben teilnimmt. Und dieser dynamische Verwandlungsprozess vollzieht sich in der ganzen Schöpfung. Paulus sagt, die Schöpfung warte auf die Herrlichkeit Gottes.

Teilhard de Chardin hat dafür den Begriff Omega geprägt und im Buddhismus wird es als kosmisches Nirvana bezeichnet, der Hinduismus spricht auch von dem Pralaya als einer Art Endzustand. Paulus sagte: »Am Ende wird Gott alles in allem sein.«, das heißt, der gesamte Kosmos entfaltet sich trotz aller zerstörerischen Mächte darauf hin, dass am Ende Gott alles in allem sein wird. Das ist meine Hoffnung und Erwartung und mein fester Glaube. Das verlangt von uns enormen Mut und Kraft, um uns für eine neue Welt einzusetzen.

evolve: Ergibt für Sie dieses dynamische Verständnis von Religion auch eine neue Grundlage für den interreligiösen Dialog?

Sebastian Painadath: So ist es. Wenn wir mit den statischen Bildern arbeiten und daran festhalten, dann gehen wir oft auseinander. Die Bilder sind Bilder, wir müssen darüber hinausgehen und dann können wir die Wirkung des Geistes überall spüren und die Schwingungen des Logos in allen heiligen Schriften wahrnehmen.

evolve: Wie kann es für Sie aus diesem dynamischen Gottesverständnis zu einer Verbindung von östlicher und westlicher Spiritualität kommen?

Sebastian Painadath: Das ist eine Vision, die ich seit Jahren habe, und ich kann sie mit einem Bild verdeutlichen: Wir sind mitpilgernde Schwestern und Brüder – mit anderes glaubenden Menschen, seien es Muslime, Hindus, Buddhisten. Wir sind alle unterwegs auf die Erfüllung hin, auf das Göttliche hin sind wir unterwegs. Auch das ist ein dynamisches Bild. Diese Pilgerfahrt ist nichts Statisches, sondern wir sind immer unterwegs. Und in diesem Unterwegssein, in diesem Pilgern, teilen wir den anderen unsere Gotteserfahrung mit und werden durch die Erfahrungen der anderen bereichert. Das ist die Vision der Zukunft, auf diese Harmonie der Religionen müssen wir hinarbeiten.

evolve: Sie setzen diese Vision auch konkret um. Sie haben einen Ashram in Indien, wo Sie genau diese Vision leben.

Sebastian Painadath: Ich habe 1987 diesen Ashram gegründet, als einen Ort, wo sich Menschen verschiedener Religionen und Kulturen wohlfühlen können. Wenn sie hereinkommen, müssen sie sagen können: »Hier fühle ich mich beheimatet, akzeptiert.« Seit drei Jahren kommen sehr viele Jugendliche aus islamischen Kreisen. Islamische Organisationen schicken regelmäßig etwa 70 Jugendliche für drei bis vier Tage zu uns, um an einer Schulung teilzunehmen. Wir haben regelmäßige Seminare, z. B. gibt es jeden zweiten Samstag im Monat ein Seminar, wo wir drei Vertreter der Religionen einladen, über ihre heiligen Schriften zu sprechen. Dann gibt es auch eine parallele Reihe, wo Gelehrte einer Religion die Schrift einer anderen Religion respektvoll darstellen. Ein Hindu interpretiert den Koran oder ein muslimischer Imam spricht über die Bergpredigt Jesu. Ich als Christ habe die Upanishaden dargestellt. Wenn wir so über die Grenzen hinausschauen, kann Harmonie wachsen und wir können das Verbindende finden, das die Mystiker aller Religionen immer betont haben.

evolve: Was ist für Sie dieses Verbindende, das sich aus der mystischen Tiefe der Religionen entfalten kann?

Sebastian Painadath: Aus Sicht der Mystik ist es die dynamische Einheitserfahrung, durch die wir resonanzfähiger für die Schwingung des Geistes, durchlässiger für die gestaltende Gegenwart des Geistes, achtsamer für die Bewegungen des Geistes werden. Mit uns und durch uns gestaltet der Geist eine neue Schöpfung. Das zeigt sich vor allem in Barmherzigkeit. In der mystischen Erkenntnis der Seinsdynamik und der daraus wachsenden Barmherzigkeit treffen sich alle Religionen in der Tiefe. Seit der alten vedischen Zeit wurde in der Hindu-Tradition Barmherzigkeit als der höchste ethische Wert angesehen. Im Buddhismus wird Buddha als die Gestalt der Barmherzigkeit (karuna) angesehen. Er ist der Ausdruck der in allem vorhandenen Buddha-Natur, die eigentlich Barmherzigkeit ist.

Darum hat auch Jesus Barmherzigkeit immer höher gestellt als Riten und Gesetze. Barmherzigkeit ist nicht etwas, das wir erzeugen, sondern empfangen; es geht nicht um eine Leistung von unserer Seite, sondern um eine Gnade, die wir in uns und um uns zulassen dürfen. Barmherzigkeit ist ein gebärender Vorgang. Wenn wir die göttliche Schwingung im Herzensraum wahrnehmen und uns aus dieser Wahrnehmung dem Leidenden zuwenden, dann fließt eine göttliche Liebesenergie durch uns, die sich heilend auswirkt. Durch Barmherzigkeit gebären wir Gottes Gegenwart im Leben des anderen, wie es schon die Kirchenväter formuliert haben. Als Reben am göttlichen Weinstock sind wir gleichzeitig von Gott Geborene und Gott Gebärende. Barmherzigkeit bedeutet eine sich gegenseitig befruchtende Beziehung zwischen Menschen und dem Göttlichen. Durch Barmherzigkeit erkennen wir, dass wir nicht bloß Kinder Gottes sind, sondern auch Mütter Gottes. »Ich gebäre den, von dem ich geboren bin«, sagte Meister Eckhart.

Mystikerinnen, Mystiker und Meister der östlichen Mystik und des Christentums treffen sich in der Erfahrung, dass die göttliche Gegenwart eine enorme Schwingung ist, die sich in der Liebesenergie ausdrückt und alles durch Barmherzigkeit verwandelt.

Das Interview führte Mike Kauschke.

Sebastian Painadath ist ein indischer Jesuitenpater, Autor spiritueller Bücher, Referent zu spirituellen Themen und Leiter des christlichen Ashrams Sameeksha in Kalady, Indien.