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Aus dem Leben eines Taugenichts: Eine Besprechung des Buches „Autobiographie der Nacht“ von Martin Spura

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Eine Besprechung des Buches „Autobiographie der Nacht“ von Martin Spura

Benedikt Maria Trappen
Mit seinem 2009 erschienenen, ebenso tiefgründigen wie umfangreichen Buch „Das verweigerte Opfer des Prometheus“1 hat der 1976 in Blaubeuren geborene Kulturwissenschaftler, Psychotherapeut und Traum- und Mythenforscher Martin Spura eindrucksvoll bewiesen, dass er nicht nur die abendländische Geistesgeschichte gründlich kennt und mit den Meistern zu denken versteht, sondern die Not unseres Zeitalters erkannt und die Notwendigkeit einer Wandlung begriffen hat. Doch nicht nur das Denken muss sich wandeln, seine bloße „Verständlichkeit“ einem „Herzdenken“ opfern, das sich in der Tiefe berühren lässt. Die Seele ist zu einer Wandlung aufgerufen, welche das Denken nur vorbreiten kann. Mythen und Träumen kommt auf diesem Weg der Menschwerdung eine erhellende und wegweisende Bedeutung zu: „Heute geht es nun darum, die Wirklichkeit hinter dem Bildhaften des Mythos zu erfahren und aus diesem Erlebnis zu einem neuen, bewussten Schaffenswerk inspiriert zu werden“2, schrieb Spura am Ende seines Buches programmatisch und wies zugleich darauf hin, dass es vielfältige Wege und Ausdrucksformen geben kann und wird, in denen Einzelne dieses Werk vollziehen.

Mit seinem neuen Buch „Autobiographie der Nacht. Ein Traumbuch“3 hat Spura nun auf bislang einmalige Weise Einblick in seine Traum- und Lebensgeschichte und das sich darin vollziehende Wandlungsgeschehen gegeben. Zu Recht weist er zu Beginn darauf hin, dass der Familienroman, die Aufarbeitung der persönlichen Lebensgeschichte, die mit der ebenso schmerzlichen wie peinlichen Einsicht in den Schatten beginnt, selbst in den bedeutenden Dokumentationen des Individuationsprozesses von C.G. Jung, erst recht aber in den Werken bedeutender Philosophen meist zu kurz kommt oder fehlt. Spura verweist in diesem Zusammenhang ausdrücklich auch auf Martin Heidegger, dessen biografische und zeitgeschichtliche Verstrickungen noch immer einen schmerzlichen Schatten auf das gleichwohl bedeutsame Werk werfen. Anders freilich sieht es mit dem Leben und Werk Hermann Hesses aus, an dessen „Demian“ und „Steppenwolf“ Martin Spura anzuknüpfen scheint. Aber er tut dies anders. Sein Ausgangsmaterial sind Träume, die er aus mehr als 7000 Aufzeichnungen aus zwei Jahrzehnten ausgewählt hat und von denen aus er seine Lebensgeschichte radikal erhellt. Eine Entblößung ohne Gleichen. Den Leser erwarten keine philosophischen Einsichten und Erleuchtungen. Zwar geht es auch Spura um Erkenntnis, Verwirklichung, Befreiung. Aber er weiß, dass dieser Weg nur sinnvoll möglich ist, wenn er sich selbst radikal in Frage stellt. Was im Denken und Dichten der Romantik vor allem als Aufgabe und Weg des Menschen antizipiert wurde, wird hier erlebt und erlitten. Entscheidend dabei allerdings ist, dass das Licht des Bewusstseins auch in der tiefsten Finsternis nicht ganz erlischt und fähig bleibt, an dem oft überwältigenden und mitreißenden Geschehen Anteil zu nehmen. Nicht, dass das Wunderbare dabei fehlt. Es begegnet dem Leser bereits zu Beginn, wenn das Traumbuch, das er gerade in Händen hält und liest, im ersten geschilderten Traum angeschwommen kommt. Die Dramaturgie des Traumbuches entspricht allerdings nicht der Chronologie der Ereignisse. Wesentlicher ist es dem Autor, die verborgenen Fäden sichtbar werden zu lassen und zu verknüpfen, mit denen das Unbewusste Schicksal und Leben webt.

Dass dem Wunderbaren aber das oft kaum noch Erträgliche, Schmerzliche, auch Peinliche vorausgeht, wird dem Leser unmissverständlich deutlich, wenn Spura immer wieder seine Lebens- und Leidensgeschichte erzählt und bekennt. Kein Held stellt sich hier dar. Dem Leser begegnet vielmehr ein Träumer, ein Taugenichts, ein Verlierer, ein Opfer, einer, dem der Weg ins Leben versperrt bleibt und der sich, ohne dass er weiß warum, ins Denken und Träumen flüchtet und seine Berufung und Bestimmung mehr ahnt als kennt. Die Träume aber wissen mehr und helfen ihm dabei, die schmerzlichen Ereignisse der Lebensgeschichte allmählich zu verstehen: der Ehekrieg, zwischen dessen Fronten das Kind früh gerät; die allzu enge Bindung an die Mutter, deren negatives Vaterbild es unmöglich macht, den Vater positiv zu erleben und kraftvoll auf dem Weg ins Leben zu verinnerlichen; die leib- und sinnenfeindliche Religion des Großvaters, dessen Ideale der Aufopferung im Dienste der andern die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse unmöglich macht; die betonte Unschuld und Reinheit der Mutter, ihr Ideal der Treue, das es dem Heranwachsenden unmöglich macht, sich spielerisch dem Weiblichem zu nähern und seine reifende Männlichkeit zu erproben. Bürgerliche Konvention und moralisch-religiöses Ideal ersticken den Drang nach Autonomie. Was leben will, nach Freiheit, Entfaltung und Erfüllung drängt, muss unterdrückt, abgespalten werden und kann nur im Untergrund, im Unbewussten, dem Schatten weiterleben, von wo aus es immer wieder, im Drogenrausch wie im Jähzorn, störend in das bemüht inszenierte bürgerliche Leben durchbricht. Schuld und Scham sind die Folge, Verzweiflung, Ausweglosigkeit. Der Mensch wird gespalten, schizophren.

Wie viel Mut braucht man, sich dies auch nur selbst einzugestehen, den Blick in den Spiegel zu wagen und das Entsetzliche zu ertragen. Der Leser beginnt zu ahnen, dass gerade hierin das wahrhaft Heldenhafte der „Nachtmeerfahrt“ liegt. Der Drache muss im eigenen Selbst getötet, zumindest überwunden, bewältigt, ja erlöst werden. Das Selbst-Bild ist es, das immer wieder sterben muss, wenn sich der Weg ins Leben, der Weg zum Du öffnen soll, die Bilder der andern müssen überwunden werden, das Welt-Bild überhaupt. Die lebenslange Konditionierung muss durchbrochen, gelöscht werden. Wer ins Leben geboren werden, mit eigenen Augen sehen will, muss die alte Welt zuerst zerstören. Auf diesem not-wendigen Weg entdeckt der Autor unvermeidlich das, was seine persönliche Geschichte übersteigt und dennoch prägt. Die die Jahrhunderte durchziehende Verstrickung in Gewalt und Schuld, Missbrauch, Krieg und Vernichtung, die von Generation zu Generation weitergeben wird, den kollektiven Schatten, die Erbsünde. Und er begreift, dass nicht Verurteilung und scheinbare moralische Überlegenheit zur Erlösung führen, sondern nur das mitfühlende Erleben und Verstehen.

Nur im einsichtsvollen Vergeben, Er-Lassen der schuldlosen Schuld der andern, wird einem selbst Vergebung, Er-Lösung zu teil. Ist die christliche Religion – recht verstanden – nicht Spiegelbild des Lebens, wie es ist und kann darum einen Weg aus dem Dilemma weisen? Doch scheint die institutionalisierte Religion und ihr starres Gottesbild davon nichts mehr zu wissen. In ihr findet der Autor keine Zuflucht. Der Weg konventioneller Frömmigkeit ist ihm versperrt. Er muss seinen eigenen Weg in das tief ersehnte Leben finden, jenseits von Gut und Böse und Zeugnis davon ablegen.

Martin Spura versteht es meisterhaft, dem Leser die Be-Deutung der seinen abenteuerlichen Weg begleitenden und eröffnenden Traumbilder und deren Entsprechung im Wachleben zu erschließen. Die „Autobiographie der Nacht“ ist daher nicht nur beispielslose radikale Öffnung und Beichte, sondern zugleich Paradigma biographischer Arbeit, die von immer mehr Menschen zu leisten ist, die zum Bewusstsein ihres Unheils, ihrer Zerrissenheit erwachen und denen die Zuflucht in den Kinderglauben verwehrt ist. Der Kern dieser Aufgabe freilich ist das „Geschäft“ jeder sich recht verstehenden Philosophie und Religion: Umkehr, Wiederholung, Lebensrückblick, Blick in den Spiegel, Selbst-Erinnerung, Selbsterkenntnis. Sich auf diesem gefahrvollen Weg, dem Zwischenzustand oder Bardo des tibetischen Buddhismus, nicht in Emotionen, Ideen und Bildern zu verfangen, sondern mutig und unbeirrt die Bilder der Spiegel-Welt als solche zu erkennen und immer weiter zu gehen bis zur Gewissheit des „Ich bin“, der Geburt des Selbst und der Schöpfung einer neuen Welt, ist die eigentliche Schwierigkeit und Herausforderung. Möge Martin Spuras ebenso meisterhaftes wie mutiges Buch vielen Menschen auf diesem Weg hilfreich werden.

1 Martin Spura: Das verweigerte Opfer des Prometheus. Der Ariadnefaden der abendländischen Geistesentwicklung. Würzburg 2009
2 A.a.o.S.456
3 Martin Spura: Autobiografie der Nacht. Ein Traumbuch. Würzburg 2015

Martin Spura absolvierte eine Ausbildung zum Psychotherapeuten (HPG) und war im Anschluß nebenberuflich psychologisch-beratend tätig. Zwischen 2003 und 2008 studierte ich an der Philips-Universität in Marburg Europäische Ethnologie (Kulturwissenschaft) und Medienwissenschaft.

Benedikt Maria Trappen studierte Philosophie, Germanistik und Grundschulpädagogik an den Universitäten Saarbrücken und Landau. Er war Schüler von Frank Werner Veauthier, Gerhard Knauss und Manfred Gies. 1987 begegnete er dem Werk des Dichterphilosophen José Sánchez de Murillo. Für den von Sánchez de Murillo herausgegebenen „Aufgang. Jahrbuch für Denken – Dichten – Musik“ war Trappen von 2012 bis 2014 als Autor und wissenschaftlicher Beirat tätig.

Texte von Benedikt Maria Trappen

Und die Webseite des Herausgebers, die Lama und Li Gotami Govinda Stiftung