Geseko von Lüpke: Über die Chancen der Corona-Krise

Alfred Bast Promise of Emptiness (Versprechen der Leere), März 2020.

Corona öffnet auch eine Tür
Die Chance der Krise

Die Corona-Krise hält unser Land und die Welt in Atem. Zu diesem Zeitpunkt sind die gesellschaftlichen Folgen noch nicht abzusehen. Aber kann man diese Krise auch als die Möglichkeit zum Übergang in ein neues Menschsein verstehen?

Ein Text aus evolve 26 “Menschliche Reife: Auf dem Weg zu einem neuen Miteinander”, die am 16. April erscheint.

Geseko von Lüpke

Wer dieser Tage unterwegs ist auf den leeren Straßen Bayerns, hat fast freie Fahrt. Fast! Denn die Spatzen haben ihren Frühlingstanz auf den warmen Asphalt verlegt und fordern auf zum Bremsen. Am Straßenrand sitzt ein Milan. Die Natur besetzt bereits die Lücken, die entstehen. Das macht Licht in Momenten der Finsternis.
Große Worte? Tatsächlich gleicht die planetare Situation in diesen Wochen einem großen Mythos, von dem vielleicht noch unsere Nachfahren sprechen werden. Tatsächlich wird die Menschheit gerade herausgeschleudert aus einem kollektiven Krisen-Autismus. Tatsächlich werden ganze Nationen gerade gemeinsam in eine soziale Isolation geschickt, die vielen Angst und Bange macht. Kollektiv geht die Nation durch ein emotionales Karussell, in dem jeder Einzelne nicht mehr weiß, wie es weitergeht und was falsch und richtig ist. In so einer Situation befinden sich zurzeit Milliarden Menschen – zusammen alleine! Da gehört selbstverständlich Angst und Verwirrung dazu, das ist zutiefst menschlich.

Eine herausfordernde Krisensituation – ohne Frage. Aber auch zugleich eine Chance! Neben der kollektiven Angst und Depression, die sich schleichend über das Land legt, tauchen im einsamen Rückzug neue Sichtweisen auf: »There is a crack in everything«, dichtete einstmals Leonard Cohen, »that‘s how the light comes in!«
Ein paar Tage ist es her, da erreichte viele über das Mobiltelefon ein Landschaftsbild mit Regenbogen, das im Text daran erinnerte, dass nicht alles abgesagt sei: »Sonne, Frühling, Beziehungen, Liebe, Lesen, Zuwendung, Musik, Fantasie, Freundlichkeit, Gespräche, Hoffnung, Beten sind nicht abgesagt«. Simpel vielleicht, aber richtig. Eine andere Botschaft die »viral« ging im weltumspannenden Kommunikationsnetz, erinnerte daran, dass der erzwungene Stillstand des chinesischen Turbo-Kapitalismus den Dauersmog über Wuhan, Peking, Shanghai und Shenzhen aufgelöst habe und Kinder vor Ort vielleicht erstmals den blauen Himmel wahrnehmen könnten. Dass im Corona-geplagten Italien die Fische in die Kanäle Venedigs zurückkehrten, weil Kreuzfahrt-Schiffe ausblieben, Delfine in den Häfen gesichtet würden, weil Fähren am Kai liegen blieben. Dass auf den italienischen Balkonen Menschen musizierten, über die engen Straßen hinweg, Arien aus offenen Fenstern geschmettert werden als Mittel, um die erzwungene Isolation einer Quarantäne akustisch zu überbrücken und Verbundenheit zu spüren. Hoffnungsfunken auch hier, die Lächeln machen und ein anderes Narrativ anbieten als das des kollektiven Sterbens.

Tatsächlich lohnt es sich, einmal auf die unmittelbaren positiven gesamtgesellschaftlichen Folgen des öffentlichen Pausenmodus zu verweisen und sich klarzumachen, dass derzeit Dinge möglich sind, die ohne die Maßnahmen gegen das Virus unmöglich wären. Keine internationale Konferenz, keine wissenschaftliche Warnung hatte das vermocht, was ein mikroskopisches Virus vermag: Deutschland könnte virusbedingt zum Beispiel seine völkerrechtlich verbindlichen Klimaziele erreichen, weil die allgemeine Kontakt-Bremse dazu führt, dass die Industrie Millionen Tonnen weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre entlässt.
In der Krise zerbröseln einbetonierte Verhaltensweisen und Regeln wie morsches Holz: So begreift die Menschheit gerade wie nebenbei, dass sie durchaus in der Lage ist, ihr kollektives Verhalten von einem Tag auf den anderen grundlegend zu verändern. Das scheinbar Unmögliche ist möglich geworden.

Corona ist dabei alles andere als ein Geschenk, aber es beschert uns so manchen »sekundären Krankheitsgewinn«, aus dem wir in diesem Kontext für die Zukunft lernen können. Bislang stiegen die CO2-Werte global trotz gegenteiliger Beteuerungen, wurden mehr und dickere Autos produziert, stieg der internationale Flugverkehr trotz offensichtlicher Unvernunft. Nun stellen Autokonzerne die Produktion ein, stehen Flugzeugflotten still, sinkt der Kohlendioxid-Ausstoß täglich, ohne dass gleich die Welt untergeht. Könnte diese Erfahrung dazu führen, dass der Wachstumsmotor der Mega-Maschine nach der Krise nicht wieder auf »Volldampf voraus« laufen könnte, sondern stattdessen mal mit »halber Kraft«? Denn kollektiv gibt es noch andere Herausforderungen zu bewältigen als ein mikroskopisches Covid-19. Nicht zu vergessen: Die Erde selbst hat Fieber, die planetare Lunge brennt – und da wirkt der homo sapiens wie das Virus.

Auch die erzwungene Stilllegung der Geschäfte und Kaufhäuser, der Fließbänder der Automobilindustrie, der plötzlich unterbrochene Import von chinesischen Billig- und Plastikprodukten wirken wie eine Atempause. So, als stände der globale Konsum selbst unter Quarantäne. Zugegeben: All das findet unter Zwang statt, was berechtigte Widerstände auslöst. Aber es zeigt uns, was möglich ist. Es ist eine Erfahrung eigener Wirkmächtigkeit. Wir lernen: Der alltägliche Wahnsinn vor Corona ist nicht alternativlos und muss nicht wiederholt werden. Wir können etwas ausbremsen, wenn wir es wirklich wollen. Corona könnte dann eine Übung sein dafür, andere Bedrohungen zu reduzieren: »Flatten the curve« lautet der aktuelle Impuls an die Weltgesellschaft, die Ausbreitung des Virus zu bremsen und die exponentielle Steilkurve auf den Grafiken zu einem sanften Hügel zu machen. Es könnte aber auch ein Kampfruf werden gegen die exponentielle Steigerung der Wachstums-Statistiken, des Ressourcen-Verbrauchs, der Zerstörung der Böden, der Rate des Artensterbens, der wachsenden Schere zwischen Nord und Süd, Arm und Reich: flatten the curve! Runter mit der Kurve!

Da kommen so manche Erfahrungen zusammen: Gerade rettet uns keine Technologie, kein Egoismus, sondern solidarisches soziales Verhalten. In dieser Langsamkeit erkennen wir im Netz der Infektionen staunend, dass »wir« viel intimer miteinander verbunden sind, als geahnt: »Wir« sind eine Erde mit sieben Kontinenten und 194 Staaten. »Wir« sitzen alle im selben Boot und reagieren mit denselben Gefühlen. Das Wörtchen »Wir« hat unerwartete Hochkonjunktur. Gleichzeitig steigt die gegenseitige soziale Rücksichtnahme und Sorge. Wir verzichten kollektiv auf Freiheiten, um die Ältesten in unseren Gesellschaften zu schützen. Was für ein Krisen-Gewinn! Unlängst brachte es der Moderator der »Tagesthemen« in einem Satz auf den Punkt, der auch aus dem Mund eines weisen Medizinmannes hätte stammen können: »Dieses Land lernt gerade stündlich dazu, was es heißt, das Heute so zu leben, dass wir das Morgen noch verantworten können.«

Kann das Land in der Krise lernen, Dinge anders zu machen? Könnte die Mammut-Investition von 320 Milliarden Euro zur Krisenbewältigung allein in Deutschland jetzt zum Beispiel nicht weiter als staatliches Almosen verteilt werden, sondern als mutiger Einstieg in ein »Allgemeines Grundeinkommen«? Wann, wenn nicht jetzt? Könnte der Zusammenbruch globaler Strukturen nicht dezentral regionale Systeme aufwerten, mit denen dann ökologische und soziale Krisen gemeistert werden können? Groß gedacht: Kann das erzwungene Innehalten die Chance geben für einem Neuanfang mit veränderten Werten und Zielen? Die Chance dazu besteht: Krisen können das möglich machen! Wie sagte die amerikanische Ökonomin Hazel Henderson: »Its a crime to waste a crisis!« – ein »Verbrechen, eine Krise ungenutzt zu lassen«: Man denke nur daran, dass die aktuell spürbare soziale Solidarität die Jauche des Rassismus wegspülen könnte und die AfD daran schlicht verkümmert? Man stelle sich vor, dass egomanische Hohlköpfe wie Trump wegen ihres eigenen Versagens in Krisenzeiten vom Thron fallen. Und die Erdogans, Bolsonaros und Assads gleich mit. Dass Nationalismus und Krieg »out« sind, wenn die Menschheit kollektiv das Gleiche fühlt?

Ja, es ist die Zeit des »Nicht-Wissens«, an dem das »Unerwartete« jederzeit einbrechen kann und alte Sicherheiten wegfallen. Das Nichtwissen beinhaltet aber auch eine enorme Chance, neue Antworten einzuladen, soziale Experimente zu wagen und die Welt mit neuen Augen zu sehen. Als vermeintliches Opfer still darauf zu warten, das Virus zu inhalieren, wäre ein trauriges Programm für diese Tage. Stattdessen steht es an, Luft zu holen. Den Muskel der Imagination zu stärken und sich mit vorsichtiger Zuversicht vorzustellen, was alles passieren könnte, wenn der mögliche Zusammenbruch zum Durchbruch würde! Dass Veränderung passieren wird, ist gewiss. Dass sie schmerzvoll sein kann, steht außer Frage. Sie wird nicht von den Krisenmanagern umgesetzt, die jetzt nur das Schlimmste verhindern, sondern von den einzelnen Menschen, die gerade lernen, neue Erfahrungen machen, tief nachdenken – und reifen! Das gilt es umzusetzen, wenn die Quarantäne endet.

Dr. Geseko von Lüpke arbeitet als Visionssucheleiter, freier Journalist, Buchautor und internationaler Netzwerker. Er lebt in der ökologischen Gemeinschaft Sulzbrunn südlich von Kempten im Allgäu.
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