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Über das Buch „Das innere Navi“ von Vivian Dittmar

Geführtsein aus innerer Klarheit

Das Buch „Das innere Navi“ von Vivian Dittmar und seine Bedeutung für den Klimawandel

Renate Hagmann

Vivian Dittmar stellt in Ihrem Buch „Das innere Navi“ mit der Aufgliederung unseres Denkens in 5 Disziplinen dar, wie wir uns in der neuen Situation des Umdenkens in Wirtschaft, Arbeitswelt, Konsumverhalten – hervorgerufen durch die intensive Diskussion zum Klimawandel – zurechtfinden und zu mehr Klarheit und besseren Entscheidungen kommen können.
Sie beschreibt das Denken vor dem Siegeszug der Vernunft als Prärationalität – der Glaube und noch nicht vorhandenes naturwissenschaftliches Wissen prägten eine Wirklichkeit, die uns heute unvorstellbar anmutet. Die Naturwissenschaft, die Ratio und die Logik haben uns vom Joch des Aberglaubens befreit – nun aber stoßen wir wieder an Grenzen: nur bestimmte Aspekte der Wirklichkeit lassen sich mit der wissenschaftlichen Methode erklären.
Meine Erfahrung zeigt, dass die Erkenntnis, dass das Leben viel größer, magischer, geheimnisvoller und fantastischer ist, als unser begrenzter Verstand es jemals durchdringen könnte, viele verunsichert, weil wir den Zugang zur inneren Ordnung verloren haben, der Anbindung an das Leben. Wir gehen heute von einer linearen Logik aus, von einem wenn-dann und können die Phänomene von verstärktem Aufkommen von Rechtsradikalismus, gesellschaftlicher Verunsicherung oder Ablehnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht verstehen oder logisch erklären. Auch die Wirtschaft kreierte den Homo oeconomicus, den Menschen, der streng rational, immer zu seinem eigenen Vorteil in beinharter Konkurrenz bis zur Unmenschlichkeit immer mehr Güter konsumiert ohne Rücksicht auf Umwelt und Zukunftsfolgen, der erbarmungslos und ungeniert die ärmeren Länder des Südens zur Steigerung seines Wohlstandes ausbeutet und es für völlig richtig hält, dass durch seine Leistung immer mehr Geld und Wohlstand zu einer immer kleineren Gruppe von Menschen verschoben wird.
Vivian Dittmar vertritt die Meinung, mit der Transrationalität beginnen wir die Absurdität dieses nur auf äußeren Erscheinungsfaktoren beruhenden Wissens zu erkennen und geben der inneren Weisheit wieder mehr Raum. Indem wir erkennen, dass Fühlen und Denken einander ergänzende Fähigkeiten sind, dass Spüren, die Fähigkeit und Bereitschaft ist, sich auf eine innere Wahrnehmungsebene einzulassen, die jenseits von Denken und Fühlen liegt, geben wir einer Entfaltung Raum, die die Möglichkeit bietet, völlig neue Bewusstseinszustände zu entwickeln.
Wir bewegen uns weg von einer linearen zu einer integrativen Sichtweise, die völlig neue Fähigkeiten erfordert – bewusstes Stoppen unseres Gedankenkarussells durch Achtsamkeit und Meditation, Entwicklung und Zulassen unserer Herzintelligenz, wo der Sitz einer universellen Ethik beheimatet ist, jenseits von Regeln, Gesetzen und kulturellen Normen – unserem Kompass der Menschlichkeit, der genau weiß, was gut, schön und wahr ist. Diese Instanz hat keine Zweifel, sondern Autorität und Gewissheit.
Als Beispiel drängt sich für mich auf: Wir wissen z. B. nicht, wie wir die Migrationsströme in den Griff bekommen, aber wir wissen in unserem Herzen, dass wir Menschen nicht bewusst ertrinken oder Kinder in Lagern alleine leiden lassen wollen. Wir fühlen, dass Kooperation uns besser tut als Konkurrenz, wir wissen, dass die Ressourcen der Welt endlich sind, wir wissen, dass wir nur wirklich glücklich werden können, wenn auch der Rest der Menschheit die Möglichkeit dazu hat.
Schon Einstein erkannte: der intuitive Verstand ist ein heiliges Geschenk, der rationale Verstand ein treuer Diener – wir haben aber eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat. Wir können „die andere, schönere Welt“ (Charles Eisenstein) aber nur mit unserem Herzen atmen hören. Oder wie der kleine Prinz es schon ausdrückte: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Erst wenn wir uns einlassen in die Welt des Spürens und Horchens werden wir diese neue Welt als bereits im Entstehen begriffen erkennen.
Dittmar sagt, die transrationalen Disziplinen wie Inspiration, Intuition, Herzintelligenz, Ratio und Absicht sind angelegt, müssen aber bewusst gemacht, entwickelt und trainiert werden, um gut zusammenspielen zu können und dadurch mehr Klarheit und Orientierung in unser Leben zu bringen. Ein Aspekt, dem in unserer rationalen Welt ebenfalls zu wenig Bedeutung beigemessen wird, ist die Kraft der Absicht oder bewussten Ausrichtung. Die Kraft, mit der wir uns auf das ausrichten, was uns wirklich wichtig ist – den Bogen spannen und dann mit aktiven, bewussten Entscheidungen den Pfeil auf dieses Ziel abschießen. Erst dadurch werden wir in der Welt wirksam. Es ist schwer auszuhalten, dass der Pfeil oft nicht gerade fliegt und wir ihn nicht mehr sehen und beeinflussen können, sondern darauf vertrauen müssen, dass das Ziel erreicht wird mit Unterstützung von Menschen und Dingen, die wir zuvor nicht erkennen konnten.
Quantitative Ziele geben der Ratio Halt, durch Messbarkeit entsteht die Illusion der Kontrolle. Allerdings ist es absolut sinnlos, qualitative Ziele auf quantifizierbaren Wegen zu erreichen. Visionen finden weder in Wirtschaft, Politik, Bildung Eingang, weil das Bruttoinlandsprodukt zu kurz greift für die Messung von Wohlstand, weil Budget und Verwaltung zu kurz greift in der Verbesserung der Lebensumstände für alle, weil Noten und Schuljahre zu kurz greifen in der Entwicklung von Wissen und Persönlichkeit.
Das „innere Navi“ von Vivian Dittmar führt uns zuverlässig auf den Weg unserer eigenen Potentialentfaltung und dem, was durch uns in die Welt kommen möchte. Viele Menschen empfangen Signale, hören aber noch nicht auf sie, weil sie sich noch nicht der inneren Führung anvertrauen können. Das macht nichts. Wie bei einem Navi üblich, wird, wenn wir die Anweisungen ignorieren, einfach eine neue Route berechnet, dann wird wieder Schritt für Schritt angezeigt, was ansteht.
In streng hierarchischen Systemen war die innere Führung eines Menschen ein Problem, heute ist sie eine Ressource von unschätzbaren Wert, auch im Unterschied zur künstlichen Intelligenz. Neu ist heute auch, dass wir kollektiv in einem nie dagewesenen Ausmaß die Grenzen des rein rationalen Ansatzes erfahren. Menschsein will neu begriffen werden, da unsere bisherige Art zu leben und zu wirtschaften offenbar nicht zukunftsfähig ist.
Die meisten Wissenschaftler warnen schon seit Jahrzehnten vor den weitreichenden und massiven Folgen des Klimawandels. Unzählige Studien, Informationsveranstaltungen, alternative Handlungsansätze konnten bei Entscheidungsträgern und in der breiten Masse kein Umdenken bewirken. Erst Greta Thunberg und ihre klaren, konsequenten und eindringlichen Aufrufe konnten die Jugend begeistern und machen das scheinbar Aussichtslose nun möglich – eine Bereitschaft, die Situation anzuerkennen und ein Umdenken zuzulassen. Zum Handeln wird es noch viele Schritte brauchen.
Die große Menschheitsfrage ist: gelingt es uns, über uns hinauszuwachsen, die Begrenzungen unseres Wissens und Bewusstseins zu sprengen und echte Weisheit zu entwickeln? Für die Zukunft unserer Kinder und des Planeten, für ein besseres Zusammenleben und Arbeiten sind wir gefordert, die Brillanz und Macht unserer technischen Innovationen der Prüfung unserer Herzen auszusetzen. Das Buch von Vivian Dittmar leistet einen überaus wertvollen Beitrag dazu.

Renatae Hagmann ist Unternehmensberaterin für wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit auf Grundlage der Sustainable Development Goals und der Gemeinwohlökonomie, Geldexpertin, Pioneer of Change.
www.unternehmensberatung-hagmann.at