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DA SEIN FÜR DAS, WAS IST – Gemeinsame Reife in einer Zeit der Krise

Sabine Welk GRENZGÄNGER

Der Shutdown, eine Flut von Meinungen und Informationen, Angst aber auch Hoffnung. Wird dies auch eine Zeit, in der wir als Menschen gemeinsam reifen, in der wir neue Samen für unsere Zukunft säen? Es ist eine herausfordernde Zeit, die unser Menschsein auf die Probe stellt.

Thomas Steininger

In den letzten Wochen hat sich das Klima dramatisch gedreht. Nicht das Wetter, auch nicht nur die Atmosphäre – unsere Welt ist eine andere geworden. Die Coronakrise hat das Beziehungsgeflecht, das unsere Lebens- und Arbeitswelten zusammenhält, erschüttert, ja oft zerrissen. 

Selbstverständliche Gewohnheiten, die unserem Leben Halt und Sicherheit geben, sind auf einmal unterbrochen. Die Vielzahl unserer Reaktionen ist überwältigend. Regierungschefs weltweit schließen auf Anraten von Epidemiologen und unter gigantischen Kosten ganze Länder. Manche Menschen stellen die Frage, wo die Grenze zur Überreaktion liegt. Andere meinen, alles wäre nur eine mediengestützte Massenhysterie. Und viele von uns versuchen, diese unüberschaubare und hochkomplexe Situation einfach zu verstehen. 

Seit den Shutdowns fühlen sich viele verloren. Einige versuchen, einfach ihre Routinen fortzusetzen, andere sind gestresst, auch verängstigt, manche aber auch voller Energie. In mir selbst merke ich den Drang, mein Leben auf ein Minimum zu beschränken. Aber ich spüre auch das Bedürfnis, mir vertraute Gemeinschaften im lokalen und globalen Umfeld zu unterstützen, um neue Wege des Zusammenfindens zu erkunden, aber auch, um aus der Verbundenheit heraus neue Antworten zu entdecken.

Die aktuellen Ereignisse zeigen uns vor allem: wie sehr wir miteinander verbunden sind. Das macht diese Zeit auch zu einer großen demokratischen Herausforderung. Das Persönlichste ist heute im höchsten Maße sozial und politisch. Ist der simple Wunsch zu feiern heute wirklich lebensgefährlich – für einen selbst, seine Lieben, aber auch für ganz Unbekannte? Während sich die ganze Krise wie von selbst entfaltet, gibt es nur noch mehr Unsicherheit. Und dann ist da auch Angst vor Arbeitslosigkeit oder dem ›Verdampfen‹ freiberuflicher Arbeit in einer kommenden Wirtschaftskrise. 

Das Ganze geschieht, während wir an einer Ausgabe von evolve über die menschliche Reife arbeiten. Die Coronakrise, eine Wirtschaftskrise und die nicht verschwundene Klimakrise werden mit Sicherheit unsere gemeinsame Zukunft prägen. Was ist in diesen Krisenzeiten die Aufgabe einer neuen Bewusstseinskultur, die Aufgabe für diejenigen von uns, denen es ein Anliegen ist, gemeinsam unser Innenleben, unser Bewusstsein zu kultivieren? Wie reagieren wir als Einzelne, als Gemeinschaft und erst recht als Gesellschaft auf die anstehenden Herausforderungen? Wir leben in einer Zeit großer Unsicherheit. Welche menschlichen Qualitäten braucht es von uns?

Der Virus der Angst 

Vor einigen Tagen, während Italien viele Opfer der durch COVID-19 hervorgerufenen Lungenkrankheit verzeichnete und während Europa begann, mit rigorosen Maßnahmen die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, hatte ich ein langes WhatsUp-Gespräch mit einem sehr engen Freund, der gerade auf Besuch in Japan weilt. Die Umstände unseres Gesprächs hatten eine eigenartige Dramaturgie. Während ich ihm Details von den sich überschlagenen Ereignissen in Europa erzählte, befand sich mein Freund gerade in der Nähe des Fuji, Japans heiligem Berg. Hier die Pandemie und ein tief verunsichertes öffentliches Klima, dort mein Freund am Fuße des Fuji, der mir aus den Büchern des japanischen Dichters Mitsuo Aida vorliest, den er am Vortag neu entdeckt hatte.

Wir sprachen über die Pandemie, über die Angst, die Reaktion der Menschen und der Medien. Mein Freund, der die drastischen Maßnahmen hier auch kritisch sah, war offensichtlich in einer anderen Welt, die es mir erlaubte, das Klima der Verunsicherung, in dem wir uns gerade alle befinden, wie von außen zu betrachten. Wir sprachen darüber, dass auch die Angst ein Virus sein kann und wie leicht es ist, in solchen Situation von alten Traumata, auch den Traumata der Deutschen wie Inflation und Krieg, wieder eingeholt zu werden. 

Traumata sind gefährlich. In einem anderen Gespräch, das ich in den gleichen Tagen mit dem buddhistischen Lehrer Soryu Forall führte, erinnerte er mich an die traumatischen Tage von 9/11. Damals, 2001, haben die Terroranschläge auf die Twin Towers vor allem die USA traumatisiert. Aber die Reaktion aus diesem Trauma, der Irakkrieg, der von vielen Amerikanern mitgetragen wurde, richtete einen viel größeren Schaden an als der Anschlag selbst. 

Hierin steckt eine Lektion über Reife. Zum einen über emotionale Stabilität, zum anderen über psychologische Reife. Mit Reife meinen wir üblicherweise die Stabilität eines erwachsenen Menschen, der eine Familie gründen kann, einen Job hat und wählen geht. Das Abitur heißt ja auch »Reifeprüfung«, obwohl es nicht mehr ist als ein Wissenstest. Damit ist jemand ein reifer Bürger unserer Gesellschaft. Aber was geschieht, wenn man die Arbeit verliert oder im Stress versinkt? Oft finden wir unter solchen Umständen Halt in unseren Familienrollen als guter Sohn oder fürsorgende Mutter. Aber viele Menschen werden in solchen Situationen, wenn sie das Gleichgewicht nicht verlieren wollen und nicht in Angst und Drama abstürzen wollen, tiefer in sich gehen müssen.

Emotionale Stabilität ist die Fähigkeit, all die Unruhe, die aus Unsicherheit und Bedrohungen entsteht, einfach tragen zu können. Inmitten von herausfordernden Situationen offen und im Dialog zu bleiben und auch bereit zu sein, die Quelle des eigenen Leidens zu suchen und Verantwortung dafür zu übernehmen, damit es nicht zum Leid für andere wird. 

Emotionale Stabilität ist nicht von psychologischer Reife zu trennen. Wie mein Freund in Japan bemerkte, öffnet diese Krise viele alte Wunden. Oder, wie Angela Merkel einräumte, die Handlungen des Staates können für viele, die ihr Leben gerade mit großer Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit leben, auch lähmende Angst oder rebellischen Widerstand hervorrufen. Viele von uns sind »Kriegsenkel«; Atmosphären der Verleugnung, des Schweigens und der Angst sind Teil unserer kulturellen DNA. Gelingt es uns, diese Muster nicht zu wiederholen? Wenn wir uns tief kennen, also um jene Orte wissen, an denen wir irrational werden, uns abschotten oder aggressiv reagieren, dann können wir daran reifen. Natürlich ist das bei uns allen »work in progress.« 

Mehr als Komplexität 

In einer anderen Zoom-Videokonferenz war ich kürzlich mit einer Gruppe sehr kluger Menschen zusammen, alle mit einem großen Engagement für persönliche Entwicklung und kulturelle Evolution. Es war vor allem ein Check-in-Gespräch, um zu sehen, wie es uns allen in dieser neuen Situation geht. Zwischen uns war eine solide emotionale Stabilität: keine emotionalen Ausraster und eine echte Fähigkeit, größere Perspektiven zu halten. Die Beiträge deckten ein breites Spektrum ab: von der Besorgnis über Großeltern und Freunde mit Asthma über die Befürchtung sozialer Fragmentierung bis hin zu der Frage: Wie können wir die Systeme beeinflussen, damit wir nicht zum »Business-as-usual« zurückkehren? Ich spürte eine Art Ungeduld bei einigen der eher Intellektuellen in der Gruppe, den Drang, sich auf Lösungen zuzubewegen. Das brachte mich dazu, über die Rolle des Intellekts in dieser Situation nachzudenken. 

Nicht wenige in diesem Meeting waren sehr komplexe, systemische Denker. Und, wie die meisten Entwicklungspsychologen sagen: Je komplexer die eigene Kognition, desto größer ist das Potenzial, Systeme zu verstehen, sich selbst zu reflektieren, Perspektiven einzunehmen und sich selbst zu kontrollieren. In dieser Krise ist diese Fähigkeit, viele, oft weit auseinander liegende Informationen aufzunehmen und zusammen zu sehen, wichtig für unsere Souveränität und für weises Handeln. 

Doch Reife ist mehr als Komplexität. Sie braucht das ganze menschliche Wesen, den Verstand, das Herz, unsere Beziehungen. Komplexität allein ist oft arrogant. Es braucht sie, aber wirkliche Antworten kommen nicht allein aus rationalen Prozessen.

Unser ausschließlicher Glaube an die Rationalität ist einer der grundlegenden Fehler der westlichen Gesellschaft, der die meisten der Krisen mit hervorgerufen hat, die wir gerade durchleben. Medizinische Versorgung und die Datenanalyse, um diesem Virus zu begegnen – das ist alles gut. Aber die zugrunde liegende Trennung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen uns und »der Welt« führt dazu, dass wir alles und jedes auf diesem Planeten als Objekte oder »Ressourcen« sehen. Oder, wie der Autor Bayo Akomolafe oft sagt: »Was ist, wenn die Art und Weise, wie wir auf die Krise reagieren, Teil der Krise ist?« Es mag herausfordernd sein, es direkt wahrzunehmen, aber unser konditionierter Geist und die Komplexität unseres Denkens sind vielleicht ein Teil des Problems. Dies ist ein einfacher Aufruf an uns alle, ein Aufruf zu mehr Tiefe, zu spiritueller Reife.

Offene Anwesenheit

Unsere emotionale Stabilität wird durch unsere Fähigkeit für kognitive Komplexität mitgetragen. Genauso wird unsere Fähigkeit zu denken von unserer spirituellen Tiefe, unserer tiefen Anwesenheit und Gegenwärtigkeit getragen. Spirituelle Lehrer sprechen davon, im Nicht-Wissen zu leben. Wir sind hier, aber nicht so, wie wir es denken. Die existenzielle Erfahrung, dass das Leben als Ganzes, so wie es ist, vertrauenswürdig ist, dass wir es nicht kontrollieren müssen, ist für die meisten Weisheitstraditionen eine grundlegende Erkenntnis. Die Wahrnehmung, dass etwas Unaussprechliches, Heiliges allem zu Grunde liegt, verändert unsere Fähigkeit, wirklich hier zu sein. 

Wir durchleben eine existenzielle Krise. Da kann es nützlich sein, sich daran zu erinnern, dass existentielle Konfrontationen Teil jeder ernsthaften spirituellen Reise sind. In einer authentischen Erfahrung von Tiefe zeigt sich vieles als Oberfläche.

Nein, in existenziellen oder spirituellen Erfahrungen liegt nicht die Antwort auf das, was uns gemeinsam bevorsteht. Doch existenzielle Reife – dieses Vertrauen, diese Fähigkeit loszulassen, nicht zu wissen und miteinander da zu sein – ist eine tiefe Qualität menschlicher Reife, die es heute braucht. Sie macht uns empfindsamer für dieses gemeinsame Potenzial, das aus dem Inneren der Gegenwart kommt. Da ist eine schöpferische Lebenskraft, die auch unsere Fähigkeit für kognitive Komplexität und psychologische Reife stärkt und trägt. Könnte darin vielleicht auch ein Potenzial der Krise zu finden sein? Uns ist die Kontrolle, wenn wir sie je hatten, entglitten. Vielleicht entsteht gerade im Loslassen auch etwas ganz Neues. 

Wir werden zu der Erfahrung gezwungen, dass wir voneinander, aber auch von der Natur, vom Leben selbst nicht getrennt sind. Vielleicht hilft uns diese Einsicht dabei, in menschlicher Solidarität und in einfacher Güte füreinander da zu sein. Denn, ein oft übersehener Aspekt der Reife bezieht sich auf unsere Kultur: Wie reif sind wir zusammen? Ziehen wir an einem Strang? Lernen wir gemeinsam? Diejenigen von uns, die Bewusstsein und Mitgefühl praktizieren, werden auch zur Entwicklung unserer kollektiven Reife gebraucht. 

Gemeinsam reifen

Als die Italiener von ihren Balkonen aus gemeinsam sangen oder die Kölner Bürger sich verabredeten, um den Ärztinnen und Pflegern zu applaudieren, war das soziale Reife in Aktion: Menschen, die (ja, jetzt darf man das sagen) Opfer bringen, um für das Gemeinwohl da zu sein, die sich gegenseitig emotional unterstützen, auch das gehört zu den berührenden Seiten dieser Krise. Es gibt jedoch auch andere Formen gemeinsamer Reife, denen heute entscheidende Bedeutung zukommt.

In einer offenen menschlichen Begegnung zeigt sich manchmal das anwesende Potenzial eines gemeinsamen Raums. Das kann in kleinen Gruppen in einem tiefen Dialog entstehen, aber auch in großen kulturellen Feldern. Es ist eine Intelligenz, die aus dem Zusammenspiel der Gegenwart entsteht. Es ist etwas, das niemandem gehört und nur gemeinsam gehalten und entwickelt werden kann. Reife, gemeinsame Reife hat letztlich mit unserer Fähigkeit zu tun, gemeinsam dafür da zu sein, was zwischen uns entstehen mag. Auch das ist eine Reife, die unsere Kultur heute dringend braucht. 

Reife ist ein schönes Wort. Wenn eine Frucht reif ist, ist sie bereit, gegessen zu werden. Sie gibt Nahrung und Überfluss. Aber es gibt auch noch etwas anderes: Eine reife Frucht trägt Samen. Und Samen bringen neues Leben. Um mit dieser Krise umzugehen und eine neue Lebensweise zu säen, braucht es eine neue Reife, die kein Endpunkt, kein erfolgreicher Reifeabschluss ist, sondern ein ständiges sich Hineinlehnen in die Tiefe des Lebens. Wenn wir emotionale Stabilität, psychologische und spirituelle Reife in dieser gemeinsamen Anwesenheit zusammenkommen lassen, entsteht daraus möglicherweise ein Samen für die Zukunft. 

Lesen Sie weitere Texte zu diesem Thema in der evolve Ausgabe 26 / 2020