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Jörg Länger

Das Heilige ist uns heute abhandengekommen. Oder zeigt es sich vielleicht im fundamentalistischen Gewand autoritärer Regime? Braucht der Westen, unsere moderne und postmoderne Welt überhaupt diese doch sehr alten Idee? 

Thomas Steininger

Wann sind Sie das letzte Mal jemandem wirklich begegnet? So wirklich? Vielleicht Ihrem Partner, Ihrer Kollegin? Sind Sie schon einmal einem Fluss wirklich begegnet? Und sind Sie auf einer Ihrer Reisen einmal einem anderen Land, einer anderen Kultur, einem anderen Kontinent wirklich begegnet? Oder einem Menschen, der eine für Sie schwer verdaubare Sicht auf die Welt hat? Was bedeutet das eigentlich, jemandem begegnen? Denn um jemandem begegnen zu können, müssen wir ja erst wirklich anwesend sein. Wir müssen auch in der Lage sein, jemand anderen in seiner Art an uns heranzulassen. Und Begegnungen finden auch nicht in einem Vakuum statt. Sie sind Teil eines Umfelds, eines Begegnungsraumes, einer gemeinsamen Welt. Aber meist begegnen wir uns nicht. Wir bauen den anderen eher in unsere eigene Welt ein. Wir verdrehen seine Welt in unserer Wahrnehmung so, dass sie sich in das gewohnte Bild unserer Welt einfügt. 

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer sprach davon, dass es in einer echten Begegnung, in einem wirklichen Gespräch zu einer Horizontverschmelzung kommt. Man geht sich selbst nicht verloren, aber die Horizonte unserer Welten verschmelzen. Du eröffnest mir deine Welt, ich eröffne dir meine Welt, und zwischen uns entsteht eine gemeinsame neue Welt. Eine solche Begegnung ist ein initiatorischer Akt, in dem Gewohntes stirbt und Ungeahntes sich ereignet. Es ist ein heiliger Akt, der nicht völlig erklärt werden kann, staunenswert. Könnte in diesen transformativen Begegnungen zwischen Menschen, zwischen Kulturen, aber auch mit der natürlichen Welt das Herz einer offenen Gesellschaft sein?

Die offene Gesellschaft ist ein Produkt der europäischen Aufklärung. Immanuel Kant sprach von der großen Befreiung, die darin liegt, dass Menschen sich ihres eigenen Verstandes bedienen. Es war sein Traum, dass es uns gelingt, uns durch die Kraft der Vernunft und der Verständigung gesellschaftlich zu versöhnen. Der Philosoph Karl Popper hat nach dem Zweiten Weltkrieg noch unter dem Schock der Erfahrungen mit Faschismus, Kommunismus und Krieg den Begriff der offenen Gesellschaft geprägt. Karl Popper war in seiner Jugend selbst Mitglied der Kommunistischen Partei in Wien. Diese Erfahrungen führten ihn zu einer tiefen Skepsis gegenüber allen großen Ideologien, in seiner Philosophie betonte er die Vorläufigkeit aller unserer Annahmen. Seine Philosophie war auch ein Versuch, uns innerhalb einer offenen Gesellschaft Regeln einer rationalen Verständigung zu geben. Jürgen Habermas hat dieses Programm mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns erweitert. Kern seiner Vision ist ein »herrschaftsfreier Diskurs«, den er als Grundlage jeder lebendigen Demokratie versteht. All diesen Denkern ist gemein, dass sie einen großen Vorbehalt gegenüber dem Begriff des Heiligen haben. Das Wort »heilig« findet sich ja auch oft im Vokabular totalitärer Systeme. Das Heilige ist ein existenzieller, kein kognitiver Begriff, das macht ihn schwerer fassbar und auch leichter missbrauchbar. Viele sind schon für das Heilige in den Krieg gezogen. Aber es gibt auch weniger hehre Gründe, warum wir uns mit diesem Begriff so schwertun.

Wie uns das Heilige abhandenkam 

Lassen wir für einen Augenblick alle metaphysischen Vorstellungen des Heiligen einfach beiseite und fragen uns unmittelbar, welche seelische Erfahrung uns mit diesem Wort berührt. Offensichtlich hat das Heilige eine Verbindung mit dem Staunen und mit der Ehrfurcht. Um sich zu zeigen, braucht das Heilige das Staunen, das Wunder, die Ehrfurcht. Mit diesen seelischen Regungen tut sich unsere Zeit nicht leicht. Unsere von der Naturwissenschaft geprägte Welt basiert auf einer Grundhaltung, welche die Erklärung sucht, die Berechnung der Welt. Wir versuchen dem Staunen, dem Wunder und der Ehrfurcht zu entkommen. Nur die Erklärung und die Berechnung geben uns Frieden.

Auch unser Individualismus wehrt sich gegen jede Form der Ehrfurcht. In unserer postmodernen Sicht auf die Welt sind wir selbst ja das letztlich Wirkliche. Was zählt, ist unsere eigene Sicht. Wir haben uns eine Kultur erschaffen, in der wir das eigentlich Wirkliche sind. Alles andere wird in der Regel darauf reduziert, von uns konsumiert zu werden, selbst Freundschaften und Beziehungen. In so einer Welt ist das einzig mögliche Heilige mein Selbst. Aber es ist schwierig, das Wunder, das Staunen, die Ehrfurcht ganz allein auf mich selbst zu beziehen. Vielleicht erleben viele auch deswegen diese seltsame Verlorenheit in der Welt, die unsere Kultur seit Jahrzehnten prägt. Unsere moderne-postmoderne Kultur empfindet eine gewisse kosmische Heimatlosigkeit. Wir haben unsere Zugehörigkeit verloren. Auch das ist gemeint, wenn uns nichts mehr heilig ist.

Aber das führte nicht nur zu unserem eigenen Unbehagen. Die Verlorenheit unserer Kultur führte zu einer weltweiten Revolte gegen die Moderne und die Postmoderne. Die traditionellen Kulturen aller Kontinente wollen nicht mehr in die Zukunft, die ihnen der Westen anbietet. Und im Mittelpunkt dieser Revolte steht eine Verteidigung des »Heiligen« gegen eine gottlose und verkommene Welt. Was 1979 mit der iranischen Revolution begann, hat sich über alle Kontinente und Kulturen verbreitet, nicht nur in der islamischen Welt. Die fundamentalistisch hinduistische Regierung unter Ministerpräsident Modi in Indien verteidigt genauso ihre heiligen vedischen Traditionen, wie auch Putins Regierung das heilige Russland entdeckt hat, um mit dieser mythischen Vision gegen den Westen in den Krieg zu ziehen. Die Anhänger Trumps verehren ihn als den Rammbock eines radikal fundamentalistischen Amerika. Und Marine Le Pen in Frankreich sieht sich als eine Verteidigerin des traditionellen Christentums. Hat diese fundamentalistische Revolte gegen die entheiligte Welt vielleicht einen wahren Kern? Und hat die offene Gesellschaft eine Antwort darauf? Müssen wir zurück in die Vergangenheit? Oder müssen wir uns dem Heiligen auf eine neue Art und Weise stellen? 

Lesen Sie den kompletten Text in der evolve Ausgabe 35 / 2022