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DAS MYSTERIUM SPRICHT – Eine Begegnung mit der Welt

In der Geschichte der Menschheit war die Kunst der Erfahrungsraum, in dem sich unsere Welt sich auf eine besondere Weise zeigte. Eine Welt voll tiefer Bedeutung sprach zu uns. Wo zeigt sich heute diese eigentümliche Welt? Und was hat Joseph Beuys und sein Lauschen auf die Brüche und das Gebrochene unserer Zeit damit zu tun?

Thomas Steininger

Wahrscheinlich war es die Tiefe, die verschlossene Dunkelheit der Höhle, die sie an diesen Ort brachte. Vor 17.000 Jahren gingen in den Höhlen von Lascaux im heutigen Frankreich Menschen mit Fackeln, wahrscheinlich begleitet von rituellen Trommeln und Musik, tief in den Schoß des Berges, um dort atemberaubende Bilder von Bisons, Berglöwen, Hirschen und Wildpferden an der Höhlenwand zu hinterlassen. Eine Darstellung eines Wesens, halb Vogel, halb Mensch, zeugt bis heute von einer Zeit, als unsere Seelen noch Flügel hatten.

Auch im antiken Griechenland waren die bunt bemalten Tempel solche Orte der Begegnung mit dem Mysterium. In Eleusis gedachten die Athener über tausende Jahre der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter – an jenem Ort, an dem sie der Sage nach in die Unterwelt stieg, um ihre Tochter Persephone aus der Gefangenschaft des Hades, des Herrn der Unterwelt, zu befreien. Die Bilder der eleusinischen Mysterien zeugen noch heute von dieser Welt.

In St. Wolfgang, am Österreichischen Wolfgangsee, gibt es einen der schönsten gotischen Flügelaltare des Alpenlandes, den ich immer wieder besuche. Im 15. Jahrhundert war St. Wolfgang einer der größten europäischen Pilgerorte, mit tausenden Pilgern aus vielen europäischen Ländern.

Nur an Ostern öffneten sich die Flügel des Altars. Für eine kurze Zeit öffneten sie den Blick der Gläubigen auf die Jungfrau Maria, die kniend vorm auferstandenen Christus durch den über ihr schwebenden heiligen Geist zur Mutter Gottes gekrönt wird. Licht strömt aus den farbigen Glasfenstern darüber, glitzert auf den goldenen Strahlen des Heiligen Geistes und zieht den Blick auf die Schönheit Marias. Die Eröffnung dieses christlichen Mysteriums war für die versammelte Gemeinde mindestens so wahr wie der Wind, der über den See hinweg zog, und die Sonne, die über St. Wolfgang stand.

Ein anderer wunderbarer gotischer Altar, der Altenberger Altar, ursprünglich aus einem Kloster in Wetzlar, befindet sich heute im Städelmuseum in Frankfurt. Auch in seinem Zentrum steht eine Marienstatue mit dem Jesuskind im Arm. Aber perfekt ausgeleuchtet in einem der frisch renovierten Prunksäle des Museums wirkt dieser Altar, als wäre er irgendwie im Exil, in einer fremden Welt. Er ist nicht mehr das Zentrum und der Ausdruck einer Welt. Hier im Museum hat sich sein Wesen verändert. Er ist zum Ausstellungsobjekt geworden, wie die vielen anderen Kunstwerke des Städelmuseums.

Für uns ist das Altarbild von St. Wolfgang heute ein wunderbares »Beispiel der gotischen Bildschnitzerei«. Aber Werke wie diese waren in diesem Sinne keine eigentlichen »Kunstwerke«. Sie waren Augenöffner. Sie waren materielle Formen, die unseren Vorfahren dabei halfen, eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit zu erkennen. Sie waren Türen in eine Welt, die uns unmittelbar anging und in der die materielle Welt nur eine Oberfläche war. In ihnen wurde das Wesentliche, das, was der damaligen Welt Bedeutung gab, sichtbar.

Diese Türen scheinen für uns heute meist verschlossen zu sein. Die Welten, die sie einst öffneten, gibt es nicht mehr. Sie sind verblasst, haben ihre Wirklichkeit verloren.

Joseph Beuys lebte und wirkte in den 60er-Jahren in einer Zeit des technischen Triumphs. Sein Werk war durchdrungen von Rissen und Sprüngen, die er unserer alltäglichen Wirklichkeit zufügte. Er scheint sich schmerzhaft bewusst gewesen zu sein, wie sehr unsere technische Kultur erkaltet war. Und Beuys war auch ein Deutscher, ein Deutscher nach Auschwitz. Er war sich bewusst, wie der »Kunstimpuls« hier in den Abgrund geführt hatte. Wie aus Wagner Hitler wurde. Wie kann man gerade in diesem Land Kunst noch einmal zum Sprechen zu bringen?

Wie die Welt zu uns spricht

Die Welt sprach immer schon in Bildern und Symbolen zu uns. Noch bevor die Sonne für uns ein Stern mit 150 Millionen Kilometern Abstand zu uns wurde, um den sich die Erde dreht, war sie bereits Lebensspender, das Licht, das die Welt erhellt hat, die Kraft, aus der wir geboren wurden, Ra, der Sonnengott. Ihre Abwesenheit, die Nacht, war die Dunkelheit. Die Nacht war das Ungewisse. Tag und Nacht gaben sich und zogen sich zurück. Sie tun es immer noch. In den Bildern und Mythen öffnete sich für uns eine unmittelbare Wahrnehmung der Welt voller Bedeutung und Beziehung zu uns.

Als der Altar in St. Wolfgang noch lebendig war und keine Touristenattraktion, öffnete er unseren Vorfahren ihre Welt. Er gab ihnen bildlichen Zugang zu dem, was ihr Leben letztlich ausmachte, ihrer Sehnsucht nach dem Höchsten. In den Bilderwelten, Symbolwelten und Ritualen des christlichen Abendlandes, mit all seinen Begrenzungen und Deformationen, öffnete sich die Welt jenseits des Offensichtlichen. Es zeigte sich eine Quelle des Sinns.

Lesen Sie den kompletten Text in der evolve Ausgabe 30 / 2021