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Editorial 08 / 2015

Uns alle berühren wohl die Schicksale der Menschen, die aus Syrien und anderen Ländern zu uns kommen, um Schutz zu suchen und eine Lebensperspektive zu finden. Berührend ist auch die Offenheit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, mit der sie vielfach empfangen werden. Während Deutschland in den letzten Wochen immer mehr Flüchtlinge aufgenommen hat, arbeiteten wir an dieser Ausgabe und mit jedem Tag schien sie aktueller zu werden. Denn die Begegnung mit Menschen aus einer anderen Kultur ist eine Herausforderung und Bereicherung, die unsere Sicht der Welt, unseren Geist und unser Herz erweitern kann. Die Grundlage solch einer Erweiterung unseres Bewusstseins ist, so haben wir in den Gesprächen für diese Ausgabe immer wieder erfahren, ein kreativer Dialog der Kulturen.

Eine Initiative zu solch einem Dialog war im September der globale Online-Event „One World Rising“, bei dem Thomas Steininger und Elizabeth Debold mit 30 Denkern und Aktivisten aus allen Kontinenten über ihre Wahrnehmung der Welt sprachen. Viele Teilnehmer berichteten nachher von einer Erfahrung, die wir auch mit dieser Ausgabe von evolve wachrufen möchten: das Gefühl, Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen im Dialog zu begegnen und mit ihnen einen globalen Bewusstseinsraum zu teilen. Für solch einen Dialog braucht es Offenheit und die Bereitschaft, Annahmen und Vorurteile hinter uns zu lassen, um uns auf das ganz andere einzulassen.

In solch einer Offenheit können wir die „Symphonie der Menschheit“ neu hören lernen, wie es unser Herausgeber Thomas Steininger in seinem Leitartikel beschreibt. Um dieses Hören zu üben, haben wir in dieser Ausgabe jeder großen Weltregion (außer unserer eigenen) eine Seite gewidmet, auf der ausdrucksvolle Stimmen dieser Symphonie zu Wort kommen.

Wie wir sie hören, kommt aus einer anderen Quelle, wenn wir aus der Erfahrung spiritueller Einheit, jenseits aller Gegensätze schöpfen können, wie es die spirituelle Lehrerin Annette Kaiser und die UN-Menschenrechtsaktivistin Monica Sharma in unserem Interview spürbar werden lassen. Eine Offenheit für andere Kulturen ermöglicht uns auch einen differenzierten Blick auf unsere eigene Kultur. Wir sind froh, dass wir den bekannten Fernsehjournalisten Gert Scobel für ein Gespräch über die Entwicklungsperspektive in unserer westlichen Kultur gewinnen konnten. Zum Erbe dieser Entwicklung gehören auch die Folgen von Kolonialismus und Unterdrückung, über die wir mit dem postkolonialen Denker Raul Quiñones-Rosado aus Puerto Rico sprachen. Er erklärt, dass Bewusstseinsentwicklung auch bedeutet, dass wir uns unserer Vorurteile bewusster werden, um nicht darin gefangen zu sein.

Für uns war die Arbeit an dieser Ausgabe eine innere und äußere Entdeckungsreise. Und vielleicht gehört zu einem globalen Bewusstsein vor allem auch, dass wir zu liebevollen und bewussten Entdeckern unserer Welt werden. Einem wahren Entdecker haben wir auch die Gestaltung dieser Ausgabe zu verdanken. Wie Sie bereits in einigen der vergangenen Ausgaben sehen konnten, arbeiten wir, wo immer es möglich ist, mit Künstlern zusammen, in deren Arbeiten der Geist unseres jeweiligen Schwerpunktthemas schwingt. Und als wir die Fotos von Wade Davis, dem „Explorer in Residence“ beim National Geographic sahen, sprachen uns die von ihm eingefangenen Gesichter unserer Welt so eindringlich an, dass unsere Art-Direktorin Renata Keller diese Ausgabe mit seinen Bildern gestalten wollte. Wir sind Wade Davis sehr dankbar, dass er uns seine Arbeiten so großzügig zur Verfügung gestellt hat. Und da wir bei unserer Recherche merkten, dass er nicht nur Fotograf, sondern auch leidenschaftlicher Anthropologe ist, nutzten wir die Chance, mit ihm über seine Erfahrungen in den entlegensten Gegenden der Welt zu sprechen. Aus seiner Erfahrung tönt die Sinfonie der Menschheit immer wieder wunderbar hervor.

Bedanken möchten wir uns auch für die große Unterstützung, die wir durch Sie, unsere Leser, in den letzten Monaten erfahren haben. evolve lebt von viel Idealismus und ehrenamtlicher Arbeit und kann sich noch nicht allein tragen. Ihre Spenden haben uns ein weiteres Erscheinen in diesem Jahr ermöglicht. Wir hoffen sehr, dass Sie uns auch im kommenden Jahr so nachhaltig unterstützen. Mit unserem Geschenk-Abo können Sie auch Freunde und Bekannte am Spirit von evolve teilhaben lassen – nicht nur zu Weihnachten.
Wie sehr dieser Spirit berührt, zeigen auch unsere evolve-Salons, die es mittlerweise schon in 13 Städten gibt. Ich denke, die Gespräche über diese Ausgabe werden eine besondere Qualität entfalten. Wir hoffen, dass dabei der Entdeckergeist spürbar wird, den auch wir bei der Arbeit an den Texten empfunden haben.

Herzlichst
Mike Kauschke