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Editorial 09 /2016

Als ich Freunden und Kollegen das Thema dieser neuen Ausgabe von evolve nannte, erhielt ich oft die Antwort: «Oh, es geht um Sex und Partnerschaft.» Allein das fand ich spannend, weil das Wort «Intimität» ganz schnell vor allem diese Assoziation in uns wachzurufen scheint. Und natürlich geht es in dieser Ausgabe auch darum – aber auch um ganz, ganz viel mehr. Denn Erfahrungen der Intimität und Nähe können sich in fast allen Bereichen unseres Lebens ereignen. Aber oft beachten wir diese unerschöpfliche Fülle nicht oder sind uns dessen nicht bewusst.

In dieser Ausgabe wollen wir diesen vielen Facetten und Erfahrungen der Nähe nachspüren, sie offenlegen und für Sie als Leser auch erlebbar werden lassen. Deshalb ist diese Ausgabe auch eine besonders poetische geworden – wie ich finde. Nicht zuletzt wegen der künstlerischen Arbeiten von Stephan Guber, mit denen wir dieses Mal unser Magazin gestalten durften. Da der Mensch im Zentrum seiner Kunst steht, kreisen viele seiner Werke um den Ausdruck von Nähe, diesem vielleicht größten Geheimnis unseres Menschseins.

Einen stimmungsvollen Einstieg in dieses vielgestaltige, offenbare Geheimnis gibt unser Herausgeber Thomas Steininger in seinem Leitartikel, in dem er das Spektrum der Intimität öffnet, im eigenen Erleben auffindet und ihm Worte gibt.

Den vielen Formen von Nähe geht auch Jelle van der Meulen in seinem Beitrag nach. Ihn führt diese Suche zu der Frage, ob wir eine neue Kunst der Nähe entwickeln können. Ein Wertschätzen und Einüben der Nähe, das eine «Kultur des Herzens» entstehen lassen kann. Dass diese Kultur der Nähe auch ganz konkrete Auswirkungen auf unser Handeln in einer bedrohten Welt haben muss, betont die Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt in ihrem Beitrag. Sie spricht davon, dass wir von einer Weltsicht, die die Realität als etwas Getrenntes wahrnimmt, zu einer Erfahrung der Wirklichkeit finden können – unserem Nicht-Getrenntsein von der Welt. Hier, im «goldenen Feld», wie sie es nennt, erwächst die Verantwortung für das Ganze.

Diese große Dimension von Intimität öffnet auch die Mystikerin Cynthia Bourgeault in unserem Interview. Für sie kann bewusste Sexualität in Freiheit zu einem Sakrament der Verletzlichkeit werden. Ein Tor von vielen in eine kosmische Intimität, in der wir uns verbunden fühlen, mit der Lebendigkeit in und um uns – und uns als Träger dieser Lebendigkeit erfahren. Wie sich unsere Sexualität und Partnerschaft verändern können, wenn wir Sex nicht getrennt von diesen umfassenden Dimensionen unseres Daseins leben, beleuchtet der Psychologe Robert Masters in seinem Artikel.
Wie Sie sehen, Intimität und Nähe halten mehr für uns bereit, als wir oft im ersten Moment ahnen. Und in gewissem Sinne ist auch unser Magazin ein Projekt, das aus der Nähe lebt. Auch das machen wir uns nicht oft bewusst. So eine Ausgabe entsteht nur in ko-kreativer Intimität vieler engagierter Menschen. Und lebt aus der Nähe zu Ihnen, unseren Lesern.

Dies ist unsere erste Ausgabe im neuen Jahr und wir hoffen, es hat gut für Sie begonnen. Wir freuen uns über die Entwicklung, die evolve im vergangenen Jahr nehmen konnte. Und wir sind voller Erwartung auf weitere, begeisternde und berührende Begegnungen.

Herzlichst
Mike Kauschke