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Editorial 25/2020

Abbildung: Kunst von NILS-UDO

Wenn ich das Cover dieser Ausgabe anschaue, dann staune ich: Mit dieser evolve halten Sie die 25. Ausgabe unseres Magazins in Händen. Und wenn ich daran denke, was für einen intensiven Prozess der vertieften Auseinandersetzung und der dialogischen Durchdringung eines Themas jede Ausgabe bedeutet, dann spüre ich den Weg, den wir in den letzten Jahren mit Ihnen gegangen sind und das Gebiet, das wir dabei erschlossen haben, und die Beziehungsfelder, die dabei entstanden sind. Es wäre uns nicht möglich gewesen, so weit zu gehen, wenn Sie uns als Leserinnen und Leser, Abonnentinnen und Förderer nicht auf vielfältige Weise dabei unterstützt hätten. Dafür an dieser Stelle ein ganz herzlicher Dank!

Dieses Gebiet, in das wir uns mit jeder evolve weiter hineinbewegt haben, könnte man als eine integrale Bewusstseinskultur bezeichnen, in der unsere individuelle Bewusstseinsentwicklung mit einer Transformation unserer Gesellschaft einhergeht. Und in den letzten Jahren hat sich die Dringlichkeit der Formung einer solchen Bewusstseinskultur stetig verstärkt. Mit dem Klimawandel und der ökologischen Krise sowie den damit verbundenen psychologischen, ökonomischen, kulturellen und spirituellen Fragen steht die Aufgabe und Möglichkeit der Entwicklung einer neuen Sicht des Lebens und eines neuen Seins in der Welt im Raum: im Innenraum unserer eigenen Bewusstwerdung und in den Beziehungsräumen, in denen wir leben.

Während ich dies schreibe, ist Klimahysterie zum Unwort des Jahres gewählt worden, weil es die mit der menschengemachten Erderwärmung verbundenen Sorgen als Geisteskrankheit abtut. Dieses Wort ist auch eine hilflose Reaktion auf eine neue globale Bewegung, die von der Sorge um unsere Erde und unsere Zukunft bewegt wird. Denn wie auch immer wir uns das Potenzial der Zukunft vorstellen, ohne eine gesunde Erde wird es sich nicht entfalten können. Und zu dieser Erde und zu dieser Zukunft gehören auch wir, als Teilhabende und Gestaltende.

Wir waren uns klar, dass wir mit diesem Thema ein unendlich komplexes Terrain betreten und dass wir dabei tief mit dem möglichen Abgrund und der möglichen Transformation in Berührung kommen: Ende oder Wende. Wir haben Stimmen zusammengebracht, die sich dem Ernst unserer globalen Lage nicht verschließen, aber dennoch oder gerade deswegen nach den Potenzialen für einen Wandel hin zu einer ökologischen und bewussten Kultur suchen und sie in ihrer Arbeit umsetzen. Denn im Angesicht so großer Herausforderungen kann leicht das Gefühl der eigenen und gemeinschaftlichen Wirkmacht verloren gehen. Gleichzeitig braucht es ein Verstehen der systemischen, historischen und philosophischen Zusammenhänge, durch die wir in diese Situation gekommen sind – und wieder herausfinden, oder besser: hindurchfinden.

Thomas Steininger erforscht in seinem Leitartikel, inwieweit der mögliche globale Kollaps, mit dem uns die Klimakrise konfrontiert, ein Lehrer für uns sein kann. Welcher Wandel unserer Identität und unseres Seins in der Welt wird hier angefragt? Und welche neuen Impulse des Antwortens auf unsere Gegenwart ergeben sich daraus? Die Systemdenkerin Nora Bateson ist überzeugt, dass zu einer effektiven Antwort auf die ökologische Krise auch gehört, unser Eingebundensein in vielfältige Lebensprozesse neu wahrzunehmen, ins Gespräch zu bringen und zu gestalten. Solch eine verbundene Wahrnehmung ist auch ein Aspekt der regenerativen Kulturen, die Daniel Christian Wahl untersucht. Für ihn gibt es bereits viele aufgehende Samen dieser schöpferisch-lebendigen Kultur, die wir unterstützen können. Für diese Sicht der mitempfindenden Verbundenheit steht Joanna Macy seit Jahrzehnten. Die Mitbegründerin der Tiefenökologie vermittelt eindrücklich die Intimität mit dem Leben, das Mitfühlen mit dem Schmerz der Erde und die tätige Hoffnung einer gelebten Integration von Mensch und Erde, Natur und Kultur.

Diese Liebe zur Erde kommt auch im Werk von NILS-UDO zum Ausdruck. Wir sind sehr dankbar, dass wir diese Ausgabe mit Werken eines der Pioniere der Naturkunst oder Land Art in Europa gestalten konnten. Für den Künstler war es wichtig, dass seine Arbeiten in Gänze erscheinen, um wirken zu können, wodurch sich in dieser Ausgabe ein besonderer Dialog mit der Kunst entfaltet. 

Das vergangene Jahr war für uns erfüllt von vielen inspirierenden Begegnungen. Wir haben mit evolve Live! eine Veranstaltungsreihe begonnen, in der wir die Themen unseres Magazins mit relevanten Sprecherinnen und Sprechern in ein vertiefendes Gespräch bringen. Der Höhepunkt dieser Reihe ist Ende Januar die Dialog-Konferenz in Berlin zum Thema Digitalisierung. Diese Dialoginitiative ist das Ergebnis unserer intensiven Zusammenarbeit mit der Akademie Heiligenfeld, die auch auf dem diesjährigen Kongress Heiligenfeld wieder Ausdruck finden wird mit einem Vortrag, einem Workshop und den evolve Cafés während des Kongresses. 

Für den Herbst dieses Jahres planen wir die Fortsetzung unserer evolve Live! Abend- oder Tagesveranstaltungen. Wenn Sie Interesse haben, mit uns in Ihrer Stadt solch einen Event zu organisieren, dann melden Sie sich gern bei uns. Diese Veranstaltungen sind eine Erweiterung unserer evolve Salons, die es nun schon an 26 Orten in Deutschland, Österreich und jetzt auch in der Schweiz gibt. Wenn Sie dieses Jahr den Impuls spüren, an Ihrem Ort einen evolve Salon zu initiieren, dann schreiben Sie uns. Wir freuen uns über das Wachsen eines Feldes der Ko-Kreation und dialogischen Zusammenarbeit für die Entwicklung einer Bewusstseinskultur, die den Herausforderungen unserer Zeit gewachsen ist. Und wir alle sind gestaltende Akteure dieser Kultur.

Herzlichst
Mike Kauschke
Leitender Redakteur