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AUF DER SUCHE NACH WEISHEIT Wege aus der Sinnkrise – mit John Vervaeke

Kunst: Ulrich Naumann

Für diese Ausgabe von evolve stellt Thomas Steininger John Vervaeke vor, Professor für Kognitionswissenschaften an der Universität Toronto, der auf YouTube eine 50-teilige Vortragsreihe mit dem Titel »Awakening from the Meaning Crisis« veröffentlicht hat. Diese anspruchsvollen einstündigen Vorlesungen erreichten weltweit bis zu 150.000 Zuschauer. Und das hat seinen Grund. Die Kognitionswissenschaft ist eine junge, interdisziplinäre, ja integrale Wissenschaft, und Vervaeke eröffnet mit einem erstaunlichen enzyklopädischen Wissen aus Anthropologie, Kulturgeschichte, Neurowissenschaft, KI-Forschung, Linguistik, Psychologie und Philosophie ungewöhnliche, neue Perspektiven auf die Sinnkrise unserer Zeit. Ein perfekter Einstieg für unsere Ausgabe über die Suche nach Sinn und die Sinnkrisen unserer heutigen Zeit.

Thomas Steininger

Im vergangenen Sommer schickte mir eine Kollegin aus den USA ein Video, in dem John Vervaeke im Gespräch mit Nora Bateson zu sehen ist. »Kennt ihr ihn? Er scheint genau über eure Themen zu sprechen«, schrieb sie. Ich schaute mir das Video an, und dank der Algorithmen von YouTube entdeckte ich mehr – viel mehr – von diesem Kognitionswissenschaftler aus Kanada. Was ich sah, beeindruckte mich. Mit ungewöhnlicher Bildung und klarem Sachverstand schien hier jemand über die Wurzeln unserer gegenwärtigen Sinnkrise zu sprechen: Die Klima- und Gesundheitskrise, die weltweite Armut und das Wohlstandsgefälle, die Sucht- und Selbstmordkrise, über die nicht viel gesprochen wird, das Gefühl des Verlustes, der Verlassenheit und des Nihilismus inmitten eines empfundenen Systemkollapses – all das, so seine These, hat mit einer tiefen Sinnkrise zu tun. John sprach Dinge an, deren ich mir bewusst war, aber vieles kannte ich so nicht. Während des Interviews, das wir letztlich zu diesem Thema führten, brachte er seine Sicht so auf den Punkt: »Wir im Westen leiden an einer Krise der Weisheit.«  

Eine Krise der Weisheit als die entscheidende Krise unserer Zeit? Diese Diagnose, und noch dazu von einem Wissenschaftler, ist ungewöhnlich. Die Weisheitstraditionen der großen Religionen haben in der modernen westlichen Kultur eine Außenseiterrolle. Sie bestimmen unsere Kultur nicht. Die Wissenschaft, die Psychologie und auch die Vielzahl der modernen und postmodernen Therapien und sozialen Praktiken konnten dieses Vakuum nicht füllen.  

In unserer säkularen Kultur ist Weisheit mehr ein Privatvergnügen. Die Tatsache, dass ein Wissenschaftler wie John Vervaeke diese Frage nach der Weisheit von einem zeitgenössischen, wissenschaftlichen Standpunkt aus anspricht, erlaubt uns, auf eine neue Weise darüber zu reden. Kann es gelingen Weisheit als Kulturgut zurück in die Mitte der Gesellschaft zu holen? Um diese Frage zu beantworten, bat ich John Vervaeke, in einem Interview sein Verständnis der Sinnkrise mit mir zu teilen. Was haben wir verloren? Wie kann es vielleicht auf eine neue Weise wiederentdeckt werden?
 

Die Sinnkrise 

Offensichtlich geht etwas zu Ende. Die westliche Welt, so wie wir sie kennen, ist tief verunsichert. Vor den beiden Weltkriegen war unser abendländisches Selbstverständnis noch intakt. Der Westen war die Zukunft der Welt. Die Kriege, der Holocaust und der Gulag haben dieses Selbstvertrauen gründlich erschüttert. Aber mit Amerika fand der freie Westen in den 50er Jahren zu einer neuen Zuversicht, eine goldene Zukunft vor sich zu haben. Auch das hat sich geändert.

Unser wachsendes Bewusstsein für die Auswirkungen fossiler Brennstoffe, die Zerstörung der Lebensräume, das Scheitern vieler kapitalistischer Versprechen und demokratischer Hoffnungen hat uns beunruhigt. Wir glauben nicht mehr an uns selbst. Wir »fremdeln« in unserer eigenen Welt. In den ersten Jahrhunderten der Moderne gaben uns unsere christlich-abendländischen Werte einen klaren moralischen Kontext. Heute haben wir uns, mit Ausnahme einiger Fundamentalisten, von diesem starren Wertekanon entfernt. Auch die Werte der Aufklärung stehen mit ihrer kolonialen Geschichte auf der Anklagebank. Auch unser Glaube an den Fortschritt ist erschüttert. Wer sind wir? Und wer wollen wir sein?  

Aber dieser Verlust des Glaubens an Technologie und Fortschritt ist nur der jüngste »Heimatverlust«. Wir haben uns vor allem von den tieferen Quellen der Weisheit abgekoppelt, die auch in der europäischen Tradition eine große Rolle spielten. John Vervaeke bemerkt: »Die Religion gab den Menschen zuverlässig eine Weltanschauung, die ihnen ein Zuhause gab und in der sie Weisheit kultivieren konnten. In der säkularen Welt haben wir diese Weltanschauung verloren. Wir hofften, dass politische und sozioökonomische Strukturen sie ersetzen und das Gleiche leisten könnten. Die Politik gibt heute vor, sich mit dem menschlichen Streben nach Glück zu befassen – was immer das heißt. Dabei ist sie zu einem ideologischen Wettbewerb verkommen. Sie macht uns für genau die Ebene blind, mit der wir uns bei solchen Fragen befassen müssen. Der Aufstieg des Säkularismus mit seinem rein gesellschaftspolitischen Diskurs hat also unser Getrenntsein verschärft.«

Durch Verbundenheit entsteht Sinn und das ist der Kern von Weisheit. »Weisheit bedeutet nicht nur, Unterscheidungsvermögen zu entwickeln”, erklärt er. “Sie bedeutet, sich mit den Dingen auseinanderzusetzen, die uns von jener Verbundenheit abgeschnitten haben, die letztlich der Sinn des Lebens ist.«  

Lesen Sie den kompletten Text in der evolve Ausgabe 28 / 2020